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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Als Spieler gewann Laurent Blanc mit Frankreich die WM 1998 und die EM 2000 © getty

Sportlich befindet sich Frankreich nach dem WM-Debakel langsam auf dem Weg der Besserung. Der Nationalcoach ist dennoch besorgt.

Paris - Das einst so gelobte Nachwuchssystem steht auf der Kippe, die Nationalmannschaft ist nur noch zweitrangig, und in der jungen Generation gibt es keine großen Persönlichkeiten.

Nationaltrainer Laurent Blanc hat ein düsteres Bild des französischen Fußballs gezeichnet.

Im Gespräch mit dem "Spiegel" machte der 44-Jährige das fehlende Nationalgefühl im multikulturellen Frankreich als Hauptgrund für den Niedergang der "Equipe Tricolore" aus.

"Wir haben mit unserer nationalen Identität im Augenblick gravierende Probleme", sagte Blanc.

Ausbilden für Tunesien und Algerien

Man bilde junge Spieler aus, die sich dann plötzlich entscheiden, für Tunesien oder Algerien zu spielen:

"Ich will unseren jungen Spielern vermitteln, dass Frankreich ihr Land ist und der französische Nationalkader ihr Platz."

Zumindest mit seinem aktuellen Kader ist Blanc auf einem guten Weg.

Nach dem überzeugenden 2:0-Sieg gegen Rumänien führen die "Blauen" die Gruppe D an und stehen gegen Luxemburg am Dienstag in Metz (21 Uhr) vor einer leichten Aufgabe.

An der Qualifikation für die EM in Polen und der Ukraine zweifelt Blanc deshalb nicht. "Es ist unsere Pflicht. Und wir werden es schaffen", sagte der Weltmeister von 1998.(DATENCENTER: EM-Qualifikation)

Kritik an der Nachwuchsarbeit

Geht es allerdings um das Ausbildungskonzept des Verbandes, stehen tiefe Sorgenfalten auf Blancs Stirn.

Das nach dem WM-Titel 1998 weltweit bewunderte Fördermodell mit Fußballschulen im ganzen Land und dem Leistungszentrum in Clairefontaine sieht Blanc nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

"Nun haben wir allen Anlass, unser System von Grund auf neu zu überdenken", sagte der einstige Abwehrchef der Nationalmannschaft.

Dabei gehe es auch um politische Dinge, um die nationale Kultur und infolge dessen um den Bedeutungsverlust der Nationalmannschaft.

"Desinteresse ist schick"

"Es ist unter jungen Spielern heute schick, allgemeines Desinteresse an allem zur Schau zu stellen. Es gilt als cool, alles irgendwie egal zu finden, selbst die Nationalelf", sagte Blanc.

Er wolle den Spielern vermitteln, dass der Fußball vielleicht die einzige Chance ist, es im Leben zu etwas zu bringen.

Blanc will einen Teamgeist entfachen, wie er ihn beim WM-Triumph als Spieler selbst erlebt hat. Die damalige Mannschaft galt als Prototyp eines multikulturellen Teams.

"Klarheit muss sein"

"Der entscheidende Unterschied ist, dass wir damals alle Franzosen waren und uns auch so fühlten", sagte Blanc.

Das habe sich in den vergangenen zehn Jahren geändert.

Er brauche Spieler, die sich mit dem Land und der Mannschaft identifizieren, die wissen, wo sie hingehören: "Ich akzeptiere, wenn sich jemand anders entscheidet. Aber Klarheit muss sein."

Die französische Mannschaft sieht Blanc gerade in der Lücke zwischen zwei Generationen. Ihm fehlen vor allem die Führungsspieler.

"Ein desaströser Irrtum"

"Wir hatten in unseren Reihen mehr echte Persönlichkeiten. Große Sportler sind in der Regel auch große Persönlichkeiten", meinte Blanc.

Ein Sportler, der im Herzen klein bleibe, könne es zu nichts bringen.

Die fehlende Reife vieler Spieler macht Blanc auch für den WM-Skandal in Südafrika verantwortlich, in dessen Verlauf Stürmer Nicolas Anelka wegen übler Beleidigungen gegen den damaligen Trainer Raymond Domenech ausgeschlossen wurde.

"Sie haben gemeint, sich mit einem Spieler solidarisch erklären zu müssen, und darüber haben sie die Interessen der Mannschaft vergessen. Ein desaströser Irrtum."

Weltrangliste "spiegelt die Realität"

Blanc verfolgte die Ereignisse am Kap der guten Hoffnung in der Heimat vor dem Fernseher:

"Ich habe mich gefragt, ob ich wache oder träume. Es war ein Albtraum. Je länger ich zugeschaut habe, desto wütender wurde ich."

Seinen Vertrag hatte Blanc da schon unterschrieben, er musste den Scherbenhaufen wohl oder übel zusammenkehren.

Mit seinem Team, das in der Weltrangliste nur auf Platz 27 steht, geht er dabei knallhart ins Gericht:

"Wir müssen das zur Kenntnis nehmen, auch wenn es schmerzt. Die Platzierung spiegelt die Wirklichkeit."

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