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An ihm scheiden sich die Geister: Im inzwischen ausgestandenen Machtkampf zwischen DFB und Bundestrainer Jogi Löw gerät vor allem Teammanager Oliver Bierhoff zur großen Reizfigur
Oliver Bierhoff (r., mit Bundestrainer Joachim Löw) ist seit 2004 Teammanager © getty

Vor dem Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein herrscht Unruhe im DFB-Lager. Bierhoff warnt davor, Sympathien zu verspielen.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Leipzig - Ein eisiger Wind weht derzeit in Leipzig, flankiert von dunklen Wolken am Himmel.

Das Bild passt auch im übertragenen Sinne.

Denn bei der deutschen Nationalmannschaft herrscht vor den beiden ersten WM-Qualifikationsspielen des Jahres gegen Liechtenstein (Sa., 20 Uhr LIVE) und Wales spürbare Unruhe.

Gründe dafür gibt es viele: Die beiden letzten Niederlagen sowie die enttäuschenden Vorstellungen gegen England und Norwegen.

Die neu entfachten Diskussionen um die Rolle von Kapitän Michael Ballack und die Torwart-Frage.

Und natürlich der Streit zwischen Liga und DFB-Auswahl nach Joachim Löws Bemerkung, dass die deutschen Vereine international der Spitze hinterherhinken.

Bierhoff: Nur Auseinandersetzungen bringen einen weiter

"Ich denke, dass man Ende nur weiterkommt, wenn man sich über den richtigen Weg zum Erfolg auseinandersetzt. Dann kann es auch mal heftiger werden", verteidigt Teammanager Oliver Bierhoff im Gespräch mit Sport1.de die eigene Marschroute.

"Aber bei der Trainertagung am Montag gab es das eindeutige Feedback, dass wir uns immer wieder über die Probleme in unserem Fußball austauschen müssen. Nur dann geht es vorwärts."

Hoeneß schießt gegen Löw

Allerdings will ausgerechnet Uli Hoeneß nichts vom in Düsseldorf von den Trainern verkündeten Schulterschluss wissen. Vielmehr kritisiert er Löw und Co. scharf.

"Es ist eine neue Qualität, dass der Draht zwischen Nationalmannschaft und den Vereinen so getrennt wird. Was mir fehlt, ist der enge Kontakt", sagte der Bayern-Manager der "Bild"

Und weiter: "Ich mag nicht dieses 'Das wissen wir besser, das macht ihr schlechter'. Auch Rudi Völler hat darauf ja allergisch reagiert."

Löw reagiert empört

Löw reagierte empört auf die neuerliche Kritik aus München. "Das ist ja völlig verkehrt. Das so einzuschätzen, ist ja fast schon...", sagte der Bundestrainer auf der Pressekonferenz am Donnerstag und rang nach Worten.

Das Wort Rufschädigung nahm Löw trotz zweier Anläufe nicht in den Mund, obwohl ihm seine Verärgerung sichtlich anzumerken war.

Bierhoff zeigte sich über die Aussagen von Hoeneß sehr enttäuscht: "Ich kann mir nicht erklären, warum er das sagt, zumal es nicht den Tatsachen entspricht. Wir arbeiten prima zusammen."

Völler legt Rückwärtsgang ein

Der von Hoeneß zum Kronzeugen berufene Leverkusener Sportdirektor legt allerdings den Rückwärtsgang ein und verweist auf ein schon lange geplantes Gespräch mit dem Bundestrainer.

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"Das nach außen scheinbar belastete Verhältnis zwischen der Bundesliga und der Führung der Nationalmannschaft ist viel offener, als man denkt", erklärte Völler nun im "kicker".

"Trotzdem wird es immer unterschiedliche Meinungen geben."

Das sieht auch Bierhoff so, ansonsten ja eher selten einer Meinung mit seinem ehemaligen Teamchef.

"Es wird immer wieder Diskussionen zwischen der Liga und der Nationalmannschaft geben. In unserer Medienlandschaft werden solche Meinungsunterschiede oft sehr stark zugespitzt", meinte der Europameister von 1996.

Hebel gegen Liechtenstein und Wales umlegen

Diese Zuspitzung hängt aber auch damit zusammen, dass bei der DFB-Auswahl in den letzten Monaten vieles nicht so lief wie erwünscht. Nun muss das Team den Hebel gegen Liechtenstein und Wales umlegen, das weiß auch Bierhoff.

Im Gegensatz zu DFB-Präsident Theo Zwanziger will der Manager zwar nicht von Wiedergutmachung sprechen.

"Aber die Mannschaft muss auf jeden Fall wieder erfolgreich spielen und daneben den begeisternden, offensiven Fußball zeigen, der unser Anspruch ist. Das war zuletzt nicht so, daher war die Enttäuschung der Fans verständlich."

"Vertrauen nicht leichtfertig verspielen"

Man müsse den Anfängen wehren, warnt Bierhoff: "Wir haben uns seit 2004 viel Vertrauen und Sympathie bei den Fans erworben. Das sollte nicht leichtfertig verspielt werden, indem man nur das Notwendigste macht."

So sieht es auch Ballack. "Uns fehlt die Dominanz, und zuletzt haben auch die Ergebnisse nicht gestimmt. Das hat viel mit Physis zu tun, aber natürlich auch mit Qualität", erklärte der Spielführer dem "kicker".

"Jede Niederlage ist ein Fingerzeig auf die aktuelle Situation. Da muss jetzt eine Reaktion kommen. Und die wird auch kommen. Wir können in diesen beiden Spielen nicht viel gewinnen, aber die Ergebnisse sind wichtig."

Zumal die meisten Anhänger am Samstag gegen Liechtenstein einen Kantersieg erwarten und auch am Mittwoch in Wales mit einem klaren Erfolg rechnen ? obwohl sich die deutsche Elf in den letzten beiden Heimspielen gegen die Briten äußerst schwer tat (0:0, 1:0).

Undankbare Aufgaben

"Es sind nicht unbedingt die dankbarsten Aufgaben", meint daher auch Bierhoff. "Wir wissen ja, dass Wales immer ein unangenehmer Gegner ist. Erst Recht, wenn es ein Heimspiel hat."

Zumal der Vize-Europameister aufgrund der Ausfälle von Miro Klose, Torsten Frings und Arne Friedrich sowie einiger Formschwankungen nicht nur bei den Torhütern alles andere als in Bestform und -besetzung in die Partien geht.

Daher warnt der Manager sogar gegen den Fußball-Zwerg aus Liechtenstein vor überhöhten Erwartungen: "Auch da kann es sein, dass es nicht in der ersten Viertelstunde gleich ein, zwei Tore gibt."

Über den Worst Case, dass Russland bei weiteren Punktverlusten wie dem 3:3 in Finnland an Deutschland vorbeiziehen könnte und das Team wie 2002 in die WM-Relegation müsste, will aber noch keiner sprechen.

Hoeneß, Völler und Löw sind ebenso wie Bierhoff von der Qualifikation für Südafrika überzeugt: "Im Moment sind wir Tabellenerster und diese Position wollen wir auch halten. Nur dürfen wir dazu keinen Deut nachlassen, sonst könnte es gefährlich werden."

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