Der Bundestrainer ist bei der Auswahl seines WM-Kaders von zu vielen Unwägbarkeiten abhängig. Er muss auf den Faktor Zeit hoffen.

Fit und in Form sollte er sein, der deutsche WM-Teilnehmer. Diese beiden Kriterien hatte Joachim Löw Anfang März als wichtigste Voraussetzung für eine WM-Nominierung genannt.

Von dieser Maxime ist der Bundestrainer seitdem immer mehr abgerückt. Und er hat nicht bei allen Spielern denselben Maßstab angelegt.

Dass Marcel Schmelzer nicht fit ist, konnte man im Trainingslager in Südtirol sehen. Dass Löw den Dortmunder Linksverteidiger nun aus dem vorläufigen Kader gestrichen hat, ist deshalb nachvollziehbar. Zudem er in Erik Durm einen fitten Spieler nominiert hat, der in Form ist - wenn auch unerfahren.

Für seine erfahrenen Spieler macht Löw Ausnahmen von seiner Regel. Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger sind aktuell nicht einmal in der Lage, ein Spiel zu bestreiten. Stand heute weiß niemand, ob die drei bis zum WM-Auftakt fit werden. (SHOP: Jetzt Fanartikel des DFB-Teams kaufen)

Neuer wäre durch Roman Weidenfeller gleichwertig ersetzbar, doch an Lahm und Schweinsteigers Einsatzfähigkeit hängt das komplette deutsche Spiel. Einen gleichwertigen Rechtsverteidiger hat Löw nicht, und auf der Sechs hat Sami Khedira noch Rückstand, hat Toni Kroos bisher nicht überzeugt. Ersatzmann Christoph Kramer ist mehr als fit, aber international völlig unerfahren.

[image id="94bfaa5d-6377-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Löw muss hoffen, dass seine beiden Bayern-Stars es rechtzeitig schaffen, und er muss hoffen, dass seine Rechnung in der Offensive aufgeht. Mesut Özil ist völlig außer Form, Mario Götze ruft sein Potenzial nicht voll ab, Julian Draxler ist in keinem guten Zustand.

Schon im vorläufigen Kader standen nur zwei Stürmer, jetzt ist nur noch Miroslav Klose übrig. Den gestrichenen Kevin Volland hatte der Bundestrainer ohnehin für die Außenposition vorgesehen, doch dort hat er reichlich Alternativen.

Löws Aussage, er habe im Kader "jede Position doppelt besetzt", stimmt nur bedingt. Er hat neben Klose keinen zweiten echten Stürmer, auch wenn ein Thomas Müller diese Position gut ausfüllen kann. Bei konsequenter Auslegung seiner Regel hätte er eigentlich auch den nicht fitten Klose zu Hause lassen können.

Löw hat auch keinen zweiten Linksverteidiger, zumindest keinen Spezialisten. Benedikt Höwedes' Erfahrungen und Fähigkeiten auf dieser Position halten sich in Grenzen, Kevin Großkreutz ist eher ein Mann für die rechte Seite. Lahm will und soll nicht links spielen. Zur Not könnte Jerome Boateng rechts oder links aushelfen, aber der Münchner ist, das hat das 2:2 gegen Kamerun gezeigt, ein Mann fürs Abwehrzentrum.

In der Innenverteidigung ist Löw sehr gut ausgestattet, dass er den jungen Shkodran Mustafi aussortiert hat, ist verständlich.

Löw ist von seiner Auswahl überzeugt. "Mit diesem Kader fliegen wir selbstbewusst nach Brasilien", sagt er. Doch er hat auf dem Weg zur WM immer noch viele Fragezeichen im Gepäck.

Dass Löw Volland, Schmelzer und Mustafi zu Hause lässt, wird für den Ausgang der WM nicht entscheidend sein.

Nur wenn seine Mittelfeldachse fit wird und er es schafft, Özil in Form zu bringen, kann die deutsche Mannschaft in Brasilien etwas bewegen. Wenn die Mission WM scheitert, wird Löw die Verantwortung tragen müssen.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel