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Mario Gomez erzielte in 14 Einsätzen sechs Tore für das DFB-Team © getty

Mario Gomez hatte bei der Europameisterschaft seine schwärzeste Stunde im DFB-Team. Vor dem Spiel gegen Belgien schaut er zurück.

Von Martin van de Flierdt

Herzogenaurach ? Mit großen Erwartungen war Mario Gomez ins EM-Turnier in Österreich und der Schweiz gestartet. Am Ende blieb Ernüchterung: Vier Einsätze, kein Tor und ein verkrampftes Auftreten, das nur entfernt an den Fußballer des Jahres 2007 erinnerte.

Aus dem Anwärter auf den internationalen Durchbruch war ein EM-Sorgenkind geworden. "Ich war sicher ein bisschen verunsichert", räumt der Stuttgarter im Sport1.de-Interview ein.

Vor dem heutigen Länderspiel in Nürnberg gegen Belgien (ab 20.30 Uhr LIVE) spricht der 23-Jährige im Sport1.de-Interview darüber, wie er die für ihn enttäuschende EM verarbeitet hat, wo er sich in der Hierarchie der Nationalmannschaft sieht und warum er einen potenziellen Wechsel zum FC Bayern früher als andere abgehakt hatte.

Sport1: Herr Gomez, wie oft haben Sie im Sommer an die Szene gegen Österreich denken müssen, als Sie den Ball aus Nahdistanz nicht ins leere Tor bugsieren konnten?

Mario Gomez: Ach, das ging alles so schnell. Dass ich den Ball nicht treffe, kann passieren. Was nicht passieren darf, ist, dass ich dem Ball nicht mehr nachgehe. Das war sicherlich mein Fehler. Aber ich war so perplex und habe gedacht: Das kann nicht wahr sein, wieso verspringt der Ball schon wieder.

Sport1: Für Sie persönlich war die EM enttäuschend. Wie haben Sie sie verarbeitet?

Gomez: Wir sind am Montag aus Berlin zurückgekommen. Am Mittwoch war ich im Krankenhaus und habe meine Nase operieren lassen. Da habe ich dann zwei Tage gelegen und hatte Zeit, das Ganze Revue passieren zu lassen. Ich habe mir meine Gedanken darüber gemacht und hätte mir natürlich gewünscht, dass das Ganze etwas positiver für mich gelaufen wäre. Aber ich bin 23 und spiele noch zehn, zwölf oder 15 Jahre Fußball. Da wird sich noch das eine oder andere Mal in meiner Karriere die Chance ergeben, bei einem Turnier dabei zu sein.

Sport1: Es bleibt also nichts hängen?

Gomez: Als wir Meister geworden sind und bei mir alles als super oder perfekt angesehen wurde, habe ich schon gesagt: Ich weiß auch, wie es ist, wenn ich mal nicht treffe. Das hat mir nun die Stabilität gegeben, alles gut einzuschätzen. Für mich ist das alles zu extrem: Du schießt ein paar Tore und bist der absolut Tollste. Dann triffst du dreimal nicht und bist der Trottel.

Sport1: Haben Sie die Kritik an Ihnen für überzogen gehalten?

Gomez: Nein. Ich weiß ja, dass es komplett anders läuft, wenn ich ein paar Tore mache. Ich habe mir das auch anders vorgestellt und wollte natürlich treffen. Mir kann keiner vorwerfen, dass ich nicht alles dafür getan habe. Ich hätte in genau den gleichen Spielen mit den gleichen Einsatzzeiten drei Tore gemacht, wenn ich meine Hundertprozentigen verwertet hätte. Dann wäre alles superpositiv gewesen. Die drei entscheidenden Aktionen sind aber nicht reingegangen. Da liegen Erfolg und Misserfolg eben sehr nah zusammen.

Sport1: Haben Sie für sich schon mit der EM abgeschlossen?

Gomez: Seit ich aus dem Krankenhaus rausgekommen bin, habe ich nicht mehr über das Turnier nachgedacht. Das ist abgehakt, es bringt eh nichts mehr. Die Mannschaft konnte nicht von mir profitieren, weil ich ihr nicht mit meinen Toren helfen konnte. Ich habe ihr aber auch nicht geschadet, denn wir haben es ja trotzdem ins Finale geschafft.

Sport1: Ihre Sicherheit vor dem Tor schien aber zwischenzeitlich verloren gegangen zu sein?

Gomez: Bei der EM war ich sicher ein bisschen verunsichert. Nach dem ersten Spiel gegen Polen ging mir natürlich im Kopf herum, warum dieser Ball von Miro Klose einen Millimeter zu lang wird. Jetzt hat die neue Saison begonnen. Ich habe mich gegen Gladbach wieder sicher gefühlt. Ich weiß schon noch, wo das Tor steht. Die Sicherheit wird mit jedem Tor größer. Letztes Jahr habe ich in der Rückrunde in zwölf Pflichtspielen 16 Tore gemacht. Da bist du natürlich anders drauf. Aber es gibt für mich keinen Grund, nervös zu sein.

Sport1: In die EM sind Sie als Stammspieler gegangen. Haben Sie die Befürchtung, dass Sie sich in der Mannschaftshierarchie jetzt wieder ein bisschen weiter hinten anstellen müssen?

Gomez: Ich habe mich vor der EM auch nie vorne gesehen. Letztendlich zählt hier immer nur die Tagesform. Die aktuell elf Besten spielen. Natürlich gibt es ein paar Spieler, die jahrelang dabei und deshalb auch zu Recht gesetzt sind. Ich habe wie jeder andere auch die Chance, mich über die Bundesliga wieder anzubieten. Wenn ich im Verein gut spiele, spiele ich auch bei der Nationalmannschaft eine gute Rolle. Das werde ich auch in Zukunft tun.

Sport1: Den Sommer über wurde immer heftig über einen Wechsel zu Bayern München spekuliert. Wie groß ist die Erleichterung, dass das Thema nun vorerst keines mehr ist?

Gomez: Für mich war das Thema viel früher durch als für viele andere. Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann wechseln werde, dass es aber hundertprozentig passen muss. Solange der VfB Stuttgart nein sagt, kann das nicht hundertprozentig sein. Der VfB hat mir schon wahnsinnig früh signalisiert, dass er mich für kein Geld der Welt abgeben wird. Das habe ich akzeptiert. Damit war das Ding für mich erledigt, für viele andere offenbar nicht.

Sport1: Bayern-Manager Uli Hoeneß hat von einem Einverständnis mit Ihnen gesprochen. Das hat es also demnach nie gegeben?

Gomez: Es müssen sich ja erstmal die Vereine einigen. Das konnten sie nicht, weil Horst Heldt von Anfang an nein gesagt hat.

Sport1: Wäre die Zeit für einen Wechsel denn schon reif gewesen, wenn der VfB Ihnen die Entscheidung überlassen hätte?

Gomez: In die Situation bin ich gar nicht gekommen. Klar, habe ich mit dem Verein darüber gesprochen. Mein Berater hat mit den Vereinen gesprochen, die Interesse hatten. Das war ja nicht nur Bayern München. Es gab auch viele andere Klubs. Mich persönlich hat das aber nie berührt. Denn das Wichtigste ist doch, was mein Verein sagt. Wenn der zu mir sagt "okay, du kannst gehen, wenn dieses oder jenes Angebot kommt", wird es für mich interessant. Das war aber nicht der Fall.

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