Dank stabiler Defensive und Kontrolle im Mittelfeld steht das DFB-Team im Halbfinale. Anderes aber macht Sorgen. Taktik-Check.

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Vom DFB-Team berichtenThorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Santo Andre - Ein überragender Manuel Neuer im Tor, eine stabile Abwehrkette, viel Disziplin und Kontrolle im Mittelfeld - und an vorderster Front Thomas Müller für die wichtigen Tore.

Mit einer kompakten Mannschaftsleistung hat sich die deutsche Nationalmannschaft bis ins WM-Halbfinale am Dienstag gegen Gastgeber Brasilien gespielt (ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Dreimal ohne Gegentor

Die taktischen Schachzüge von Bundestrainer Joachim Löw sind bisher fast alle aufgegangen.

Durch sein 4-3-3-System mit einem zentralen Dreier-Mittelfeld war das DFB-Team in den bisherigen fünf Spielen stets dominant auf dem Platz, blieb in drei Partien ohne Gegentor.

Im Angriff erzielte Thomas Müller vier der zehn Treffer. Allerdings: Die Chancenverwertung war keinesfalls optimal, es wurden zu wenige Möglichkeiten herausgespielt.

Was also war besonders gut, in welchen Bereichen muss sich das DFB-Team im Halbfinale steigern? (SERVICE: Der WM-Spielplan)

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zur deutschen Taktik.

SICHERE ABWEHR:

In den ersten vier Partien spielten vier gelernte Innenverteidiger in der deutschen Abwehr.

Erst im Viertelfinale gegen die USA beorderte der Bundestrainer Philipp Lahm aus dem Mittelfeld auf die rechte Abwehrseite.

Gegen Frankreich lief das Spiel vorwiegend über die rechte Seite, Lahm besaß im deutschen Team die meisten Ballkontakte (83).

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Debatte um Höwedes

Benedikt Höwedes zeigte im Viertelfinale seine bislang beste Turnierleistung.

Nach dem Achtelfinale wurde der zweikampfstarke Schalker zwar kritisiert, er wies aber das größte Laufpensum innerhalb der deutschen Elf auf (12,5 km).

Defensiv ist der zweikampfstarke Höwedes bisher eine Bank, aber zum Spiel nach vorn trägt der Rechtsfuß auf der linken Seite so gut wie nichts bei.

Strunz lobt Löw

"Das Spiel ist bisher sehr langsam, weil wir keine Außenverteidiger hatten. Mit Lahm rechts war es jetzt gegen Frankreich besser", sagt SPORT1-Experte Thomas Strunz im WM Doppelpass (alle Videos).

Er "finde es aber gut, dass der Bundestrainer jetzt mehr Wert auf die Defensive legt", ergänzt Strunz.

In der Abwehr überzeugten Jerome Boateng als Rechtsverteidiger und im Zentrum - sowie vor allem Mats Hummels.

Hummels überragend

Der Dortmunder erzielte sogar zwei Kopfballtore - das hat vor ihm noch kein deutscher Verteidiger bei einer WM geschafft.

Hummels eroberte in seinen vier Spielen 36 Mal den Ball vom Gegner.

Bezogen auf die Einsatzzeit war kein Spieler im Turnier effektiver.

VIELE TORE NACH STANDARDS:

Vier der zehn deutschen Treffer fielen durch Standardsituationen. Nimmt man Müllers 1:0 gegen die USA dazu, fielen sogar die Hälfte aller Tore nach ruhenden Bällen.

"Die Franzosen hatten ordentliche Möglichkeiten, deswegen sind die Standards so wichtig, wenn ich mir sonst keine Chancen herausspielen kann", sagt Strunz.

Diese Stärke ist eine erfreuliche Entwicklung, denn: Bei vergangenen Turnieren waren Tore nach Freistößen oder Ecken Mangelware.

[kaltura id="0_gj7kdw87" class="full_size" title="Schweinsteiger hei auf Brasilien"]

DOMINANZ IM MITTELFELD:

Löw setzte von Beginn an auf drei relativ defensive Mittelfeldspieler. Zentraler Spieler war bisher Toni Kroos, der im Wechsel mit Lahm, Sami Khedira oder Bastian Schweinsteiger die Fäden zog.

In den Vorrundenspielen gegen Portugal und die USA hatte das deutsche Mittelfeld dadurch alles unter Kontrolle.

Nur gegen Ghana und Algerien gab es Schwierigkeiten.

Passquote meist top

Das Viertelfinale gegen Frankreich dominierte die deutsche Auswahl wieder, wenn auch die Zahlen dieses Mal eine andere Sprache sprechen:

Die Quote der angekommenen Pässe betrug nur 73 Prozent - der bisherige deutsche Tiefstwert bei der WM.

Bislang hatte die Passquote immer mindestens 82 Prozent betragen.

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VIEL KONTROLLE, ABER KAUM CHANCEN:

Der Stärke im Zentrum steht die Schwäche auf den Außenpositionen im Mittelfeld gegenüber.

Vor allem Mesut Özil ist auf dem Flügel längst nicht so stark wie auf seiner Lieblingsposition im Zentrum. Und: Weil Kroos defensiv spielt, gibt es niemanden in der Offensivzentrale.

"Wir haben drei Spieler im Zentrum, die fast alle gleich spielen. Wenn ich Özil nach außen schiebe, fehlt in der Mitte eine Anspielstation", erklärt Strunz.

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Özil in der Zwickmühle

Was klar ist: Um gegen Brasilien die Lücke zwischen Defensive und Offensive zu schließen, wäre Özil als Zehner einer Option.

Dafür müsste aber einer der defensiven Mittelfeldspieler weichen.

Und: Toni Kroos hat bisher alle Spiele absolviert und wird wohl erneut Löws Vertrauen bekommen. Dass der Bundestrainer das zuletzt gut funktionierende Gespann Khedira und Schweinsteiger wieder trennt, ist demnach eher unwahrscheinlich.

WENIG DRUCK ÜBER AUSSEN:

Nur beim 4:0 gegen Portugal spielte Deutschland häufig über die Flügel und selten durch die Mitte. Drei der vier Treffer wurden über die Außen eingeleitet.

In den folgenden Partien änderte sich das schlagartig, weil Özil und auch Mario Götze rapide abfielen. Auch der Münchner konnte seinen Vereinskollegen Thomas Müller kaum in Szene setzen.

Bedenklich: Gegen Frankreich fand Deutschland über die Außenbahnen kaum statt, fiel der französischen Abwehr nur selten in den Rücken.

Özil unter seinen Möglichkeiten

Auch ein Grund: Özil spielt nicht auf seiner Lieblingsposition, weil Löw mit drei zentralen Akteuren hinter ihm agieren lässt.

Der Arsenal-Profi kann auf den Außenpositionen nicht die Wirkung entfalten wie in der Mitte - und sucht ohnehin seit Monaten nach der Bestform.

"Ich glaube, dass man Mesut Özil keinen Gefallen tut, wenn er links spielt. Ich glaube, rechts wäre mehr drin für ihn - er bleibt definitiv unter seinen Möglichkeiten", sagt Ex-Nationalspieler Dieter Hoeneß bei SPORT1.

"Ich glaube man würde Özil etwas Druck nehmen, wenn man ihn mal rausnimmt und dann zum Beispiel nach 60 Minuten bringt. Er kann beispielsweise einen Konter einleiten mit seinem guten Auge", findet Hoeneß.

Dass er rechts stärker ist als links, zeigte Özil gegen die USA: Er kam in knapp 90 Minuten auf 52 Sprints und war mit 31,4 km/h schnellster deutscher Spieler.

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SCHLECHTE CHANCENVERWERTUNG:

Nur gegen Portugal war die Chancenverwertung optimal.

Gegen Algerien entpuppten sich die Abschlüsse als eklatant schwach, und auch gegen Frankreich ließ das DFB-Team dicke Chancen liegen.

An diesem Punkt muss Löw mit seinen Spielern noch kräftig arbeiten.

KAUM MÖGLICHKEITEN AUS DEM SPIEL HERAUS:

Müller war zwar in jedem Spiel enorm engagiert und ein ständiger Unruheherd, aber er bekam kaum Bälle.

"Müller ist darauf angewiesen, dass er angespielt wird, aber wir haben die Verbindung nach vorne nicht", sagt Strunz.

Auch Miroslav Klose hängt zumeist in der Luft.

Klose ohne Bindung

Gegen Frankreich ackerte der Routinier viel, blieb aber ohne Wirkung.

Mit Unterstützung eines schnellen Außenspielers wie Andre Schürrle könnte Klose seine Stärke zur Geltung bringen und wesentlich besser zum Abschluss kommen.

"Ich finde, dass Löw gegen Brasilien mit Klose und zwei schnellen Außen Schürrle und Müller spielen muss", meint Strunz.

Und ergänzt: "Klose vor allem deswegen, weil er mit seinen 15 WM-Tore Eindruck beim Gegner macht. Das wäre eine zusätzliche psychologische Komponente."

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