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SPORT1-Redakteur Matthias Becker traf DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in Berlin zum Interview © SPORT1

Einen Tag vor der Abreise ins WM-Trainingslager spricht DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bei SPORT1 über den deutschen Kader.

Von Matthias Becker

Berlin - Wolfgang Niersbach verfügt über reichlich Turniererfahrung.

1988 begleitete er als Pressechef die Europameisterschaft in Deutschland, seitdem erlebte er alle Welt- und Europameisterschaften in unterschiedlichen Funktionen beim DFB mit.

Seit 2012 ist Niersbach DFB-Präsident und in dieser Funktion auch für alle anderen Facetten des Fußballs zuständig.

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Im Interview spricht Niersbach über den Start der Nationalmannschaft in die WM-Vorbereitung, die Auswirkungen der klimatischen Bedingungen sowie die Verletzungen von Ilkay Gündogan und Mario Gomez (888136DIASHOW: Der vorläufige WM-Kader).

SPORT1: Herr Niersbach, das Pokalfinale liegt hinter uns, richtet sich jetzt sofort der Fokus auf die WM in Brasilien?

Wolfgang Niersbach: Ab dem Start des Trainingslagers am Mittwoch wird es ernst.

SPORT1: Joachim Löw hat vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass nur wenige seiner Spieler in Top-Form seien. Haben Sie Bauchschmerzen beim Blick auf den Kader?

Niersbach: Nein, diese Situationen hat es immer schon gegeben. Als wir 1986 mit Teamchef Franz Beckenbauer nach Mexiko gefahren sind, waren Rudi Völler, Pierre Littbarski und Karl-Heinz Rummenigge verletzt. Der einzige gesunde Stürmer war Klaus Allofs. Im Laufe des Turniers wurden dann alle gesund. Hätte die WM eine Woche länger gedauert, hätten wir das Finale gegen Argentinien womöglich deutlich gewonnen. Aber es kann dich auch im ersten Turnierspiel erwischen. Rudi Völler hat sich bei der EM 1992 im ersten Spiel den Arm gebrochen und war raus.

SPORT1: Worauf kommt es im Trainingslager besonders an? (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Niersbach: Wichtig ist, dass die Zeit in Südtirol genutzt wird, um aufzutanken. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Außerdem müssen alle Beteiligten einen Teamspirit hinbekommen, das ist elementar. Das mag altmodisch klingen, aber ich weiß, wovon ich spreche. 1990 waren wir vom ersten Tag in Malente bis zum letzten Tag in Rom 42 Tage mit 40 Männern zusammen. Da muss alles passen. 1994 in den USA ist uns das nicht gelungen - obwohl der Kader vielleicht sogar besser war.

SPORT1: Wer fehlt Ihnen besonders im Kader der Nationalmannschaft für die WM?

Niersbach: Wenn ich ehrlich bin, hatte ich die ganze Zeit noch gehofft, dass Ilkay Gündogan vielleicht doch wieder spielen kann. Das ist ein fantastischer Junge, und dass er so lange ausfällt, ist bitter. Er wäre ein so wichtiger Spieler gewesen. Bei Mario Gomez ist es genauso tragisch. Aber das ist leider nicht zu ändern.

SPORT1: Proteste, Straßenschlachten, unfertige Stadien - es gibt viele schlechte Nachrichten aus Brasilien. Kommt bei Ihnen trotzdem Vorfreude auf?

Niersbach: Die Vorfreude ist da. Wir haben uns vor kurzem mit der brasilianischen Botschafterin getroffen. Sie sagt, dass laut einer Umfrage 82 Prozent der Bevölkerung die WM wollen. Die Prognose ist: Wenn der erste Ball rollt, steht die Freude an dieser WM im Mittelpunkt.

SPORT1: Müssen sich die Fans Sorgen um ihre Sicherheit machen?

Niersbach: Wir verlassen uns da nicht nur auf Medienberichte, sondern stehen auch im ständigen Kontakt mit der deutschen Botschaft in Brasilia und haben letzte Woche auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier getroffen. Es gibt Verhaltenstipps, aber keinerlei Reisewarnungen für die deutschen Fans. Wir haben alle unsere Kontingente verkauft und werden nach Argentinien die größte Fan-Kolonie in Brasilien haben.

SPORT1: Sie haben einige WM-Turniere in verschiedensten Ländern miterlebt. Welche Auswirkungen werden die Hitze und die frühen Anstoßzeiten Ihrer Meinung nach haben?

Niersbach: Das größere Problem wird die hohe Luftfeuchtigkeit. In Brasilien ist Winter, und dort, wo wir spielen, sind es dann vielleicht 26, 27 Grad. Aber die Luftfeuchtigkeit ist schon extrem. Aber was sollen wir lamentieren? Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli hat in einem Interview erzählt, so etwas wie beim Confederations Cup habe er noch nie erlebt. Sieben oder acht Spieler wollten ausgewechselt werden, weil sie körperlich am Ende waren. Das ist schon ein Fingerzeig: Du brauchst fitte, konditions- und willensstarke Spieler. 1970 in Mexiko wurde mittags um 12 Uhr gespielt, und Uwe Seeler hatte nach zehn Minuten schon einen Sonnenbrand auf dem Kopf - und er hat trotzdem weitergemacht.

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