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Müller und Klose sollen in Brasilien für die Tore sorgen. Zum Durchklicken: Der deutsche WM-Kader © getty

Im Sturm nur Klose? Joachim Löw wird für seinen WM-Kader kritisiert. Dabei gibt es tolle Varianten a la Müller. Die Analyse.

Von Florian Bogner und Thorsten Mesch

München ? Die Skepsis ist groß. Nur ein Stürmer? Noch dazu einer, der nicht ganz fit ist? Aber die Entscheidung ist gefallen, kein Zurück möglich. Unter der Kategorie "Angriff" des deutschen WM-Kaders steht nur ein Name: Miroslav Klose. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Sicher, Bundestrainer Joachim Löw hat mit der Streichung von Kevin Volland aus dem Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor allem bei Ex-Nationalspielern für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. "Nicht nachvollziehbar", fand zum Beispiel SPORT1-Experte Thomas Strunz.

90er-Weltmeister und SPORT1-Experte Olaf Thon kann die Entscheidung von Löw dagegen nachvollziehen.

Thon: Besser als Schema F

"Ich habe mir auch Gedanken gemacht, warum Löw das so gemacht hat und nicht anders und warum er Lasogga, Kießling, Volland und vorher schon Gomez nicht wollte", sagt der 48-Jährige: "Der Bundestrainer hat aber einen Plan B, indem er nicht die Spanier mit ihrer flachen Neun kopieren möchte. Er schaut sich an, was er für Typen dahinter hat und mit Götze, Reus und Müller reicht es ihm, wenn er diese Leute neben Klose für den Sturm hat."

Thon findet Löws Flexibilität gut: "Mir ist es lieber ein Bundestrainer zeigt Flagge und hat einen Plan B und eine Idee, als wenn er alles nach Schema F machen würde."

Stefan Kuntz sagt: "Ich weiß nicht, ob Klose allein reicht."

Klose ist nicht allein

Klose allein? Ist es denn wirklich so? Wer genauer hinsieht, entdeckt in Löws Kader durchaus großes Angriffspotenzial. (888136DIASHOW: Der WM-Kader) Statt mehrere gleichartige Mittelstürmertypen zu nominieren, hat Löw die Vielfalt möglichst groß gehalten.

Ob Mittelstürmer, falsche Neun, Instinktfußballer oder falsche Zehn: Löw bieten sich Alternativen.

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Zumindest sieht das Chefscout Urs Siegenthaler so: "Wir müssen eine Antwort finden. Einige Mannschaften werden sich hinten reinstellen, davon bin ich überzeugt. Mit kleinen, wendigen, flinken Stürmern macht man den Innenverteidigern die Arbeit jedenfalls ungleich schwieriger", sagte der Schweizer der "FR".

Und: "Wir reden viel über Ballbesitz mit einem guten, schnellen, zielgerichteten Abschluss. Ich nenne es Ballprogression." Wozu nun mal gelernte Mittelfeldspieler besser geeignet sind als klassische Mittelstürmer, das Guardiola-Prinzip.

Welche Varianten Löw zur Verfügung stehen: die Sturm-Analyse.

Variante 1: Miro Nationale

Die klassische Stürmer-Variante, der Plan A. Das Aber: Miroslav Klose wird am Montag schon stolze 36 Jahre alt, hat bei Lazio Rom nicht weniger als zwölf Verletzungen in den vergangenen zwei Jahren hinter sich.

"Er hat seinen Rhythmus noch nicht ganz gefunden, noch läuft nicht alles rund bei ihm", sagt Löw, der ihn deshalb beim 2:2 gegen Kamerun draußen ließ. "Aber Miro ist ein Turnierspieler, er weiß, was er tun muss." Um auf den Punkt fit zu sein.

Was Klose antreibt: Rekorde. Er braucht immer noch ein Tor, um Gerd Müller an der Spitze der ewigen DFB-Torjägerliste abzulösen (beide 68). Mit einem WM-Treffer zieht Klose zudem mit Ronaldo als WM-Rekordtorjäger gleich (14:15).

In Top-Form ist Klose einer der gefährlichsten Kopfballspieler der Welt, kann es aber auch am Boden, technisch. "Ich kann auch falsche Neun spielen", sagt er. Und: "Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass ich spiele."

SPORT1-Prognose: Schafft es Klose bis zum Portugal-Spiel nahezu topfit zu werden, spielt er von Beginn an.

Variante 2: Falsche Neun

Gegen Kamerun ließ Löw Mario Götze von Beginn an vorne spielen ? was mehr oder weniger misslang, den Bundestrainer nochmal ins Grübeln brachte. Prinzipiell ist Götze, der am Dienstag 22 Jahre alt wurde, der Prototyp einer falschen Neun: klein, wendig, technisch stark.

So ließ ihn auch schon Pep Guardiola beim FC Bayern vorne spielen. "Es ist auf jeden Fall vorstellbar", sagt Götze.

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Spielt er vorn, ist die Offensive noch weniger starr, sind die Wechsel fließend. "Man muss davon wegkommen, immer nur Positionen zu sehen", sagt er. "Man muss wissen, wo man hinzulaufen hat und welche Räume man zu besetzen hat. Das ist das Wichtigste."

Sieben Tore in 28 Länderspielen sind allerdings nur Durchschnitt. Löw meint dazu allgemein: "Bei der WM brauchen wir Effizienz. Denn es zieht sich ein bisschen wie ein roter Faden durch die letzten Jahre, dass wir viele Chancen brauchen, bis wir mal ein Tor erzielen."

SPORT1-Prognose: Ist aktuell Löws Plan B, wenn Klose nicht voll einsatzfähig ist.

Variante 3: Mit Killer-Instinkt

Als es gegen Kamerun (900600DIASHOW: Die Bilder des Spiels) so gar nichts mehr laufen wollte, stellte Löw Thomas Müller in den Sturm ? prompt fiel das 1:1. " Er ist immer für ein Tor gut", lobt Löw den Bayern-Angreifer: "Er geht immer in den Sechzehner, wenn der Ball außen ist. Wegen diesem Instinkt, dieser Tor-Gier, ist er immer wertvoll."

Das große Plus des 24-Jährigen: Er findet Lücken, wo keine sind. Besser geht das allerdings, wenn er wie bei der WM 2010 von der rechten Seite kommt. So erzielte er in Südafrika fünf Tore, wurde WM-Torschützenkönig.

Sein Ziel: die Titelverteidigung. "Ich weiß zwar auch mit genügend Selbsteinschätzung, dass das nicht unbedingt sehr realistisch ist, aber ich werde mein Bestes geben."

SPORT1-Prognose: Gute Variante, um während des Spiels zu tauschen ? siehe Kamerun-Spiel.

Variante 4: Very British

Andre Schürrle kam diese Saison auch schon beim FC Chelsea unter Jose Mourinho in den Genuss, ganz vorne spielen zu dürfen. Der 23-Jährige hat gelernt, sich in der körperlich extrem herausfordernden Premier League durchzusetzen, überzeugte als Rollenspieler mit acht Saisontoren.

"Er hat einige große Spiele gemacht, viel im körperlichen Bereich gearbeitet", sagt Löw über den Außenstürmer. "Seine große Stärke: Er macht unheimlich gute Laufwege."

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Auf das letzte Länderspieljahr gesehen ist der 23-Jährige mit fünf Toren sogar Löws gefährlichster Angreifer. Drei seiner Treffer erzielte er allerdings in einem Spiel, gegen Schweden. Beim 2:2 gegen Kamerun zeigte Schürrle, dass auf ihn auch als Einwechselspieler Verlass ist. Löw: "Mit ihm bin ich Stand jetzt absolut zufrieden."

SPORT1-Prognose: Schürrle beginnt die WM als Joker.

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Variante 5: Falsche Zehn

Mesut Özil muss seit dem Kamerun-Spiel (Bericht) viel Kritik einstecken. "Ihm sind Fehler unterlaufen, die er in der Regel nicht macht", sagt selbst der Bundestrainer, der Bedenken hat, dass Özils Formschwankungen auf der Spielmacher-Position das WM-Unterfangen gefährden könnten.

Konstant gut waren die Leistungen des 25-Jährigen nämlich in den vergangenen zwei Jahren nie. (REAKTIONEN: Boateng versteht Pfiffe gegen Özil nicht)

Eine mögliche Lösung für das Özil-Dilemma: Kroos oder Reus vor der Doppelsechs als Spielmacher einsetzen und den Arsenal-Star dafür in den Sturm stellen. Bei Löw und Chefscout Siegenthaler ist das schon länger eine Überlegung.

Ziel sei es, auch mit Özil zu sprechen, bis der sagt: "Gott sei Dank darf ich dort vorne spielen. Ich denke, gerade bei Özil ist das eine Frage der Spielfreude. Sie können sicher sein, dass Joachim Löw das mit ihm besprechen wird", sagte der Schweizer.

SPORT1-Prognose: Die Özil-Variante kommt nur dann in Frage, wenn der 25-Jährige weiter auf der Spielmacherposition enttäuscht.

Variante 6: Eigentlich ausgeschlossen

Lukas Podolski hat Löw als einzigen schon von vornherein ausgeschlossen. "Eher nicht, andere sind da eher geeignet", sagte der Bundestrainer über Podolskis Sturmspitzentauglichkeit und begründete: "Wenn er aus der Tiefe kommt, kann er seine Dynamik, Kraft, Schussstärke und Schnelligkeit ausspielen."

Stempel: Linksaußen, sonst nichts.

Podolski drängt sich derzeit jedoch mit seiner Power und Kompromisslosigkeit derart auf, dass Löw vielleicht bald gar nicht mehr am 28-Jährigen vorbei kommt. "Er hat im Trainingslager einen unglaublich positiven Eindruck hinterlassen, war wahnsinnig aggressiv, dynamisch, körperlich stark", lobt der Bundestrainer.

Und sagt: "Das nötige Selbstbewusstsein zu haben, Mann gegen Mann zu bestehen, ist die Basis von allem. Wir brauchen Spieler, die nicht lamentieren." Spieler wie Podolski.

SPORT1-Prognose: Podolski ist ernsthafter Anwärter auf den Linksaußenposten, vorne hat er Löw jedoch noch nicht überzeugt.

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