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SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn zum Interview.

2002 wurde Oliver Kahn zum "Titan", heute ist er Fernsehexperte. Bei SPORT1 spricht er über das DFB-Team und seine WM-Favoriten.

Von Reinhard Franke

München - Früher raunzte er seine Vorderleute an, heute steht Oliver Kahn als Fernseh-Experte vor der Kamera.

Zwei Europameisterschaften (2000 und 2004) und zwei Weltmeisterschaften (2002 und 2006) absolvierte Kahn im Kasten der Deutschen Nationalmannschaft, wobei er 2006 in Deutschland nur im Spiel um Platz drei zwischen den Pfosten stand.

Als TV-Experte fiebert er nun dem Anpfiff der WM in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli) entgegen (Aktuelle Nachrichten aus dem DFB-Quartier täglich ab 18.30 Uhr im TV in WM Aktuell).

Im SPORT1-Interview spricht der "Titan" über das deutsche Team, Manuel Neuer und seinen Favoriten.

SPORT1: Herr Kahn, am Donnerstag geht die WM los. Wie sehen Sie die Situation im Tor um Manuel Neuer, der ohne einen Testspieleinsatz in diese WM gehen wird?

Oliver Kahn: Ich selbst habe so eine Situation auch schon erlebt. Damals vor dem Champions League-Finale 1999 war ich auch verletzt und musste schauen, dass ich für dieses Finale rechtzeitig fit werde. Ich kann also sehr mit Manuel mitfühlen. Das ist eine ganz unbefriedigende Situation für ihn. Ich glaube aber, dass es für einen Mann seiner Klasse kein großes Problem ist, dass er diese zwei Spiele versäumt hat.

SPORT1: Sie sagten, dass es eine Deadline geben wird. Wie meinten Sie das?

Kahn: Damit meinte ich, dass es irgendwann eng wird für Manu. Eigentlich brauchst du sechs, sieben Tage nach so einer Pause, um wieder reinzukommen und wieder im Trainingsbetrieb zu sein. Das letzte Spiel für Manu war das Pokalfinale. Wenn er die Tage vor dem ersten Spiel jetzt im Training nutzt und 100 Prozent Leistung abrufen kann, dann steht aus meiner Sicht einem Einsatz gegen Portugal nichts im Weg.

SPORT1: Sollte Neuer gegen Portugal ausfallen, steht mit Roman Weidenfeller ein guter Ersatz bereit.

Kahn: Das sehe ich auch so. Mit Roman Weidenfeller haben wir einen erfahrenen Mann hinten dran, dem wir auch vertrauen können. In den zwei Tests hat er seine Sache richtig gut gemacht. Er hat ja auch seine Leistung in der Liga und international über Jahre gebracht. Für Manu ist das momentan jedenfalls ein massiver Stress, es ist nicht nur der Stress, den man vor so einem Turnier sowieso hat, um in Topform zu kommen, sondern auch jeden Tag die Frage, ob der Körper richtig fit wird. Das sind Belastungen für solche Spieler, die man nicht unterschätzen darf.

[kaltura id="0_v85xxsjl" class="full_size" title="Neuer und Schweinsteiger singen auf Brasiliens Stra en"]

SPORT1: Was würde sich für das Spiel der Nationalmannschaft verändern, wenn er ausfällt?

Kahn: Wenn ein anderer Keeper im Tor steht, ist das immer eine Veränderung für die gesamte Defensive. Das sind aber alles hochintelligente Fußballspieler. Da wird es keine großen Anpassungsschwierigkeiten geben.

(DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

SPORT1: Ist es ein Risiko, mit Miroslav Klose nur einen echten Stürmer mitzunehmen?

Kahn: Das ist eine Frage der Alternativen. Natürlich könnte man über Mario Gomez diskutieren, aber bei einem Spieler, der nur sechs oder sieben Saisonspiele gemacht hat und sonst verletzt war, da ist es nachvollziehbar, den nicht mitzunehmen. Klose ist auch nicht mehr der Allerjüngste, aber Löw hat mit Müller, Götze noch viele Möglichkeiten. Ich sehe das nicht so problematisch. 888136(DIASHOW: Der Kader der DFB-Elf

SPORT1: Wie belastend kann das Klima werden?

Kahn: Das ist natürlich schon eine Belastung, ich würde das aber als Trainer oder Sportchef vor der Mannschaft nicht ein einziges Mal thematisieren. Das sind alles junge Spieler, die top fit und es gewohnt sind, in der ganzen Welt herumzureisen. Die Jungs sind doch heiß und top motiviert. Klar, es wird auch mal Durchhänger geben, und für diese Momente werden Typen im Team wichtig sein, die auch mal einen lockeren Spruch drauf haben - so wie ich früher (lacht). (904179DIASHOW: Das DFB-Team im Campo Bahia).

SPORT1: Sie haben also weiter Hoffnung auf ein gutes Turnier der DFB-Elf?

Kahn: Auf jeden Fall. Man sollte an die tolle Qualifikation zurückdenken. Wir haben viele Champions League-Sieger im Team, und ich gehe davon aus, dass Jogi Löw und seine Mannschaft ganz vorne dabei sein werden.

816411(DIASHOW: Die Stadien der WM)

SPORT1: Wer wird Weltmeister?

Kahn: Das ist echt schwierig. Da fallen logischerweise immer die üblichen Verdächtigen. Natürlich muss man Brasilien nennen, die gut drauf sind und den Heimvorteil haben, aber auch den musst du dir erstmal erarbeiten wie wir 2006 in Deutschland auch. Wenn du das nicht schaffst und es von Anfang an nicht optimal läuft, dann kann so ein Heimvorteil auch ganz schnell ins Gegenteil umkippen. Aber Brasilien ist klarer Favorit. Wenn sie es schaffen, die Menschen auf ihre Seite zu ziehen ähnlich wie wir 2006, dann werden sie getragen von der Euphorie. Dann wird es wahnsinnig schwer, diese Mannschaft zu schlagen. (SHOP: Jetzt DFB-Fanartikel kaufen)

SPORT: Und neben Brasilien?

Kahn: Chile kann für eine Überraschung sorgen. Man hat in dem Freundschaftsspiel gesehen, wie stark die sind. Die sind natürlich auf ihrem eigenen Kontinent mehr als top motiviert. Zudem haben auch die Argentinier viel auf dem Zettel. Ich persönlich glaube auch, dass die Mexikaner eine interessante Rolle spielen können. Bei den Europäern sind natürlich die Spanier brandgefährlich. Es wäre ja ein Wahnsinn, wenn die nach zwei Europameisterschaften und einer Weltmeisterschaft jetzt nochmal den Titel holen. Das wäre eine unfassbare Geschichte. Sie gehören einfach zum Favoritenkreis.

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