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Thomas Berthold (l.) wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister und 1986 Vize-Weltmeister © SPORT1

Thomas Berthold spricht vor dem Auftakt gegen Portugal bei SPORT1 über die deutschen Baustellen - und dämpft die Erwartungen.

Von Christoph Lother

München - Seit 24 Jahren träumt Fußball-Deutschland nun schon vom Gewinn des vierten Weltmeister-Titels.

Einer, der das Gefühl, den begehrten Cup in die Höhe zu stemmen kennt, ist Thomas Berthold.

Der 62-malige Nationalspieler triumphierte 1990 mit der DFB-Auswahl bei der WM in Italien.

In Brasilien übernimmt die Mannschaft von Jogi Löw den nächsten Anlauf und muss zum Auftakt am Montag (ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) gleich gegen den WM-Favoriten Portugal ran.

(DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Bei SPORT1 spricht Berthold, der die WM ab der K.o.-Runde als SPORT1-Kolumnist begleiten wird, über die Aussichten der deutschen Mannschaft, den Ausfall von Marco Reus, Rückkehrer Sami Khedira, Sorgenkind Mesut Özil und mögliche Varianten in der Offensive.

SPORT1: Herr Berthold, Sie haben zuletzt mehrfach betont, im Viertelfinale sei fürs DFB-Team diesmal Schluss. Hat sich an dieser Meinung etwas geändert?

Thomas Berthold: Nein, an der hat sich nichts geändert. Unter die besten sieben oder acht Mannschaften zu kommen, wäre aus meiner Sicht auch kein Misserfolg - bei den ganzen Problemen und Verletzungen, die wir jetzt hatten. Für einen Großteil der deutschen Fans zählt immer nur der Titel. Doch unter den aktuellen Umständen ist diese Erwartungshaltung nicht gerechtfertigt.

SPORT1: Wie schwer wiegt der Ausfall von Marco Reus?

Berthold: Das ist ein herber Verlust, eine richtig harte Nuss. Für mich wäre er bei dieser WM gesetzt gewesen.

SPORT1: Gibt es im deutschen Kader denn jemanden, der ihn gleichwertig ersetzen kann? Andre Schürrle zum Beispiel?

Berthold: Schürrle hätte bei mir sowieso gespielt. Er auf der einen, Reus auf der anderen Außenbahn. Und Mario Götze in der Mitte.

SPORT1: Nicht Mesut Özil?

Berthold: Nein, ich sehe Götze vor Özil. Dem fehlt einfach die Dynamik. Um ganz nach oben zu kommen, braucht man für die ersten Meter ein gewisses Tempo. Das hat er nicht und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Ausdauer kann man trainieren, aber Sprintkraft und Antrittsschnelligkeit sind eher natürliche Veranlagungen.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Situation in der deutschen Offensive generell ein?

Berthold: Mit Miroslav Klose haben wir nur einen echten Stürmer. Der ist 36 Jahre alt und hatte die ganze Saison über mit Verletzungen zu kämpfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er bei der WM physisch voll auf der Höhe sein wird. Auf dieser Position haben andere Mannschaften deutlich mehr Optionen. Bleibt für uns die Variante mit der falschen Neun. Diese Rolle könnte zum Beispiel Thomas Müller übernehmen.

SPORT1: Hat es Sie angesichts dieses personellen Engpasses in der Spitze denn überrascht, dass mit Kevin Volland der zweite echte Angreifer aus dem Kader gestrichen wurde?

Berthold: Nun ja, der Trainer ist eben näher dran als alle anderen und bildet sich während der Vorbereitung eine Meinung. Volland ist noch sehr jung, die Verantwortung als alleinige Spitze aber sehr groß, vielleicht zu groß. Daher kann ich diese Entscheidung schon nachvollziehen.

SPORT1: Wie sieht's weiter hinten aus? Sami Khedira ist eine Schlüsselfigur, kämpft aber noch um seine Form. Auch die Abwehr wirkte zuletzt nicht immer sicher.

Berthold: Für Khedira kommt die WM meiner Meinung nach zu früh. Die erste halbe Stunde des Champions-League-Finals oder auch der Test gegen Kamerun haben gezeigt, dass er nach seinem Kreuzbandriss einfach noch nicht so weit ist. Und was die Abwehr betrifft, sind die Probleme der deutschen Mannschaft nicht erst seit diesem Jahr bekannt - sowohl auf den Außenverteidiger-Positionen als auch im Zentrum. Man weiß schon länger, dass da einfach nicht so viel Qualität vorhanden ist wie früher.

SPORT1: Bei der WM 2010 sorgte Thomas Müller als Torschützenkönig für Furore. Aber auch Arne Friedrich spielte ein für viele überraschend starkes Turnier. Gibt es im aktuellen Aufgebot jemanden, dem sie eine Überraschung zutrauen?

Berthold: Erik Durm hat sicherlich gute Chancen, zu spielen. Benedikt Höwedes ist kein richtiger Außenverteidiger. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Durm hinten links ran darf. Und dort traue ich ihm auch einiges zu.

SPORT1: Wo sehen Sie die Stärken der deutschen Mannschaft?

Berthold: Unabhängig von Khedira verfügt das Team im Mittelfeld über unheimlich viel Qualität. Bei den hohen Temperaturen in Brasilien kommt es auch darauf an, den Ball lange zu halten. Man braucht die technischen Fähigkeiten, um ökonomisch Fußball zu spielen. Man muss Tempowechsel vornehmen. Das können unsere Spieler.

SPORT1: Die Elf von 1990, mit der Sie den bislang letzten WM-Titel nach Deutschland geholt haben, verfügte über einen ausgesprochen großen Teamgeist. Wie schätzen Sie die Lage in der aktuellen Mannschaft ein? Fürchten Sie Reibereien zwischen Bayern- und Dortmund-Spielern?

Berthold: Ich glaube, der Teamgeist ist gut in dieser Truppe. Die Bundesliga-Saison ist lange vorbei und die Spieler sind alle Profis genug, dass sie sich voll und ganz auf die WM konzentrieren. Wer zu welchem Verein gehört, spielt da keine Rolle.

SPORT1: Und welches Team wird am Ende Weltmeister?

Berthold: Mein Favorit ist Brasilien, gefolgt von Argentinien. Die Brasilianer spielen zuhause, kennen das Klima und werden vom Publikum getragen. Außerdem sind sie in der Defensive unheimlich gut aufgestellt. Allein die beiden Innenverteidiger David Luiz und Thiago Silva sind echte Kaliber. Und meistens gewinnen die Mannschaften, die hinten am kompaktesten stehen.

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