Joachim Löw kann mit einem Sieg über Brasilien in die Geschichtsbücher eingehen. Seine Zukunft hängt maßgeblich davon ab.

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Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Belo Horizonte - Joachim Löw wollte noch nicht gehen. Er hatte noch Redebedarf.

Als der FIFA-Pressemann am Montagabend die Pressekonferenz des Bundestrainers vor dem WM-Halbfinale gegen Brasilien (ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER) schon beenden wollte, sah Löw, dass sich noch ein Journalist gemeldet hatte.

Aus einer Frage wurden schließlich drei, doch das machte Löw nichts aus. Er beantwortete sie in aller Ausführlichkeit.

Die Szene war ein weiteres Beispiel dafür, wie locker und entspannt der Bundestrainer bei dieser Weltmeisterschaft auftritt (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Und das, obwohl es im Halbfinale gegen den Gastgeber auch darum geht, wie Löw in Zukunft einmal in Erinnerung bleiben wird.

Dritte Halbfinal-Pleite in Folge?

Gewinnt die deutsche Nationalmannschaft gegen Brasilien, darf sie am Sonntag im Endspiel im Maracana von Rio um den Titel spielen.

Gelingt dies, stünde Löw in einer Reihe mit den Weltmeister-Trainern Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer.

Scheidet das DFB-Team dagegen aus, würde Löw als der Bundestrainer mit drei verlorenen Halbfinalspielen in Folge eher unrühmlich in die Geschichte eingehen.

Vertrag bis zur EM 2016

Löws Vertrag läuft zwar bekanntlich noch bis zur EM 2016.

Doch ob er im Fall einer Niederlage gegen Brasilien oder einer Pleite im möglichen Endspiel noch einmal einen Anlauf starten wird, bezweifeln viele Fans und Experten.

Zumal die Zahl seiner Kritiker in der Heimat nach wie vor groß ist. "Der fremde Deutsche", titelte der "Spiegel" in dieser Woche erst.

Und wenn Löw mit dem Titel im Gepäck zurück nach Deutschland käme, gäbe es noch weniger Gründe, weiterzumachen.

Allerdings hatte der 54-Jährige vor der WM erklärt, es habe auch seinen Reiz, als Weltmeister in die EM-Qualifikation zu gehen.

Für viele war das damals allerdings eher eine taktische Antwort, um nicht wie bei der WM 2010 permanent Fragen nach seiner Zukunft beantworten zu müssen.

Schwieriger Start in die Vorbereitung

Denn dass er nun mit seiner Mannschaft tatsächlich nach dem WM-Pokal greift, damit hätten viele noch vor eineinhalb Monaten nicht gerechnet.

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Als der DFB-Tross im Mai ins Trainingslager nach Südtirol aufbrach, waren Leistungsträger wie Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira verletzt oder noch ohne Wettkampfrhythmus.

Der Bundestrainer musste immer wieder zum Gesundheitszustand seiner Stars Stellung nehmen, er wirkte damals selbst etwas angeschlagen.

Das Trainingslager wurde von anhaltenden Personaldiksussionen, Lars Benders WM-Aus und einem Autounfall bei einem Sponsorentermin überschattet.

Als sich im letzten Testspiel gegen Armenien (6:1) am Tag vor dem Abflug nach Brasilien auch noch in Marco Reus einer der größten Hoffnungsträger schwer verletzte, war für viele klar:

Mit dem ersehnten WM-Titel kann es nichts mehr werden.

Kritik nach Remis gegen Ghana

Doch nach dem Motto "Die Zeit heilt alle Wunden" wurden Neuer, Lahm und Schweinsteiger fit. Khedira machte weiter Fortschritte, und so standen drei der vier Säulen des Team zum WM-Auftakt auf dem Platz.

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Nur Schweinsteiger fehlte, für seinen Münchner Klubkollegen spielte Lahm im defensiven Mittelfeld. Das 4:0 gegen Portugal war ein Aufsehen erregender Start, Löw hatte alles richtig gemacht.

Doch nach dem 2:2 gegen Ghana schlug die Stimmung um. Schweinsteiger müsse im Mittelfeld spielen und Lahm gehöre in die Abwehr, forderten Experten und Medien.

Löw ließ sich davon zunächst nicht beeindrucken, änderte aber nach dem mühsamen 2:1-Sieg im Achtelfinale gegen Algerien doch noch seine Aufstellung (199554ZUM DURCHKLICKEN: Joachim Löws Karriere in Bildern).

Neue Marschroute gegen Frankreich

Wie auch immer die Entscheidung zustande gekommen war, der Bundestrainer bewies Flexibilität und Konsequenz.

Um seinen Matchplan für das Viertelfinale gegen Frankreich durchzusetzen, setzte er sogar den zuvor in vier Spielen fehlerlosen Per Mertesacker auf die Bank.

Nach der Leistung beim 1:0 gegen die Franzosen in Rio und dem Aus von Brasiliens Superstar Neymar sowie Thiago Silvas Sperre scheinen nun die Chancen groß, zum ersten Mal seit 2002 wieder ein WM-Finale zu erreichen.

Der Freiburger hat nach dem insgesamt fünften Halbfinal-Einzug in Folge seit 2006 die Entscheidung über seine Zukunft in der eigenen Hand.

Eine Trennung wegen Misserfolgs ist ausgeschlossen, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach will die Zusammenarbeit unbedingt fortsetzen.

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Dunkle Erinnerungen an 2010 und 2012

Und dennoch steht Löw unter Druck - dem Druck, sein Team diesmal besser zu coachen.

Denn immer dann, wenn es darauf ankam, zeigte Löws Mannschaft in den vergangenen Turnieren nicht ihr wahres Können. Und er selbst auch nicht.

In den (verdient verlorenen) Halbfinals der WM 2010 (0:1 gegen Spanien) und der EM 2012 wich der Bundestrainer plötzlich von seinem Plan ab und stellte zu vorsichtig auf - offenbar ein fatales Signal an die Spieler, die in beiden Partien passiv und verunsichert agierten.

Dabei hatte er vor der Partie gegen Italien in der EM-Vorschlussrunde betont, er werde sich nicht nach dem Gegner richten.

Er tat es dann doch - und wurde nach der 1:2-Niederlage hart, teilweise sogar unfair angegangen.

Löw angriffslustig: "Sind noch nicht fertig"

Vor dem Halbfinale gegen Brasilien sagte Löw nun: "Wir wollen uns nicht verstellen und versuchen, unsere Dinge durchzuziehen. Das wird das Wichtigste sein."

Am Montagabend wirkte der Bundestrainer wie jemand, der einen guten Plan hat.

Wenn seine Spieler ihn umsetzen, ist der Titel schon fast zum Greifen nah.

Das Spiel gegen Brasilien "ist ein Highlight, etwas sehr Spezielles und Großartiges. Meine Vorfreude ist wahnsinnig groß", sagte Löw:

"Wir wollen unbedingt noch mal in Rio im Maracana-Stadion spielen. Am 13. Juli. Wir sind noch nicht fertig."

Ob Löw danach mit seiner Mission als Bundestrainer fertig ist, wird maßgeblich von ihm selber abhängen.

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