Am Samstag liefern sich Jerome und Kevin-Prince Boateng ihr zweites WM-Bruderduell. Die Stimmungslage ist gegensätzlich.

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Von Holger Luhmann und Mathias Frohnapfel

München - Eigentlich stehen Jerome und Kevin-Prince Boateng fast täglich in Kontakt. Die Halbbrüder schreiben sich SMS, chatten oder telefonieren.

Doch seit WM-Beginn herrscht Funkstille.

"Jeder", verriet Jerome Boateng, "konzentriert sich auf sich selbst."

Auf das nächste Spiel. Deutschland gegen Ghana (Sa., ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Das nächste Duell der charakterlich so unterschiedlichen Brüder.

So wie bei der WM 2010 in Südafrika, als Jerome mit Deutschland 1:0 die Oberhand behielt.

Jerome mit Schiene am Daumen

Die Stimmungslage bei beiden könnte derzeit unterschiedlicher nicht sein.

Jerome feierte mit Deutschland einen 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal und degradierte Weltfußballer Ronaldo nebenbei zum Statisten (Nachbericht).

Kevin-Prince verlor 1:2 gegen die USA und schmorte dabei 59 Minuten lang auf der Bank.

Und so kann Jerome - wenn auch leicht gehandicapt mit Schiene am verletzten Daumen - seinen zwei Jahre älteren Halbbruder Kevin-Prince schon aus dem Turnier schießen.

Kevin-Prince hofft auf Startelf

Kevin-Prince darf zumindest hoffen, gegen Deutschland wieder in der Startelf zu stehen.

Ob er aber viel Freude haben wird auf dem Platz, ist fraglich.

Denn die deutschen Kicker sind heiß auf den früheren DFB-Juniorennationalspieler.

Dessen Kritik im Vorfeld der WM haben sie nicht vergessen.

Er vermisse im DFB-Team "Typen und Charaktere, die eine Mannschaft mitreißen können", hatte Kevin-Prince bemängelt und süffisant hinzugefügt: "Immer, wenn es darauf ankam, haben sie es nicht geschafft."

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Eiszeit nach Foul an Ballack

Eben diesen Ballack hatte Kevin-Prince kurz vor der WM 2010 mit einem rüden Foul außer Gefecht gesetzt.

Danach stand er in Deutschland am Pranger. Auch in der Beziehung zu Bruder Jerome kriselte es damals.

Dabei waren sie früher unzertrennlich.

Vor allem als Kinder, in jenem Fußballkäfig nahe des Flüsschens Panke in Berlin-Wedding.

Bolzplatz als zweites Zuhause

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Oft haben sie dort bis in die Dunkelheit hinein gespielt. Haben dem Dauerregen getrotzt, oder dem Eiswind. Haben die Hausaufgaben auf die lange Bank geschoben.

Weil Jerome, Kevin-Prince und George, der Dritte im Bunde, im Schatten der Hochhäuser nur eine Sache interessierte: Das Runde muss ins Eckige.

Dieser 30 mal 15 Meter kleine Bolzplatz war ihr zweites Zuhause. Ein Zuhause, das die Brüder immer wieder zusammenbrachte.

"Der Panke verdanke ich alles"

Kevin-Prince und George wuchsen in Wedding auf, Jerome im bürgerlichen Wilmersdorf.

Die Boatengs eint der gemeinsame Vater, der Jeromes Mutter verließ, als der Sohn fünf Jahre alt war.

In der Enge des Käfigs unweit des kleinen Panke-Kanals haben die Boatengs ihre Technik, ihren Ehrgeiz und ein Stück weit auch die Härte gegen sich selbst entwickelt.

"Der Panke verdanke ich alles", hat Kevin-Prince betont: "Hier sind wir Männer geworden."

Bruder George züchtet Hunde

Aus George ist kein Profifußballer geworden, er züchtet heute Hunde.

Jerome galt schon damals als der strebsame Profi, seinen Bruder hielten nicht wenige für unbelehrbar.

Zunächst spielten Jerome und Kevin-Prince zusammen bei Hertha BSC. Erst in der U 23, dann in der Profimannschaft.

Einmal, am 10. Februar 2009, spielten beide sogar gemeinsam für die deutsche U 21.

Doch wenige Monate später flog der ältere der beiden nach einigen Eskapaden in der Vorbereitung auf die U-21-EM und einem Mehrheitsbeschluss der Mitspieler aus dem DFB-Kader, der wenig später angeführt von Jerome den Titel holte.

Wenig später entschied sich Kevin-Prince wegen fehlender Perspektiven für Ghana, das Land des gemeinsamen Vaters Prince.

Die WM in Südafrika nutzte er als Schaufenster und beim AC Mailand wurde aus Bad Boy Boateng der Regisseur und Führungsspieler "Boa". SHOP: Jetzt Deutschland-Fanartikel kaufen

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Lob und Respekt für den anderen

Wenn Jerome auf die wilden Jugendtage von Kevin-Prince angesprochen wird, nimmt er ihn in Schutz.

"Es ist nervig, wenn man alte Sachen aus Berlin hört. Jeder war mal jung, auch andere Spieler haben Fehler gemacht, als sie jung waren", sagt Jerome dann.

Kevin-Prince habe sich zu einem sehr guten Spieler entwickelt.

Das Lob kommt prompt zurück. "Früher wurde kritisiert, dass Jerome etwas lethargisch ist. Aber er hat gezeigt, dass er ein Kämpfer ist, sehr viele Emotionen hat", erklärt Kevin-Prince.

Vater Prince "kann nur gewinnen"

Einer blickt dem Bruderduell gelassen entgegen - Vater Prince. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

"Für mich ist es das leichteste Spiel überhaupt", sagte er der "tz": "Egal, was passiert, ich kann ja nur gewinnen."

Mögliche direkte Zweikämpfe seiner Söhne machen ihm keine Sorgen:

"Sie werden voll reingehen, ja. Aber sie sind Brüder! Da wird keiner den anderen verletzen."

Sie kennen diese Zweikämpfe ja. Von der Panke. Den Duellen ihrer gemeinsamen Kindheit.

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