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SPORT1-Reporter Thorsten Mesch traf Jerome Boateng zum Interview © getty

Boateng spricht bei SPORT1 über seine Rolle in der Abwehr, die Diskussion um die Position von Lahm und das Spiel gegen die USA.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Santo Andre/Recife - Jerome Boateng wirkt völlig entspannt, als er sich mit SPORT1 zum Interview trifft.

Die kleine blaue Schiene am rechten Daumen stört ihn nicht, und auch seine Oberschenkelverletzung aus dem Spiel gegen Ghana bereitet ihm keine Sorgen mehr.

Boateng ist fit für das entscheidende letzte Gruppenspiel gegen die USA (Do., ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) und gut drauf, denn abgesehen von seinen Verletzungen ist die WM für ihn bislang gut verlaufen.

Boateng überzeugt als Rechtsverteidiger

Zwar nicht auf seiner Wunschposition in der Innenverteidigung, aber als Rechtsverteidiger stand er zweimal in der Startelf und überzeugte (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Im SPORT1-Interview spricht der 25-Jährige, über seine Rolle in der Abwehr, die Diskussion um die Position von Philipp Lahm und das Spiel gegen die USA.

SPORT1: Herr Boateng, Sie haben sich gegen Portugal am Daumen verletzt, gegen Ghana wurden Sie wegen einer Verletzung am Oberschenkel ausgewechselt. Wie geht es Ihnen und können Sie gegen die USA spielen?

Jerome Boateng: Ich habe gegen Ghana relativ früh einen Schlag bekommen oder einen falschen Schritt gemacht. Dadurch hat die Hüfte sich verschoben und die ganze linke Seite ist fest geworden. Heute geht es mir viel besser. Ich gehe davon aus, dass ich spielen kann. Es ist etwas blöd, dass ich die Schiene am Daumen sechs Wochen lang tragen muss, aber es geht.

SPORT1: Das Spiel gegen Ghana war sehr intensiv, es war sehr heiß. Was war das größte Problem und was war der Grund dafür, dass die DFB-Auswahl so verhalten begonnen hat?

Boateng: Es war heiß, aber die Temperaturen waren nicht der Grund. Wir sind nicht in den Rhythmus gekommen, haben zu langsam gespielt, der letzte Pass hat gefehlt. Es war keine gute erste Halbzeit.

SPORT1: Wie kommt es, dass man nach einem 4:0 gegen Portugal ängstlich in das Spiel gegen Ghana geht?

Boateng: Ich fand, wir haben zu langsam hinten raus gespielt und haben uns zu wenig bewegt. Abgesehen von Mario Götze, der sich viel bewegt hat, ist keiner richtig in Tritt gekommen.

SPORT1: Deutschland hatte in beiden Spielen zwar mehr Ballbesitz, aber nicht so viel wie vor der WM. Woran lag das?

Boateng: Wir können nicht die ganze Zeit den Ball haben und pressen, pressen, pressen. Das kannst du hier in Brasilien nicht machen. Es gibt Phasen, wo wir attackieren, aber das geht nicht die ganze Zeit. Und dann hatten wir auch noch ein paar blöde Ballverluste.

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SPORT1: Nach dem Portugal-Spiel wurde viel gelobt, nach dem 2:2 gegen Ghana viel kritisiert. Wo liegt die Mitte aus beiden Spielen?

Boateng: Auch gegen Portugal war nicht alles gut. Wir schätzen uns realistisch ein. Ghana war sicherlich ein Rückschritt. Es gab noch mehr Dinge, die wir nicht gut gemacht haben. Wir standen zu weit auseinander und haben zu wenige Zweikämpfe gewonnen.

SPORT1: Was hat die Mannschaft gut gemacht?

Boateng: Wir sind nach dem 1:2 zurückgekommen, sind insgesamt in der zweiten Halbzeit mutiger geworden.

SPORT1: Durch Ihre Verletzung musste Joachim Löw wechseln, Shkodran Mustafi kam für Sie ins Spiel und war beim 1:1 nicht nah genug beim Torschützen. Wie wichtig ist die Eingespieltheit der Abwehr bei einem Turnier?

Boateng: Sie ist wichtig. Wir trainieren erst seit ein paar Wochen in dieser Formation. Man kann im Training viele Details erarbeiten. Von daher ist es kein so großes Problem, wenn jemand Neues reinkommt, weil er weiß, was er machen muss. Trotzdem ist die Trainingssituation etwas ganz anderes als im Spiel.

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SPORT1: Die Abwehrformation mit vier gelernten Innenverteidigern wurde zuerst gelobt, dann kritisiert. Was halten Sie dem entgegen?

Boateng: Das geht mir schon wieder ein bisschen zu schnell. Erst war alles klasse, dann auf einmal falsch. Im ersten Spiel hat es gut geklappt, im zweiten Spiel war es nicht so schlecht. Aber wenn wir nach vorne nicht so gut spielen, fällt es natürlich auf, dass die Außenverteidiger nicht permanent hinterlaufen und großen Offensivdrang haben.

SPORT1: Sie haben mehrmals gesagt, dass Sie lieber innen spielen. Was gefällt Ihnen konkret auf der Außenposition nicht?

Boateng: Das hat nichts mit mögen zu tun, sondern, dass ich mich innen viel wohler fühle. Ich spiele gern direkt gegen einen Stürmer. Und ich bin von meiner Größe her auch eher Innenverteidiger. Selbstverständlich aber akzeptiere ich immer die Entscheidung des Trainers.

SPORT1: Sie haben bei der WM 2010 Linksverteidiger gespielt. Wie groß wäre die Umstellung für Sie, wenn Sie auf einmal wieder dort spielen müssten?

Boateng: Bei der WM 2010 habe ich die ganze Zeit für diese Position trainiert. In der vergangenen Saison habe ich einmal bei Bayern gegen Braunschweig Linksverteidiger gespielt, und dabei habe ich gemerkt, dass es etwas ganz anderes ist. Ich würde auch diese Aufgabe übernehmen, aber es wäre eine Umstellung.

SPORT1: Philipp Lahms Rolle wird heiß diskutiert. In der Triple-Saison des FC Bayern hat er unter Jupp Heynckes Rechtsverteidiger gespielt, Pep Guardiola hat ihn ins Mittelfeld versetzt. Wo gefällt er Ihnen besser?

Boateng: Für mich ist Philipp zusammen mit Dani Alves der beste Rechtsverteidiger der Welt. Er hat aber auch beim FC Bayern im Mittelfeld ganz stark gespielt. Philipps Stärke ist sicher seine Vielseitigkeit.

SPORT1: Lahm selbst sieht sich momentan als Mittelfeldspieler, Löw hat sich festgelegt, ihn dort einzusetzen. Wie sehen Sie das?

Boateng: Das ist einzig und allein die Entscheidung des Trainers, die wir respektieren werden.

SPORT1: Ist Lahm für Sie eine gute Option für die rechte Abwehrseite?

Boateng: Noch mal, die Aufstellung macht der Trainer.

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SPORT1: Solle Lahm doch wieder rechts verteidigen, welche Konsequenzen hätte das für Sie?

Boateng: Ich spiele da, wo der Trainer mich aufstellt und wo ich der Mannschaft helfen kann.

SPORT1: Bastian Schweinsteiger hat gegen Ghana stark gespielt. Viele Experten oder Ex-Spieler fordern, er müsse in die Startelf rücken. Wie beurteilen Sie seine Situation?

Boateng: Basti ist sehr wichtig für die Mannschaft und eine absolute Führungspersönlichkeit. Das hat man gegen Ghana gesehen, obwohl er nicht von Anfang an gespielt hat. Er hatte sechs, sieben Wochen nicht gespielt, dennoch war er sofort gut drauf. Ich möchte niemanden in die Mannschaft reden, aber ich weiß, dass er uns super hilft.

SPORT1: Sie hatten vor dem Spiel gegen Ghana keinen Kontakt zu Ihrem Bruder Kevin Prince. Hat sich das nach dem Spiel geändert? Mit einem Sieg gegen die USA könnten Sie ihm helfen, ins Achtelfinale zu kommen...

Boateng: Ehrlich gesagt habe ich das noch gar nicht durchgerechnet und mit meinem Bruder hatte ich noch keinen Kontakt. Klar würde ich mich freuen, wenn wir und Ghana weiterkommen würden. Und wir wollen gegen die USA gewinnen. Auf ein Remis zu spielen, wäre gefährlich. Das machen wir auch nicht.

SPORT1: Was wissen Sie über die Mannschaft der USA?

Boateng: Ich habe seit Jahren guten Kontakt zu Fabian Johnson. Die Amis haben sich sehr verbessert und sind als Team enger zusammen gerückt. Auch bei ihnen läuft jeder für den anderen. Es wird eine schwere Aufgabe. Wir müssen zu unserem Spiel finden und wir müssen unsere Chancen nutzen.

SPORT1: Sie spielen in der A-Nationalmannschaft Ihr drittes großes Turnier. Hat sich Ihre Rolle innerhalb der Mannschaft verändert?

Boateng: Sicherlich. Vor vier Jahren habe ich mir von älteren Spielern noch so viele Tipps wie möglich geholt. Jetzt bin ich ja noch nicht einer der Ältesten, aber ein erfahrener Spieler schon. Ich gebe zum Beispiel Erik Durm oder Matthias Ginter Tipps, das ist ganz normal. Dennoch ist bei mir immer noch keine Routine eingetreten. Bei der WM 2010 war ich aufgeregter, aber jetzt kribbelt es immer noch vor den Spielen. Ich bin positiv aufgeregt.

SPORT1: Hat sich nach den ersten beiden Spielen etwas an Ihren Erwartungen in Bezug auf die Titelhoffnung verändert?

Boateng: Nein. Wir haben unsere Chancen von Anfang an realistisch eingeschätzt. Auch nach dem 4:0 gegen Portugal ist niemand rumgelaufen und hat gesagt: "Jetzt werden wir Weltmeister!" Der Titel ist weiterhin das Ziel. Es wäre auch falsch, wenn wir nicht gemeinsam dafür einstehen würden. Aber wir wissen, dass wir eine Menge Arbeit vor uns haben. Schon am Donnerstag.

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