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Joachim Löw führte das DFB-Team bei der WM 2010 auf den dritten Platz © getty

Der DFB-Coach gerät vorm Kasachstan-Spiel ins Verhör und relativiert seine Kritik an Quali-Spielen gegen Fußball-Zwerge.

Astana - Als er nach dem erstaunlich reibungslosen Beginn der grotesken Zeitreise fast wie ein Popstar empfangen wurde, wurde Joachim Löw ein wenig verlegen.

Der Bundestrainer ordnete zunächst seinen schwarzen Schal über dem blauen Anzug und nahm seine Rolle als "Außenminister" nicht nur modisch sehr ernst.

Beeindruckt von der riesigen Anzahl an kasachischen Journalisten, die ihn erst fast ehrfürchtig ins Blitzlichtgewitter stellten und dann ins Kreuzverhör nahm, ruderte Löw sogar im Falle seiner Forderung nach einer Vorqualifikation vor großen Turnieren zurück.

"Damit habe ich doch auf keinen Fall Kasachstan gemeint. Das neuntgrößte Land der Welt", meinte Löw am Tag vor dem WM-Qualifikationsspiel bei den Kasachen ((Fr., 18.30 Uhr im LIVE-TICKER) im vollbesetzten Presseraum der Astana Arena auf die Frage eines offenbar gekränkten einheimischen Pressevertreters.

"Highlight für die Kleinen"

Nach der in erster Linie freundschaftlich gemeinten Aussage relativierte Löw seine Forderung nach einer Vorqualifikation auch im Kern.

"Meine sportliche Sicht als Bundestrainer ist, dass wir insgesamt ein paar Spiele zu viel haben. Deshalb habe ich das gesagt", erklärte der 53-Jährige: "Aber es gibt natürlich auch eine sportpolitische Seite. Ich weiß, dass die sogenannten Kleinen das Spiel als absolutes Highlight sehen. Deswegen haben diese Spiele ihre absolute Berechtigung. Von daher spielen wir gerne gegen Kasachstan."

Das Spiel gegen den 139. der FIFA-Weltrangliste nimmt der DFB-Tross durchaus ernst.

Keine Angst, aber Respekt

"Wir haben keine Angst, aber wir haben Respekt. Die Kasachen sind körperlich stark und hochmotiviert. Diese Mannschaft wird sich mit Händen und Füßen wehren", sagte er.

Und ergänzte, zum Beweis, dass dies nicht nur freundliche Worte waren: "Und dass wir beim letzten Mal mit einem 0:0 in die Pause sind, haben wir auch noch nicht vergessen."

Das Spiel im Oktober 2010 endete jedoch mit einem standesgemäßen 3:0.

Keine weiteren Ausfälle

Immerhin hat der Bundestrainer keine weiteren Ausfälle zu beklagen.

"Alle Mann an Bord", meldete er zufrieden, nachdem sich die angeschlagenen Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski fit gemeldet hatten.

Löw hatte vor (Mats Hummels, Holger Badstuber, Miroslav Klose) und nach der Nominierung (Lars und Sven Bender, Toni Kroos) jeweils drei Absagen hinnehmen müssen.

DFB-Tross nimmt erste Hürde

In der Vorbereitung wurde aber nichts dem Zufall überlassen.

Und sogar die Anreise war pünktlich.

Vom großen Streik am Frankfurter Flughafen war das DFB-Team am Donnerstag nicht betroffen und nahm dank ihrer Sonderstellung die erste Hürde sehr elegant.

So konnte der Lufthansa-Airbus A340 mit der Flugnummer 342 wie geplant um 10.12 Uhr von der Startbahn West ins 4300 Kilometer entfernte Astana abheben und bei Minus 4 Grad auch pünktlich gegen 20.20 Uhr Ortszeit landen.

Ungewöhnlicher Zeitplan

Spannend bleibt, wie Löws Team vor dem Spiel zur "Geisterstunde" (0 Uhr Ortszeit) mit dem ungewohnten Kunstrasen und der Zeitverschiebung zurechtkommt.

"Wir trainieren um 23 Uhr. Um zwei Uhr gibt es Abendessen, um vier ist Bettruhe und um zwölf gibt's Frühstück", verkündete der Bundestrainer bereits vor dem Abflug mit einem Schmunzeln den ungewöhnlichen Zeitplan.

Zeitumstellung wird ignoriert

Doch der kuriose Tagesablauf beim ungewöhnlichsten Länderspiel-Trip des Jahres hat seinen Grund: Die Zeitumstellung von fünf Stunden ignoriert der DFB-Tross einfach.

Für einen, maximal zwei Tage gehe das, versicherten Löw und DFB-Internist Tim Meyer. Aber keine Stunde länger.

"Die Devise lautet: Die Bedingungen annehmen, gewinnen und so schnell wie möglich wieder zurückfliegen", sagte Abwehrchef Per Mertesacker.

"Herzlichen Dank ans Fernsehen"

Ihre Uhren werden die Spieler bei diesem nicht nur für Mertesacker "scheinbar grotesken" 43-Stunden-Trip nicht umstellen.

Für sie soll das Spiel gefühlt um 19 Uhr stattfinden, wie für die Zuschauer in Deutschland auch.

Die "kuriose Anstoßzeit" (Löw) soll und kann eher für die Gastgeber zur Belastung werden. "Herzlichen Dank ans Fernsehen", richtete Mannschaftsarzt Meyer deshalb aus: "Die Anstoßzeit spielt uns in die Karten."

Augenklappen, Ohrenstöpsel und dichte Vorhänge im Fünf-Sterne-Hotel "Rixos President" sind für die Spieler dennoch wichtig, damit sie nicht mitten in der Nacht - nach innerer Uhr - von der aufgehenden Sonne geweckt werden.

Deshalb werden die Vorhänge mit Tape in der Mitte zusammen und seitlich an die Wände geklebt.

Boateng oder Höwedes

Die Startelf für die Partie unter geschlossenem Dach steht bis auf zwei kleine Fragezeichen. 687883 (DIASHOW: DFB-Kader gegen Kasachstan)

In der Innenverteidigung wird nach dem Ausfall von Mats Hummels und Holger Badstuber ein Partner für Mertesacker gesucht, die Entscheidung falle zwischen Jerome Boateng und Benedikt Höwedes, verriet Löw.

Löw will Stürmer nicht abschaffen

Im Sturm stellt sich die System-Frage: Mit Mario Gomez als zentralem Keilstürmer? Oder mit Mario Götze als "falschem Neuner", was wohl Lukas Podolski anstelle von Gomez ins Team bringen würde?

Generell wird dem Bundestrainer "diese Diskussion zu hoch gehängt. Ich will die Stürmer ja nicht abschaffen."

Dennoch wird er wahrscheinlich mit dem Dortmunder Götze (20) beginnen und versuchen, sein zuletzt in den Niederlanden (0:0) und Frankreich (2:1) getestetes "spanisches System" zu verfeinern.