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SPORT1 zeigt die Karriere von Philipp Lahm © getty

Lahm steht vor seinem 100. DFB-Einsatz. Der Weg an Spitze der Hierarchie war steinig. Und doch ist die Karriere noch unvollendet.

Vom DFB-Team berichten Tom Vaagt und Martin Volkmar

München - Der Blick aus dem Fenster war auch ein Blick auf seine Karriere.

Hier die Allianz Arena. Das sportliche zu Hause von Philipp Lahm. Natürlich noch nicht erleuchtet, aber doch bereit für das große Jubiläum.

Dort das inzwischen ausrangierte Olympiastadion. Unter der auffälligen Dachkonstruktion schnupperte er die erste Profiluft.

Und schaute man noch ein wenig genauer in die Tiefe, konnte man aus dem 13. Stock der DFB-Sponsorenniederlassung sogar fast die Wiege seiner Laufbahn erkennen. Das Vereinsgelände des FT Gern.

Der 29-Jährige hätte an diesem sonnigen Donnerstagnachmittag auch einen Spaziergang in die Vergangenheit machen können. Einfach die knapp zwei Kilometer die Landshuter Allee entlang, ein kleiner Schlenker nach links - schon wäre er dort gewesen, wo er für viele immer noch "der Philipp" ist.

Mehr Heimspiel geht nicht

Nur zwei Kilometer - und bei äußerer Betrachtung dennoch meilenweit entfernt.

"Der Philipp" ist inzwischen ein Weltstar, Kapitän des Triple-Siegers FC Bayern und auch Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Am Freitagabend führt er das DFB-Team zum WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich (20.15 Uhr bei SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) auf den Platz.

Es wird seine 100. Partie mit dem Adler auf der Brust, in einem Umfeld über das man getrost sagen: Mehr Heimspiel geht nicht. Vielleicht wird es emotional, ganz sicher wird es besonders.

Und es wird ein Zusammentreffen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Mannes, der wie wenige andere seine Ziele verfolgt. Mal laut, mal eher leise - doch immer bestimmt.

Ballack wieder ein Thema

"Es ist schön, dass ich mein 100. Länderspiel vor der Haustür machen kann", sagte der gutgelaunte Abwehrspieler am Donnerstag: "Aber noch wichtiger ist es, dass wir gewinnen und einen wichtigen Schritt in Richtung Qualifikation machen."

Was man eben so sagt, wenn man für das einsteht, was man immer gefordert hat: Flache Hierarchien, das Ganze steht über dem Einzelnen.

Dann wurde noch viel gelacht. Thomas Müller als Sidekick auf dem Podium soufflierte lässig und lieferte manch verbale Vorlage. Die Stimmung war blendend.

Und sie kippte auch nicht, als das Thema Michael Ballack angeschnitten wurde.

Zwei Interviews prägen Bild

"Er ist ein verdienter Nationalspieler, der viel für den deutschen Fußball getan hat", sagte Lahm über seinen Vorgänger als DFB-Kapitän, der vor dem Spiel gegen Österreich offiziell verabschiedet wird: "Das finde ich dann absolut in Ordnung."

Man habe vor zwei, drei Monaten Kontakt gehabt: "Wir werden uns am Freitag sicher nicht bekriegen." Selbstverständlich ist das nicht.

Neben Titeln und Top-Leistungen haben vor allem zwei Interviews das Bild von Lahm geprägt. In dem einen ging es ungewöhnlich meinungsstark und fordernd um die Transferpolitik des FC Bayern. In dem anderen nicht unwesentlich um Ballack.

Wirbel bei WM 2010

"Freiwillig werde ich sie (die Kapitänsbinde, Anm. der Red) ganz sicher nicht abgeben. Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein", hatte Lahm vor dem WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien verkündet.

Ballack fehlte bei dem Turnier in Südafrika verletzt und musste tatenlos zusehen, wie sein Vertreter die Rolle beanspruchte, die jahrelang seine war. Die des "Capitano".

Manche sahen Lahms Ausführung als Attacke oder Affront, andere bewerteten das Ganze als cleveren Schachzug bei der Karriereplanung.

Ballack kehrte nie wieder in die Nationalmannschaft zurück. An Lahm perlte die Thematik in der Folgezeit weitgehend ab. Er behielt die Binde und hatte sein Ziel erreicht. Und: Er gilt seitdem als mächtig.

Pep: "Der intelligenteste Spieler"

"Philipp Lahm ist für mich der intelligenteste Spieler, den ich je in meiner Karriere trainiert habe", hat Bayerns neuer Trainer Pep Guardiola kürzlich gesagt. Er bezog sich auf all das, was auf dem Platz geschieht. Er hätte das Feld aber auch weiter fassen können.

Analytisches Denken. Strategische Entscheidungsfreude. Entschlossenes Dazwischengrätschen, wenn es zum Vorteil genügt - dem eigenen oder dem der Mannschaft.

Lahm rechnet sich bei seinem Handeln stets die Chancen aus. Berechnend ist er dabei nicht. Die Scharmützel mit Ballack sind die einzigen öffentlich überlieferten.

Vertrag bis 2016

"Es war eine wunderbare Zusammenarbeit mit ihm", sagte Bayerns-Triple-Trainer Jupp Heynckes jüngst im "kicker": "Wenn ich mit meinen Freunden in Spanien spreche, merke ich immer wieder aufs Neue, dass Philipp auch international einen ungeheuren Ruf und Respekt genießt."

So soll es in den vergangenen Jahren auch immer mal wieder Anfragen aus Madrid und Barcelona für den Außenverteidiger gegeben haben. Ein Wechsel war für Lahm jedoch nie ein Thema.

Bis 2016 steht er noch in München unter Vertrag.

Ziel: WM-Titel 2014

Um den Länderspiel-Rekord von Lothar Matthäus zu knacken, müsste er noch das eine oder andere Jahr dranhängen.

"Dann müsste ich ja noch 51 Spiele machen. Das ist kein Ziel von mir", sagte Lahm und formulierte andere Träume. Ein Titelgewinn mit der Nationalmannschaft soll es schon noch sein: "Das wäre sensationell. Am liebsten schon 2014."

Sonst bliebe seine Karriere doch irgendwie unvollendet. Folglich wird Lahm dieses Ziel mit aller Macht verfolgen. Mal laut, mal eher leise - doch immer bestimmt.

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