Philipp Lahm tritt nach einer einzigartigen Karriere aus dem DFB-Team zurück. Das ist zu verstehen - löst aber Kopfschütteln aus.

Philipp Lahm ist nicht mehr Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und wird wohl nie mehr im Trikot mit dem Adler und den nunmehr vier Sternen auf der Brust auflaufen.

Diesen Satz müssen die Fußballfans in Deutschland fünf Tage nach dem Rausch des WM-Triumphs von Rio de Janeiro erst einmal sacken lassen.

Der beste Rechtsverteidiger der Welt - und einer der besten Fußballer seiner Generation überhaupt - will im zarten Alter von 30 Jahren nicht mehr das Nationaltrikot tragen. Diese Nachricht haute Fußball-Deutschland am Freitag aus den Socken.

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Seitdem hagelt es Respektsbekundungen, von Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Weltmeister-Kollegen und den vielen, vielen Fans.

Dieses Lob hat Lahm verdient. Er wird als einer der größten deutschen Nationalspieler aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Trotz seiner nur 1,70m Körpergröße.

Doch es ist auch eine Entscheidung, die ein leichtes Kopfschütteln auslöst.

Philipp Lahm hat es zweifellos geschafft, auf dem absoluten Höhepunkt aufzuhören. Weltmeister. Als Kapitän. Im legendären Estadio Maracana von Rio de Janeiro. Mehr geht nicht.

Nur wenige Spieler schaffen es, zu solch einem perfekten Zeitpunkt den Absprung zu schaffen. Italiens Legenden Gianluigi Buffon und Andrea Pirlo waren 28 und 27 Jahre alt, als sie 2006 Weltmeister wurden. An Rücktritt war nicht zu denken, jetzt quälten sie sich in Brasilien durchs Turnier. Spaniens Mastermind Xavi war bei Gewinn des WM-Titels wie Lahm 30 Jahre alt, beim EM-Titel zwei Jahre später 32 - auch er hatte in Brasilien nicht viel Freude mit der Seleccion.

Philipp Lahm hat in seinem Fußballerleben alles erreicht, was man nur erreichen kann auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene. Seit der Heim-WM 2006 hat er das DFB-Team mit seiner nahezu unmenschlichen Konstanz auf den schmalen Schultern getragen.

"Er hat seine Pflicht in der Nationalmannschaft erfüllt", sagt Lahm-Berater Roman Grill im Gespräch mit SPORT1.

Das ist sicherlich richtig. Aber kann das alles sein?

Der Rücktritt vermittelt den Eindruck, dass es Lahm in erster Linie um die Vergoldung der "Ära Lahm" gegangen ist - nicht um eine mögliche "deutsche Ära" im Weltfußball.

Das DFB-Team ist mit dem Titel nicht am Ende einer Entwicklung angekommen, es steckt noch mittendrin. Die zahlreichen deutschen Spieler internationaler Klasse sind jung und können und wollen weitere Titel gewinnen. Lahm entzieht dieser Gruppe, deren Teamgeist in Brasilien so sehr gelobt wurde, nun seine außerordentlichen Talente.

Diese Entscheidung ist sein gutes Recht, kommt aber zu früh. Lahm ist, im Gegensatz zu Bastian Schweinsteiger, nicht von Verletzungen geplagt worden in den letzten Jahren. Er hätte Bundestrainer Joachim Löw in den kommenden zwei Jahren unterstützen können, bis dann nach der EM 2016 ohnehin der Umbruch ansteht.

Lahms Rücktritt passt aber ins Bild einer ebenso einzigartigen wie auch einzigartig gradlinig durchchoreografierten Karriere.

Er hat - egal ob im Klub oder im DFB-Team - immer sehr genau gewusst, was zu tun ist, um zum persönlichen Ziel zu kommen. In Erinnerung sind seine chirurgisch genau platzierten Interviews, wenn es beim FCB oder im Nationalteam nicht nach seinen Vorstellungen lief.

Bleibt die Frage, was jetzt noch kommen soll? Nach Lahmscher Logik hätte er seine Karriere beim FC Bayern schließlich schon 2013 beenden können. Mehr als der Triple-Triumph ist schließlich kaum möglich.

Vielleicht nimmt er unter Trainer Pep Guardiola einen letzten großen Anlauf auf die Weltfußballer-Krone.

Verdient hätte er sie.

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