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SPORT1-Redakteur Mathias Frohnapfel (r.) traf Jerome Boateng zum Interview © SPORT1

Jerome Boateng wehrt sich bei SPORT1 gegen falsche Einschätzungen und spricht über seine Situation beim FCB und das Länderspiel.

Von Mathias Frohnapfel

München/Paris - Ein Etikett - mag es noch so schlicht sein - kann ziemlich fest pappen.

Jerome Boateng weiß das, und doch ärgern den Bayern-Abwehrspieler die Einschätzungen, die ihm nach seinem Platzverweis in der Champions League gegen Borissow angeheftet wurden.

Die Aktion, die zur Roten Karte führte, nennt der 24-Jährige "blöd", Verallgemeinerungen daraus nerven ihn aber.

So war der Jahresausklang 2012 leicht verhagelt, und just zum Neustart im Januar platzte eine Trainingsblessur mitten hinein in die wichtige Rückrunden-Vorbereitung.

Das Resultat: Drei Spiele in der Rückrunde, drei Bayern-Siege, aber keine einzige Spielminute für Boateng. Der damalige Trainingsrückstand hat ihn zurückgeworfen, Routinier Daniel van Buyten ist aktuell an ihm vorbeigezogen.

Umso mehr genießt es Defensivspezialist Boateng, jetzt mit der Nationalelf gegen Frankreich (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) wieder auf großer Bühne zu zeigen, was er drauf hat.

Im SPORT1-Interview spricht der Verteidiger über den Härtetest in Paris, den Kampf um seinen Stammplatz in München und Bayerns Jagd nach Bestmarken.

SPORT1: Herr Boateng, Sie kennen zig Finten von Frankreichs Starspieler Franck Ribery aus dem Training beim FC Bayern. Wie ist es, jetzt im Testspiel in Duelle mit dem Teamkameraden zu gehen?

Jerome Boateng: Man geht motiviert ran, will auch für sein Land das Beste geben. Trotzdem ist es natürlich ein Freundschaftsspiel, wir stehen ja im Ligabetrieb. Die Partie ist dennoch ein sehr guter Test. Wir haben im vergangenen Jahr in Bremen verloren, diesmal wollen wir auf jeden Fall gewinnen.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Franzosen ein?

Boateng: Frankreich hatte einen Trainerwechsel nach der EM (Didier Deschamps übernahm für Laurent Blanc, Anm. d. Red), sie verfügen über viele gute Spieler. Und Frankreich war immer ein gutes Fußball-Land, auch wenn es zuletzt bei den Turnieren vielleicht nicht so lief. Natürlich freuen wir uns auf das Spiel.

SPORT1: Was haben Sie sich für die Nationalmannschaft 2013 vorgenommen?

Boateng: Ich bin in der Nationalelf nach innen gerückt, fange dort bei null an und versuche mich reinzudrängen und will auch auf lange Sicht innen spielen. Ich weiß, was ich für Qualitäten habe und bin recht zuversichtlich.

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SPORT1: Im Bayern-Trainingslager in Katar gab es einen Schlag aufs Knie, Sie verpassten den Test gegen Schalke, und zu Rückrundenbeginn wurde Daniel van Buyten neben Dante eingesetzt. Wie schätzen Sie Ihre Situation beim FCB ein?

Boateng: Ich bin gut drauf und trainiere sehr gut, ich weiß, was ich kann und dass ich wieder spielen werde. Ich mache mir überhaupt keinen Kopf. Natürlich bin ich ehrgeizig und will spielen. Ich bin nie zufrieden auf der Bank. Im Moment spielt jedoch Daniel, und er spielt gut. Das freut mich und ist wichtig für die Mannschaft. Ich weiß, dass der Trainer mir vertraut, alles andere zählt nicht.

SPORT1: Gibt es bei Ihnen keinen Frust?

Boateng: Den gibt es überhaupt nicht, ich bin motiviert und ehrgeizig. Ich bin für jedes Spiel bereit und fit. Mir ist jedoch klar, dass ich durch die Verletzung etwas hinterhergehangen habe.

SPORT1: Mario Gomez und Arjen Robben sitzen auch aktuell auf der Bank. Denken Sie, nach und nach werden alle wieder mehr Spielpraxis bekommen, damit keine Unruhe entsteht?

Boateng: Wir sind alle Fußballer durch und durch, und natürlich ist es schwer draußen zu sitzen. Das ist jetzt aber nur ein Moment. Mario und Arjen waren lange verletzt, Mario hat zuletzt gut getroffen, war dann im Trainingslager leicht angeschlagen. Das muss man alles berücksichtigen. Und wir haben aktuell keine englischen Wochen.

SPORT1: Sie haben in der Vorrunde zu Bayerns starker Defensive beigetragen, doch im Dezember gab es den Platzverweis in der Champions League gegen Borissow und die unglückliche Szene im Training mit Javier Martinez, bei der sich der Spanier eine Kaspelzerrung zuzog. Wie sieht Ihr Rückblick aus?

Boateng: Die Vorrunde war sehr gut, wenn man sich die Statistiken anschaut. Ich habe gut angefangen, war gut im Rhythmus und habe mich gesteigert, bis der Muskelfaserriss kam. Nach der Verletzung war ich vielleicht nicht so solide wie vorher und die Rote Karte gegen Borissow war sicher blöd. Ich habe mir damit selbst am meisten wehgetan, fehle in den beiden Spielen gegen Arsenal. Was danach zum Foul im Training gegen Javi geschrieben wurde, war aber nicht in Ordnung.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Boateng: Bei welchem Spieler heißt es sonst ein "brutales Foul", wenn so etwas im Training passiert? Das heißt es doch nur, weil es um meinen Namen geht. Ich lass mich davon dennoch nicht beirren, für mich ist wichtig, was Trainer und Manager mir vorgeben.

SPORT1: Die Vorrunde war mit einigen Bestmarken garniert. Was macht Sie optimistisch, dass die Rückrunde ähnlich wird und am Ende der FCB die Meisterschale zurück nach München holt?

Boateng: Durch den Konkurrenzkampf steigt das Niveau, außerdem trainieren wir gut und wollen unser Umschaltspiel noch verbessern und noch effizienter vor dem Tor werden. In all den Punkten sind wir auf einem guten Weg, haben aber Luft nach oben.

SPORT1: Es wäre Ihre erste Deutsche Meisterschaft. Was würde Ihnen der Titel bedeuten?

Boateng: Das wäre natürlich Wahnsinn, dafür arbeiten wir jetzt alle hart. Der Titel wäre der Verdienst vom ganzen Team, vom Trainer und vom ganzen Klub.

SPORT1: Sie haben gleich nach dem Rassismus-Eklat um Ihren Bruder Kevin-Prince Boateng Partei für ihn ergriffen. Würden Sie auf dem Feld bei derartigen Anfeindungen der Zuschauer genauso reagieren?

Boateng: Das ist schwer zu sagen, es kann gut sein. Es kann sein, dass ich in einem so kleinen Stadion, wo man das deutlich hört, auch so reagiert hätte. Aber das ist hypothetisch. Idioten wie da sterben leider nicht aus.

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