Das DFB-Team quält sich gegen Algerien ins Viertelfinale. Wie realistisch ist nach der Leistung der Titel? Ein Pro und Contra.

PRO: Jeder Weltmeister musste vorher zittern

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Was ist bloß mit uns los?

Wer heute Morgen mit Kollegen und Freunden spricht, bekommt das Gefühl, der deutsche Fußball stehe kurz vor der Auflösung. Taktik schlecht, Aufstellung schlecht, Bundestrainer schlecht. Hat der DFB eigentlich schon eine Task Force einberufen?

Aber was ist eigentlich passiert? Die deutsche Nationalmannschaft steht im Viertelfinale der Weltmeisterschaft. Also da, wo Spanien, England oder Italien sehr gerne wären. Da, wo Favorit und Gastgeber Brasilien erst nach einem Elfmeterschießen gegen Chile steht. Da, wo die bislang furios aufspielenden Niederländer bis zur 88. Minute gegen tapfere, aber am Ende biedere Mexikaner noch nicht standen.

Was mich so gelassen lässt: Deutschland steht dort ohne Reus, ohne Gündogan, ohne Gomez ? ohne dass Özil, Götze, Klose, Khedira, Schweinsteiger in Topform sind.

Natürlich war die Leistung gegen Algerien schlecht, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Aber ich werde den typisch deutschen Reflex, nach solchen Leistungen sofort den Untergang des Abendlandes zu verkünden, in diesem Leben nicht mehr verstehen. In einem Turnier wechseln sich gute und schlechte Leistungen ab. Das war immer schon so und wird immer so bleiben. War nach dem 4:0 gegen Portugal die Aufstellung mit vier Innenverteidigern nicht noch super?

Ein solches Zitterspiel hat jeder große Weltmeister der vergangenen Jahrzehnte gebraucht. Der Bundestrainer muss nun einzig die richtigen Schlüsse ziehen, und er wird es tun, weil er aus dem EM-Trauma 2012 gegen Italien gelernt hat.

Wie sagte Thomas Müller dieser Tage sinngemäß "Wenn wir unser Potenzial abrufen, schlägt uns niemand."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

CONTRA: Eine einzige Enttäuschung

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Jogi Löw hat in den jetzt zehn Jahren als Bundestrainer mit dem Aufbau einer spielstarken, offensivfreudigen und sehr jungen Nationalmannschaft mit riesigem Potenzial große Hoffnungen geweckt.

Daran gemessen ist die WM in Brasilien bisher eine einzige Enttäuschung. Nach dem guten Auftakt gegen allerdings schwache Portugiesen folgten ein glückliches Remis gegen Ghana und ein müdes 1:0 gegen die USA.

Und gegen den Weltranglisten-22. aus Algerien mühte sich der WM-Dritte wie zu unseligen Rumpelfußball-Zeiten zu einem glücklichen Sieg in der Verlängerung.

Die deutsche Mannschaft spielte phasenweise Stand-Fußball, ohne Ideen, ohne Torgefahr, ohne Esprit, dafür aber mit unglaublichen Fehlern in der Defensive.

Und Jogi Löw? Wirkte wieder mal bei einem wichtigen Spiel ratlos und schaute so lange zu, bis ihn die schwere Verletzung des überforderten Mustafi zu seinem Glück zwang und er endlich Lahm dorthin stellte, wo er für das Team am wertvollsten ist: Auf die rechte Abwehrseite.

Ein geschätzter Kollege hat kürzlich die Theorie geäußert, dass Löw aus Prinzip sämtlichen gut gemeinten Ratschlägen der Experten wie Helmer, Strunz, Beckenbauer, Scholl oder Kahn nur aus Trotz widerspreche und gerade deshalb das genaue Gegenteil tue.

Das ist mittlerweile für mich die einzige Erklärung, warum die Mannschaft auf einen echten Stürmer wie Klose ebenso verzichtet wie auf gelernte Außenverteidiger, warum das bisherige 4-2-3-1-System ohne Not in ein 4-3-3 geändert wurde oder warum die Hälfte des Teams nicht auf den Positionen spielt, die sie die gesamte Saison im Verein besetzt haben.

Somit geht Löw selbst verschuldet mit zig Baustellen ins Viertelfinale gegen Frankreich. Eigentlich müsste er reagieren und die Startelf komplett umbauen, aber zum einen fehlt jetzt natürlich die Zeit, zum anderen spricht wenig dafür, dass er doch noch über seinen Schatten springen wird.

Deshalb glaube ich nicht mehr an den vierten WM-Titel. Jedenfalls nicht in Brasilien und nicht mit diesem Trainer.

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