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Oliver Bierhoff ist seit Juli 2004 Teammanager der deutschen Nationalmannschaft
Oliver Bierhoff ist seit 2004 Manager der deutschen Nationalmannschaft © getty

Oliver Bierhoff stapelt vor dem WM-Viertelfinale tief und nimmt Löw in Schutz. Zudem kritisiert er den Pessimismus in der Heimat.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Rio de Janeiro - Seit Tagen wird debatiert, diskutiert und kritisiert.

Auf welcher Position soll Philipp Lahm heute im WM-Viertelfinale gegen Frankreich (ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) spielen?

Unterwirft sich Joachim Löw gar dem Diktat seines Kapitäns? Oder ist der Bundestrainer bei der Zusammenstellung seiner Formation schlicht zu stur?

Oliver Bierhoff widerspricht diesen Theorien entschieden.

"Es tut mir ein bisschen leid, dass der Eindruck entsteht, Jogi wäre stur. Ich verstehe das nicht", sagt der Nationalmannschafts-Manager: "In jedem Fall trifft Jogi wohl durchdachte Entscheidungen."

Dennoch stapelt Bierhoff vor dem Viertelfinale eher tief und versucht den Druck vom DFB-Team zu nehmen: "Wir sind zum ersten Mal nicht der Favorit." (SERVICE: Der WM-Spielplan)

Zudem spricht der 46-Jährige im Interview über die Erwartungshaltung in Deutschland, die Lehren aus dem Achtelfinale gegen Algerien und Partys in Berlin.

Frage: Herr Bierhoff, in Deutschland reden sich Fans und Experten die Köpfe darüber heiß, wo Philipp Lahm spielen soll. Führt das Thema auch innerhalb der Mannschaft zu Diskussionen?

Oliver Bierhoff: Ich habe zwar den Bau des Campo Bahia begleitet, aber keine Wanzen einbauen lassen. Nein, natürlich diskutieren die Spieler untereinander, und sicher gibt es auch verschiedene Meinungen. Aber es gibt keine Gruppierungen, die etwas gegen den Willen des Trainers vorantreiben. Jogi hört sich die Meinung der Spieler an, aber er entscheidet letztendlich.

Frage: Stört es Sie, in welcher Form die Mannschaft trotz des Einzugs ins Viertelfinale kritisiert wird?

Bierhoff: Ich tue mich bei dieser Frage ein wenig schwer, weil ich nicht mit den Deutschen brechen will. Aber es ist nicht nur im Fußball ein bisschen eine deutsche Eigenschaft, vieles zu pessimistisch zu sehen. In Italien oder Spanien wirst du genauso scharf kritisiert, wirst genauso fertig gemacht. Trotzdem halten sie dich irgendwie oben. Auch den Spielern fehlt etwas die positive Grundtendenz und die Freude darüber, dass man eine Runde weiter ist.

Frage: Gab es die Art von Kritik in dieser Form schon immer?

Bierhoff: Ich bin im zehnten Jahr Manager, und die Geschichten wiederholen sich: Wenn du das erste Spiel gewinnst, drehen alle schon ein bisschen durch. Drei Tage später verlierst du, dann geht alles total runter. Es herrscht Panik. Es wird gefragt: Was machen wir, was ist der Plan B? Die Emotionen sind bei einem Turnier besonders hoch.

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Frage: Haben diese Emotionen auch mit den für einige Beobachter ungewöhnlichen Entscheidungen von Joachim Löw zu tun?

Bierhoff: Es tut mir ein bisschen leid, dass der Eindruck entsteht, Jogi wäre stur. Ich verstehe das nicht. Als ob er Philipp Lahm im Mittelfeld spielen lässt und sagt: "Das mache ich jetzt, ich habe Recht." Löw und das Trainerteam schauen sich ja alles genau an und denken es durch. In jedem Fall trifft Jogi wohl durchdachte Entscheidungen. Manchmal gehen sie auf, manchmal halt nicht. Hinterher ist man immer schlauer.

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Frage: Hat die schlechte erste Hälfte gegen Algerien auch Ängste geweckt hat, dass es mit dem WM-Titel erneut nichts wird?

Bierhoff: Wir wünschen uns alle den Titel. Man wünscht sich auch, dass jedes Spiel locker durchgeht. Aber wenn man die Geschichte anschaut, sieht man: Selbst bei Titelgewinnen war es nicht so. Zum Beispiel 1974, als 0:1 gegen die DDR verloren wurde. Es gibt keine kleinen Mannschaften mehr, auch wenn sich im Achtelfinale die Großen am Ende durchgesetzt haben. Keine Mannschaft hat es geschafft, eine Führung souverän durchzuspielen.

Frage: Wie stehen die Chancen im Viertelfinale?

Bierhoff: Die Franzosen sind sehr kompakt. Wir sind zum ersten Mal nicht der Favorit. Für mich sind sogar die Franzosen leicht favorisiert. Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen und 30 Minuten weniger in den Beinen.

Frage: Glauben Sie, dass die Mannschaft durch den knappen Sieg gegen Algerien einen Schub für das Turnier bekommt?

Bierhoff: Im Moment würde ich es noch nicht als Initialzündung sehen. Das könnte aber das Viertelfinale gegen Frankreich sein. Vielleicht hilft es den Spielern, dass wir auch mal dreckig gewonnen haben.

Frage: Inwieweit hängt es vom Spiel gegen Frankreich ab, ob die WM als Erfolg oder Misserfolg gelten wird?

Bierhoff: Ich bin mit der bisherigen WM und der Organisation zufrieden. Aber das ist alles für die Katz, wenn wir nicht bis zum Ende marschieren. Trotzdem muss man auch sagen: Im Viertelfinale ist alles möglich. Ich glaube, dass die Fans merken, dass die Mannschaft sich zerreißt und eine Einheit ist. SHOP: Jetzt DFB-Fanartikel kaufen

Frage: Wie ist die Planung nach der WM? Wird es eine Feier geben?

Bierhoff: Wenn wir das Viertelfinale überstehen, bleiben wir bis zum Ende hier. Wir werden uns den Fans in Berlin aber nur im Fall des Titelgewinns präsentieren.

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