Martin van de Flierdt reiste über London zum Länderspiel nach Wales. Dabei wurde er gleich mehrfach an die Wirtschaftskrise erinnert.

Auf dem Weg von München nach Cardiff kommt man an Ost-Indien vorbei. Das mag nicht jedem geografisch Bewanderten schlüssig erscheinen, ist aber schnell erklärt.

"East India" ist eine Haltestelle der Docklands Light Railway (DLR), einer Überlandbahn, die vom Flughafen "London City" nach - Achtung - London City führt.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Airport im Südosten der Stadt seinen Namen mit einer eher zweifelhaften Berechtigung trägt.

"East India" heißt die Haltestelle deshalb, weil von den dort ehemals angesiedelten "East India Docks" die Handelsschiffe in Richtung Indien in See stachen.

Wenig später fährt der DLR-Passagier an den enormen Wolkenkratzern der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC), der Barclays Bank und der Citibank vorbei.

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Er wird dadurch auf einen Blick daran erinnert, warum London eines der Epizentren der Weltwirtschaftskrise ist.

Die Endhaltestelle der DLR heißt dann passenderweise "Bank". Umsteigen ist angesagt, um zum Bahnhof im Nordwesten Londons zu gelangen, wo die Züge in Richtung Wales abfahren.

Das war dennoch die sinnvollste Anreise zum Länderspiel in Cardiff, denn direkte Flugverbindungen aus Deutschland gibt es nicht. Leicht ist es deshalb aber keineswegs.

"Can I help you, Sir?" Ich scheine vor dem Underground-Fahrplan einen hilfsbedürftigen optischen Eindruck zu vermitteln.

Die Polizistin mit den Rastalocken empfiehlt mir als schnellste Route "a shortcut to Waterloo, then take the Bakerloo Line".

Dass es von "Bank" eine Abkürzung nach "Waterloo" gibt, finde ich in diesen Tagen eine durchaus logische Pointe des britischen Humors.

Ich nehme wie gewünscht die "Bakerloo Line" und passiere als zweite Zwischenstation "EmBANKment". Wie wär?s mit einem kleinen Exkurs über selektive Wahrnehmung?

Es kann doch kein Zufall sein, dass mich in der Bahn ein Werbeplakat der "Open University" anlacht:

Fünf Kleiderbügel mit feinen Jackets, darüber der Text "I'm fairly open about my motivations for learning: I want to recession-proof my career". Wenn das mal so einfach wäre...

Endlich, Paddington Station. War da nicht was? Ich warte nicht bis 16.50 Uhr, sondern nehme den 12.45-Uhr-Zug Richtung Swansea.

Das hat zwar zur Folge, dass ich keinen Mord in einer benachbarten Bahn zu sehen bekomme, aber damit kann ich heute leben.

Auf den an Höhepunkten armen nächsten zwei Stunden passiert der Zug unter anderem Swindon. Auf dem Hof von "Charlie Browns Autocentres", gleich vor dem Bahnhof, läuft offenbar ein Verkaufsgespräch.

Ob es die Abwrackprämie bald auch in Großbritannien gibt? Von Peanuts allein wird schließlich auch Brown kaum dauerhaft überleben können.

Cardiff City, tatsächlich heute noch. Die Stadt scheint eine einzige Baustelle zu sein.

"Yes, Cardiff's City centre needed a bit of a facelifting", bestätigt die Dame an der Hotelrezeption.

Dafür sei reichlich Geld vorhanden. Schön, dass das heutzutage noch jemand behaupten kann.

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