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Joachim Löw (l.) bittet sein Team zum Training in die Düsseldorfer Arena
Mats Hummels (r.) absolvierte bisher 29 Länderspiele. ZUM DURCHKLICKEN: DER DEUTSCHE WM-KADER © getty

Die Wunsch-Taktik des Bundestrainers droht bei der WM zu scheitern. Die Lösung könnte der Blick aufs DFB-Pokalfinale bringen.

Von Martin Volkmar

München ? Eigentlich müsste Joachim Löw zufrieden auf die WM in Brasilien blicken.

Immerhin steht dem Bundestrainer seine nominell beste Startelf zur Verfügung, wenn man seinen Worten Glauben schenken darf.

Dann nämlich werden die verletzten Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger rechtzeitig einsatzbereit sein, ebenso wie andere angeschlagene Stammkräfte wie Sami Khedira und Miroslav Klose (888136DIASHOW: Der WM-Kader).

Ob sich alle potenziellen Leistungsträger allerdings bei der Endrunde auch in Topform befinden, daran darf man angesichts der Vorstellung etwa von Mesut Özil oder Mario Götze beim 2:2 gegen Kamerun berechtigte Zweifel haben (Bericht) .

Brechen Löw aber derart viele Korsettstangen weg, hat die deutsche Mannschaft bei der WM ein ernsthaftes Problem. Nicht nur in der Sturmspitze, wo einzig Thomas Müller trotz der ungewohnten Position derzeit so etwas wie Torgefahr ausstrahlt (REAKTIONEN: Boateng versteht Pfiffe gegen Özil nicht).

Doppel-Sechs nicht fit

Noch gravierender sind die Defizite in der Rückwärtsbewegung, weil das offensive Mittelfeld-Trio zu wenig nach hinten arbeitet, und eine Doppel-Sechs Khedira/Schweinsteiger wegen deren mangelnder Form nicht alle Lücken schließen kann.

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Doch nach den Ausfällen von Ilkay Gündogan sowie Lars und Sven Bender steht nur noch Frischling Christoph Kramer als Alternative bereit. Oder wie beim FC Bayern Philipp Lahm, der dann allerdings rechts hinten in der Abwehr die nächste Baustelle aufmachen würde.

Zumal die Viererkette ohnehin schon seit der EM 2012 keinen sattelfesten Eindruck mehr macht und seitdem im Schnitt pro Länderspiel 1,24 Tore kassiert hat - darunter je vier Stück gegen Schweden und WM-Vorrundengegner USA.

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Kroos defensiv zu schwach

Und auch mit Toni Kroos anstelle von Khedira oder Schweinsteiger würde das DFB-Team zwar offensiv stärker, doch ein 4-1-4-1-System dem Gegner defensiv noch mehr Räume geben.

Die Lösung von Löws Problemen könnte wieder einmal der FC Bayern sein - genauer gesagt Pep Guardiola. An dem nimmt sich Löw bekanntlich gerne ein Vorbild, siehe "falsche Neun" oder Lahms Versetzung vor die Abwehr.

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Javi Martinez als Vorbild

Für die fehlende Balance im deutschen Spiel aber könnte Guardiolas taktischer Schachzug aus dem siegreichen DFB-Pokalfinale gegen Dortmund mit Javi Martinez eine Blaupause sein.

Der Bayern-Coach setzte den Spanier gleichzeitig als Innenverteidiger und als zweiten Sechser ein: Bei Angriff des BVB ließ sich Martinez fast wie einst Franz Beckenbauer als Libero zurückfallen und stärkte so die Abwehr. Und bei Ballbesitz rückte er als Sechser vor die Viererkette, agierte teilweise sogar noch offensiver.

Lahm kann diese Rolle wegen seiner Körpergröße in der Innenverteidigung nicht spielen, aber sehr wohl Mats Hummels.

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Im defensiven Mittelfeld hat der Dortmunder im Verein früher häufiger gespielt und auch beim 4:0-Triumph im Finale der U-21-Europameisterschaft 2009, damals gemeinsam in einer Elf mit Neuer, Khedira, Höwedes, Özil oder Jerome Boateng.

Der zuletzt immer mal wieder unaufmerksame Boateng würde in diesem Fall zusammen mit Per Mertesacker die Abwehrzentrale bilden, bei gegnerischen Attacken unterstützt von Hummels - der nach vorne mit seiner Passqualität und Kopfballstärke ebenfalls zur Martinez-Kopie werden könnte.

Außenverteidiger rücken bei Ballbesitz vor

Vorteil bei dieser Umstellung auf ein variables 5-4-1 wäre, dass auch die offensivstarken Außenverteidiger Lahm und Erik Durm bei Ballbesitz Überzahl schaffen könnten, während Hummels hinten Chef einer Dreierkette wäre - der FC Barcelona spielt phasenweise so und auch mehrere italienische Topteams.

Zudem hätten Khedira und Schweinsteiger einen zusätzlichen Mitstreiter in der anfälligen Zentrale und im eigenen Angriff könnte Schweinsteiger vorrücken und das Offensiv-Quartett unterstützen.

Oder der mehr nach vorne orientierte Kroos Khedira oder Schweinsteiger bei mangelnder Form ersetzen, ohne dass das defensive Mittelfeld dadurch signifikant geschwächt würde.

Den betreffenden Spielern, allen voran Hummels, sollte die taktische Umstellung in der verbleibenden Zeit bis zum Auftaktspiel gegen Portugal am 16. Juni nicht schwer fallen (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Fraglich ist aber, ob Löw selber diese Flexibilität bei seinen Überlegungen besitzt. Vielleicht sollte er einfach kurz Guardiola anrufen.

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