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LINKSAUSSEN: Mesut Özil wurde im Laufe dieser WM viel kritisiert, ist unter Bundestrainer Joachim Löw aber nach wie vor gesetzt und auch immer wieder an guten Aktionen beteiligt. Insgesamt hat er es auf der für ihn ungewohnten linken Seite nicht leicht. Vor dem Tor lässt er bislang den nötigen Killerinstinkt vermissen
Edeltechniker Mesut Özil steht beim WM-Auftakt des DFB-Teams gegen Portugal im Fokus. ZUM DURCHKLICKEN: DFB-Team hautnah © getty

Mesut Özil steht vor Deutschlands WM-Start in der Kritik. Doch für Top-Leistungen braucht er vor allem bedingungloses Vertrauen.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Santo Andre - Talent und Technik sind wesentliche Voraussetzungen für eine große Karriere im Sport.

Mesut Özil besitzt diese Eigenschaften im Überfluss. Doch Talent und Technik reichen allein nicht aus, um es bis ganz nach oben zu schaffen.

Ohne Ehrgeiz geht es nicht. Ohne Vertrauen erst recht nicht. Mesut Özil hat Ehrgeiz. Er braucht aber auch viel Vertrauen. Er will geschätzt, gebraucht, geliebt werden. (Bericht: Vertrauen in die eigene Stärke - und Özil)

"Das Vertrauen ist das Wichtigste", sagte Mesut Özil während der WM-Vorbereitung in Südtirol im Gespräch mit SPORT1: "Wenn man das hat, dann kann man sein Potenzial auch ausschöpfen."

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Kritik von Ballack

In der Nationalmannschaft ist dem 25-Jährigen dies zuletzt eher selten gelungen.

"Özil ist einer unserer besten Spieler, eine große Nummer zehn. Aber er übernimmt nicht viel Verantwortung", kritisierte der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung "Marca".

Bundestrainer Joachim Löw probierte seinen Spielmacher auf dem rechten Flügel und als "falsche Neun" aus. Beide Versuche schlugen fehl.

Im März wurde Özil vor dem 1:0 gegen Chile zum Nationalspieler des Jahres gekürt, anschließend pfiff ihn ein Großteil des Publikums aus.

Pfiffe nach Spielen gegen Chile und Kamerun

Auch beim 2:2 gegen Kamerun Anfang Juni entlud sich der Unmut der Zuschauer gegen den Edeltechniker.

Beim 6:1 im letzten WM-Test gegen Armenien saß er zunächst auf der Bank, wurde aber in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Er spielte ordentlich, aber nicht überzeugend.

Im Training in Brasilien wirkte er in den vergangenen Tagen gelassen, Rückschlusse auf seine Form brachten die Einheiten jedoch nicht.

Vor dem WM-Auftakt der deutschen Mannschaft gegen Portugal (Mo., ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) steht hinter Özils Verfassung ein Fragezeichen. (PEPSI START 11: Hier die Nationalelf selbst aufstellen)

Löw glaubt an seinen Star

Doch der Bundestrainer glaubt an seinen Star. "Mesut hat gegen Armenien gezeigt, was in ihm stecken kann", sagte Joachim Löw in Santo Andre: "Er macht Fortschritte im körperlichen Bereich und einen wachen Eindruck."

Es ist anzunehmen, dass der Bundestrainer seinem Mittelfeldstar gegen Portugal wieder das Vertrauen schenken wird und ihn von Beginn an einsetzen wird.

"Er ist ein Spieler, der für uns Entscheidendes tun kann", betonte Löw.

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Freude aufs Nationalteam

Özil freut sich über die Wertschätzung. "Ich spüre das vollste Vertrauen des Trainers und des Teams. Deswegen fühle ich mich auch immer sehr wohl, wenn ich bei Nationalmannschaft bin."

Özils Geschichte der vergangenen vier Jahre hat viel mit Vertrauen zu tun.

Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika vertraute Bundestrainer ihm bedingungslos. Özil zahlte mit Leistung zurück..

Nach der WM holte Jose Mourinho den damals 21-Jährigen zu Real Madrid.

Der Erfolgstrainer war total von Özil überzeugt, und gab ihm das Gefühl, sich beim erfolgreichsten Klub der Welt durchsetzen zu können.

Dank an Mourinho

"Jose Mourinho hat mich damals auf meinem Weg super unterstützt. Für mich war das Wichtigste, dass der Trainer mir das Vertrauen gegeben hat", erzählt Özil über seinen Wechsel nach Spanien.

Doch Mourinho verließ Madrid nach drei Jahren . Özils Mentor, zu dem er heute noch Kontakt hält, war weg, und mit ihm auch das Vertrauen.

Özil knackt Twitter-Schallmauer (News):

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Blitz-Abschied aus Madrid

Der Spielmacher fand sich bei Mourinhos Nachfolger Carlo Ancelotti auf der Bank wieder. Nach dem dritten Spieltag verließ er Real.

"Wenn ich zurückblicke, war ich in Madrid sehr erfolgreich", erzählt Özil: "Aber ich habe mich nicht geschätzt gefühlt. Dann habe ich gesagt, okay, ich will jetzt eine andere Aufgabe haben."

Der Wechsel zum FC Arsenal wurde vielerorts als Rückschritt oder Flucht gewertet, doch dem widerspricht der gebürtige Gelsenkirchener.

Keine Flucht nach London

"Wenn du als Talent nach der WM zu Real Madrid gehst, und auf deiner Position ein Weltklassespieler wie Kaka spielt, dann lache ich einfach darüber, wenn die Leute von Flucht reden", sagt er. "Ich weiß genau, was ich kann, ich habe vor niemandem Angst. Die hatte ich auch damals nicht vor Kaka."

Vielmehr hatten sein Abschied aus Spanien und sein Wechsel nach London wieder mit Vertrauen zu tun.

Glücklich bei Arsenal

Das Gespräch mit Arsenals Teammanager Arsene Wenger sei "sehr, sehr positiv", gewesen, erzählt Özil. "Er hat mir das Vertrauen gegeben. Jetzt bin ich einfach glücklich, dass ich bei Arsenal bin."

In London fügte er sich schnell ein und stellte einige Male sein Ausnahmekönnen unter Beweis. Doch dem Blitzstart folgte ein längeres Tief. Erst am Ende der Saison fand er wieder zu seiner Form und gewann mit Arsenal den FA-Cup.

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Kritik an der Körpersprache

Solche Erfolge beflügeln eigentlich, doch in der Nationalmannschaft wirkte Özil anschließend im Spiel gegen Kamerun indisponiert. Seine Körpersprache wurde ihm wieder einmal zu Last gelegt.

Die Kritik des Trainers sei "auf jeden Fall berechtigt", gibt Özil zu. Seine Ausstrahlung sei ihm "manchmal nicht bewusst, wenn ich auf dem Platz bin, weil ich so ein Perfektionist bin", sagt er.

"Jeder kleine Fehler ärgert mich sehr. Das war schon als Kind so. Ich bin sehr ehrgeizig, deswegen ärgere ich mich halt."

In Brasilien Geschichte schreiben

Gegen Portugal will er an seine Glanzleistungen von der WM vor vier Jahren anknüpfen.

"2010 waren wir eine junge, wilde Mannschaft, die sehr erfolgreichen Fußball gespielt hat, vor allem, weil es niemand von uns erwartet hat", sagt er: "Wir haben vier Jahre lang Erfahrung sammeln können und haben auf jeden Fall das Potenzial, den Titel zu holen."

Einen großen Erfolg hat er schon vor dem deutschen WM-Auftakt gefeiert.

In einem improvisierten Dschungel-Krankenhaus in Coroata im Nordwesten Brasiliens operiert ein Ärzteteam um den Münchner Spezialisten Stefan Hessenberger rund 100 Kinder, die an Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Verbrennungen oder Verkrüppelungen leiden.

Özil übernahm als symbolisches Zeichen die Kosten für elf Eingriffe.

"Das ist meine wertvollste Elf. Ich bin schon ein bisschen stolz darauf, dass dies so gut geklappt hat", sagte Özil.

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