Die Diskussion um Philipp Lahms Position überdeckt das Viertelfinale gegen Frankreich. Denn sie hat weitreichende Folgen.

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Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Rio de Janeiro - Die deutsche Nationalmannschaft steht im Viertelfinale der Weltmeisterschaft.

Doch noch spricht kaum jemand über den Gegner aus Frankreich, auf den die DFB-Auswahl am Freitag (ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Rio de Janeiro trifft. Die Frage, wo Philipp Lahm spielen soll, sorgt in der Fußballnation für heiße Diskussionen, denn sie beeinflusst eine Reihe weiterer Entscheidungen.

Lahm hatte zuletzt immer wieder betont, lieber im defensiven Mittelfeld zu spielen. Bundestrainer Joachim Löw setzte ihn auch immer wieder dort ein.

Alte Weggefährten sehen ihn lieber als Außenverteidiger, SPORT1-Experte Thomas Strunz kritisiert den Bundestrainer wegen seiner Taktik.

Statt die Mannschaft als Kapitän sportlich zu führen, wird Lahm - wenngleich unfreiwillig - zum Anlass für hitzige Debatten.

Aber Löw lässt sich nicht in seine Arbeit hineinreden. Ob aus Überzeugung, aus Sturheit oder aus Trotz, das ist eine der Fragen, die sich viele stellen.

Strunz glaubt an Lahm-Forderung

"Ich glaube, dass Philipp Lahm vom Bundestrainer gefordert hat, im zentralen Mittelfeld zu spielen", sagt Ex-Nationalspieler und SPORT1-Experte Strunz (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

"Das ist für mich die einzig schlüssige Erklärung, warum der Trainerstab um Jogi Löw und Hansi Flick an dieser Idee so vehement festhält und Lahm für die Außenverteidiger-Position keine Option darstellt", sagt Strunz.

Ein harter Vorwurf, sicherlich. Die Frage, ob Lahm seine eigene Position wichtiger ist als das Wohl der Mannschaft, wurde zuletzt offen gestellt.

Nach dem 2:2 gegen Ghana hieß es in einem Radiobericht der "Sportschau": "Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, Philipp Lahm habe im Team kaum noch Freunde."

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"Verteidiger nur im Ausnahmefall"

Lahm selbst betonte kurz vor dem ersten WM-Spiel noch einmal, er sehe sich mittlerweile als Mittelfeldspieler. Über den Inhalt eines Gesprächs mit Löw verriet er nichts.

Löw erklärte zuletzt in einem Interview mit der "Zeit" noch einmal, er habe seine "Entscheidung getroffen, was Lahms Rolle betrifft. Und dazu stehe ich bis zum Schluss." Allerdings sagte er dies vor dem mühevollen 2:1-Sieg im Achtelfinale gegen Algerien (914688DIASHOW: Einzelkritik Deutschland - Algerien).

Kurioserweise wurde das besagte Interview aber erst nach dem Algerien-Spiel vom DFB freigegeben - die Wirkung der Löw'schen Aussagen schien demnach kalkuliert.

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Wie dem auch sei: Verteidiger solle Lahm nur im Ausnahmefall spielen, "falls wir auf der rechten Seite ein akutes Problem im Spiel bekommen sollten."

Gegen Algerien gab es dieses akute Problem: Rechtsverteidiger Shkodran Mustafi verletzte sich.

Löw brachte Sami Khedira, der fortan an der Seite von Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld spielte, Lahm nahm Mustafis Platz in der Abwehr ein.

Abwehr mit Lahm stabiler

Mit Lahm entfachte die deutsche Mannschaft mehr Druck über die Außenposition, der Münchner leitete das 2:0 durch Mesut Özil ein.

Auch wenn der Gegentreffer in der letzten Minute der Nachspielzeit über Lahms Seite fiel, sorgte er zudem für mehr Stabilität in der Abwehr.

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Und damit ist man unweigerlich beim Kernpunkt der Diskussion. Wo hilft der Kapitän seiner Mannschaft am meisten? Es gibt nicht wenige, die sagen, dass Lahm im aktuellen Kader der Nationalmannschaft auch der beste Linksverteidiger wäre - obwohl Lahm für sich (und für Löw?) bereits vor der WM entschieden hatte, nicht mehr als Linksverteidiger zu spielen.

Lahm hatte nach der Demission von Ex-Kapitän Michael Ballack stets die "flachen Hierachien" im Kader betont, dass keine sogenannten "Leader" mehr gebräucht würden. Gleichzeitig nahm und nimmt er sich als Einziger die Freiheit heraus, offen und über die Medien "Klarheit" bezüglich seiner Position zu fordern.

Eine Haltung, die auch bei Lahms Ex-Trainer Felix Magath auf Unverständnis stößt. "Es ist die eine Sache, was ein Spieler will. Doch entscheidender ist der Erfolg der Mannschaft - und dieses Team braucht Lahm auf der linken Seite dringender als im Mittelfeld", sagte Magath im Interview mit dem "ZDF".

Nowotny: "Lahm hinten rechts stärker"

"Egal, ob rechts oder links in der Verteidigung, dort ist er deutlich wichtiger für die Mannschaft", meint auch Thomas Strunz trotz allem und steht mit seiner Meinung nicht allein da.

"Als Philipp hinten rechts spielen musste, hat er sich sofort überragend eingeführt und meines Erachtens auch wohlgefühlt", sagt Lahms ehemaliger Nationalmannschaftskollege Jens Nowotny zu SPORT1.

Lahm sei in der Abwehr "ein bisschen aus der Drucksituation im defensiven zentralen Bereich herausgekommen. Deswegen würde ich die Alternative, dass er hinten rechts spielt, durchaus befürworten", erklärt der WM-Dritte von 2006.

Strunz zweifelt am System

Strunz sieht Löws 4-3-3-System mit zwei Sechsern und einem Achter im Mittelfeld als Problem, denn das System habe die Mannschaft in dieser Form erst kurz vor der WM zum ersten Mal gespielt.

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"Man muss die Frage stellen, ob das, was mit seinem Trainerstab erarbeitet worden ist, alles so richtig ist", sagt Strunz.

Guardiola zieht Lahm in die Mitte

Doch Löws Entscheidung, Lahm bei der WM im Mittelfeld spielen zu lassen, war vor allem den Umständen geschuldet.

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Schweinsteiger und Khedira waren im Vorfeld der WM lange verletzt. Es war nicht klar, ob es beide schaffen würden, rechtzeitig fit zu werden.

Löw brauchte eine feste Größe in der Schaltzentrale und weil Lahm schon beim FC Bayern von Pep Guardiola mit großem Erfolg ins Mittelfeld beordert worden war, griff er einen alten Gedanken wieder auf.

Bei großen Turnieren immer Verteidiger

Schon im Jahr 2007 hatte der Bundestrainer Lahm einmal bei einem Testspiel in England im Mittelfeld aufgestellt. Es sollte für lange Zeit eine Ausnahme bleiben, denn im defensiven Mittelfeld gaben Michael Ballack und Schweinsteiger bis kurz vor der WM 2010 den Takt vor.

Ballack versteht nicht, dass der Bundestrainer Lahm nun im Mittelfeld sieht. "Er ist ein super Spieler auf dieser Position. Aber im Gegensatz zu Bayern München wird er in der Nationalmannschaft eher in der Viererkette gebraucht. Da wäre er viel wertvoller", schrieb Ballack in seiner "Express"-Kolumne.

Lahm spielte bisher bei den großen Turnieren Außenverteidiger. Ob auf der linken Seite, wie bei der WM 2006, rechts (EM 2008, WM 2010) oder wieder links (EM 2012) - Lahm gilt bis heute auf seiner Position als Referenz, als vielleicht der einzige Rechtsverteidiger mit Weltklasse-Format.

Abwehrzange mit Boateng möglich

Sollte sich Löw am Ende doch entscheiden, Lahm gegen Frankreich in der Abwehr aufzubieten, müsste ein Verteidiger weichen.

Wenn Mats Hummels fit wird - und so sieht es aus - würde der Dortmunder in die Innenverteidigung zurückkehren. Jerome Boateng könnte auf die linke Abwehrseite wechseln, Benedikt Höwedes müsste auf die Bank.

Boateng als Linksverteidiger und Lahm als Rechtsverteidiger, dazu Khedira und Schweinsteiger im Mittelfeld. Diese Kombination gab es schon einmal in einem WM-Viertelfinale - und das mit großem Erfolg.

Am 3. Juli 2010 feierte Deutschland in Kapstadt gegen Argentinien einen beeindruckenden 4:0-Sieg.

"Ich werde immer da spielen, wo der Trainer mich aufstellt", sagte Lahm nach dem Sieg gegen die USA.

Man darf gespannt sein, wo das am Freitag sein wird.

[kaltura id="0_isxowh6b" class="full_size" title="Köpke: Lahm kann auch rechts spielen"]

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