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Bundestrainer Joachim Löw gewann 1997 mit Stuttgart den DFB-Pokal © getty

Der Bundestrainer räumt erstmals ein, beim EM-Aus gegen Italien die falschen Spieler auf das Feld geschickt zu haben.

München - Bundestrainer Joachim Löw hat rund ein halbes Jahr nach dem EM-Aus gegen Italien erstmals klar und deutlich Fehler bei der Aufstellung eingeräumt.

"Mit dem Wissen von heute würde ich im Halbfinale gegen Italien wahrscheinlich eine andere Aufstellung wählen", sagte Löw im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung":

"Ich hatte ja einen klaren Plan für dieses Spiel. Und natürlich muss ich jetzt zugeben, dass der Plan nicht aufgegangen ist."

Gerüchte, er wolle nach der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien sein Amt aufgeben, dementierte Löw derweil: "Das habe ich nie behauptet. Es ist alles möglich", sagte der 52-Jährige, der seit 2006 für das A-Team verantwortlich ist.

Fehlgriffe mit Gomez, Podolski und Kroos

Löw hatte nach dem EM-Aus viel Kritik für seinen Schachzug eingesteckt, Mario Gomez, Lukas Podolski und Toni Kroos in die Startelf zu berufen und dafür Miroslav Klose, Marco Reus und Thomas Müller außen vor zu lassen.

Speziell die Berufung Kroos' als Stärkung der Zentrale gegen Italiens Regisseur Andrea Pirlo verwunderte, weil es Löw vorher ausgerufenem Prinzip widersprach, dem Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen, anstatt sich nach ihm zu richten - und nach hinten losging.

Löw hatte hinterher zwar allgemein Fehler eingeräumt, seine Aufstellung aber nie explizit als solchen benannt.

Löw selbstkritisch

In seiner Rückschau ließ Löw auch den Vorwurf gelten, in kritischen Situationen wie beim 1:2 gegen die Italiener oder beim 4:4 nach 4:0-Vorsprung gegen Schweden zu wenig eingegriffen und gecoacht zu haben.

"In diesen Spielen muss ich mir diesen Vorwurf gefallen lassen, vielleicht hätte ich tatsächlich durch irgendwelche Maßnahmen noch etwas bewirken können", sagte Löw:

"Aber das kommt schon mal vor, dass ein Trainer nach einem Spiel einräumen muss: Heute hatte ich nicht die richtigen Lösungen parat."

Schwächen aufgezeigt

Jene beiden Spiele zeigten laut Löw auch die Schwäche seines Teams auf.

"Wenn der Gegner eine Veränderung in seinem Spiel vornimmt, dann verliert meine Mannschaft manchmal ihre Sicherheit und ihren Spielstil", sagte Löw:

"Gegen Italien waren wir 15 Minuten gut im Spiel, dann sind die Italiener plötzlich weiter nach vorne gerückt, zum Teil sogar auf unseren Torhüter drauf gegangen"

Spielaufbau vernachlässigt

Das hätten auch die Schweden nach 60 Minuten gemacht.

"Und beide Male hat meine Mannschaft das vernachlässigt, was sie eigentlich mit am besten kann auf der Welt: Sie hat ihren Spielaufbau nicht mehr durchgezogen. Sie hat einfach ihre größten Trümpfe aus der Hand gegeben", erklärte der Bundestrainer.

Horror-Niederlage gegen Italien

Vor allem die Niederlage gegen Italien hat beim Bundestrainer Spuren hinterlassen.

"Das waren viele Abende, wo man im Bett liegt und aufwacht, so richtig hochschreckt, dann fallen einem einzelne Szenen ein, die kommen nach und nach bruchstückhaft hoch", sagte Löw "dfb.tv".

Noch heute verfolge ihn das 1:2 in Warschau ab und an: "Für mich ist das fast schon ein Horror, da kriege ich Gänsehaut, wenn ich solche Spiele anschaue, aber im negativen Sinne."

Das kommende Jahr sieht Löw auch ohne großes Turnier als wegweisend an: "2013 wird ein Jahr der Konzentration. Am Ende des Jahres müssen wir so weit sein, dass wir uns auf die WM in Brasilien freuen können."