vergrößernverkleinern
Craig Bellamy (r.) und John Toshack arbeiten seit 2004 zusammen in der walisischen Auswahl © getty

Die WM-Hoffnungen waren beerdigt. Doch vor dem Deutschland-Spiel rappelt sich Wales wieder auf. Die Zuversicht hat einen Namen.

Aus Cardiff berichtet Martin van de Flierdt

Cardiff - Normalerweise ist es anders herum.

Während Trainer und Führungsspieler eines erfolglosen Teams noch mehr oder minder überzeugt Durchhalteparolen verbreiten, sind Auflösungserscheinungen beim Rest der Mannschaft kaum zu übersehen.

Vor dem WM-Qualifikationsspiel der walisischen Auswahl gegen Deutschland (ab 20.15 Uhr LIVE) haben allerdings Teammanager John Toshack und Kapitän Craig Bellamy die Südafrika-Ambitionen der Briten schon beerdigt.

Toshack resigniert

Ein Umstand, der einen Großteil der Mannschaft vor den Kopf stößt.

"Das Ergebnis zeigt, dass dieser Kader noch nicht bereit ist", hatte Toshack mit einem Seufzen nach der 0:2-Heimpleite am Samstag gegen Finnland über sein junges Team gesagt.

"Hoffentlich wird sie es in der Zukunft sein, aber wahrscheinlich werde ich dann nicht mehr hier sein und es erleben."

Bellamy fatalistisch

Bellamy, der sich als einzige Spitze zum wiederholten Male vergeblich abgerackert hatte, pflichtete seinem Coach in einem Anflug von Fatalismus bei.

Jetzt ist klar, dass wir nicht gut genug sind, um uns zu qualifizieren. Wales hat noch nie etwas gerissen, und wir werden auch diesmal nichts reißen. Damit muss man sich abfinden", sagte der Stürmer von Manchester City.

[image id="5d848b7d-6670-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Genau das wollen Verteidiger Ashley Williams und Mittelfeldmann Joe Ledley aber nicht tun.

Anrennen gegen Weltklasse

"Ich weiß, dass die Fans uns abgeschrieben haben. Das kann ich sogar verstehen", meint Williams, der vermutlich neu in die Startelf kommen wird.

"Aber wir können uns immer noch qualifizieren. Die Deutschen verkörpern sicherlich Weltklasse, aber wir werden trotzdem rausgehen und versuchen, das Ding zu gewinnen."

Warum, fragt der Abwehrmann von Swansea City eher rhetorisch, "sollten wir sonst überhaupt antreten?"

Deutschland kommt gerade recht

Dass es nach dem Tiefschlag gegen die Finnen nun gegen Deutschland geht, sieht er sogar als das bestmögliche Szenario an: "Es ist sehr leicht, sich für ein solches Spiel wieder zusammenzureißen."

Ähnlich sieht es Ledley: "Wir müssen vergessen, was war, und nach vorne schauen. Vor uns liegt das Spiel gegen Deutschland und mit ihm die große Chance zu zeigen, dass wir eben doch auf dem richtigen Weg sind."

Gegen die Finnen hätten die Waliser nicht ansatzweise ihr Potenzial ausgeschöpft.

Begründete Hoffnung mit Namen

"Weil wir so etwas nicht noch einmal durchmachen wollen, bin ich davon überzeugt, dass wir gegen die Deutschen wesentlich besser spielen werden", sagt der Lokalmatador vom FA-Cup-Finalisten Cardiff City.

"Wir haben die Spieler und die Physis, um ihnen Probleme zu bereiten."

Ledleys Hoffnung stützt sich zum einen auf die Rückkehr von Sam Ricketts. Der Verteidiger des Premier-League-Aufsteigers Hull City hatte gegen Finnland eine Gelbsperre abgesessen.

Zum anderen setzt er - wie wohl alle walisischen Anhänger - auf Supertalent Aaron Ramsey.

Der 18-Jährige, der im Vorjahr für fünf Millionen Pfund zum FC Arsenal nach London wechselte, gilt als die größte Versprechung des walisischen Fußballs seit Ryan Giggs.

Sein Debüt feierte der Spielmacher im November beim 1:0-Testspielsieg in Dänemark. Es folgten weitere Einwechslungen gegen Polen und nun Finnland.

Ramsey ohne Angst

Gegen Deutschland könnte Ramsey erstmals von Beginn an mit dabei sein, zumal Simon Davies' Einsatzfähigkeit in Frage steht. "Ich bin bereit", sagt Ramsey. "Wenn meine Chance kommt, werde ich sie nutzen."

Dass ihm im Mittelfeld internationale Größen wie Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger begegnen würden, lässt ihn nach eigener Auskunft kalt:

"Ich mache mir nur darüber Gedanken, wie meine eigene Leistung aussieht. Wer der Gegner ist, spielt keine Rolle."

Das Selbstvertrauen Ramseys passt so gar nicht zur Selbstaufgabe von Toshack und Bellamy. Vielleicht verkörpert er gerade deshalb die letzte Hoffnung der walisischen Fußballromantiker.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel