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Die Partie zwischen Italien und Serbien musste wegen Randalen abgebrochen werden © imago

Nach dem abgebrochenen Spiel zwischen Italien und Serbien werden erschreckende Details bekannt. Subotiv fürchtet um sein Leben.

Von Nikolai Kube

München - Die schlimmen Bilder haben sich in den Köpfen von Millionen von Fußball-Fans eingebrannt.

Ein vermummter Mann sitzt auf dem Absperrgitter des Stadions, zerlegt mit einem Klappmesser den Abfangzaun in seine Einzelteile und hetzt eine Bande von Hooligans mit Hassparolen auf.

Ivan Bogdanov, ein arbeitsloser serbischer Hooligan und Anführer der rechtsextremen Fan-Gruppe von Roter Stern Belgrad ("Ultra Boys"), ist das Sinnbild der hässlichen Ausschreitungen beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Italien und Serbien.

Die Partie wurde nach sieben Minuten von Schiedsrichter Craig Thomson abgebrochen, nachdem erneut Feuerwerkskörper auf das Spielfeld in Genua geflogen waren. 298785(DIASHOW: Serbische Hooligans randalieren in Italien)

Acht Serben in Untersuchungshaft

"Ich habe nichts gegen Italien, sondern gegen meine Mannschaft. Ich liebe meine Heimat", soll Bogdanov den Behörden gesagt haben.

Der Hooligan, der die Ausschreitungen organisiert haben soll, befindet sich weiter mit sieben anderen serbischen Randalierern in Untersuchungshaft. Am Mittwoch waren zwei Serben bereits zu einem Jahr bzw. drei Monaten Haft verurteilt worden.

Kein Schnellverfahren

Dagegen wurden 35 andere Randalierer inzwischen aus Italien ausgewiesen. Insgesamt erstattete die Staatsanwaltschaft 47 Anzeigen.

Die inhaftierten Hooligans würden kein Schnellverfahren erhalten, damit die Staatsanwaltschaft mehr Zeit für die Ermittlungen habe, erklärte Staatsanwältin Cristina Camaiori.

"Nur mit einer Kalaschnikow hätte man dieses Block noch einmal ruhig bekommen können", sagte der italienische Funktionär Marcello Nicci zu den hässlichen Szenen im Stadion.

Brennende Fackel fliegt in Bus

Währenddessen sitzt der Schreck der serbischen Nationalmannschaft noch immer in den Gliedern.

"So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte der Dortmunder Neven Subotic den "Ruhr Nachrichten" und erzählte von den Szenen im Mannschaftsbus, die sich auf der Fahrt zum Stadion abgespielt haben.

20 Hooligans hätten den Teambus gestürmt und eine brennende Fackel in den besetzten Bus geworfen. Danach wollten sie Torhüter Vladimir Stojkovic herausziehen und skandierten Gesänge, die den Tod des Keepers forderten.

"Er zitterte wie Espenlaub"

Unter anderem sei der Satz "Wir haben einen Sarg mit deinem Namen drauf" in Richtung Stojkovic gefallen.

Der Keeper war vor der Saison von Roter Stern zu Partizan Belgrad gewechselt und war durch die Anfeindungen der Hooligans dermaßen eingeschüchtert, dass er vor der Partie sogar Zuflucht in der italienischen Kabine suchte.

"Er zitterte wie Espenlaub", sagte später Nationaltrainer Cesare Prandelli, der von einer "paradoxen Situation" sprach.

''Da kam der serbische Torhüter in unsere Kabine und hatte große Angst. Und das hat uns bewusst gemacht, dass das eine riskante Partie wird, weil das Ziel dieser Fans war, dass das Spiel gar nicht erst stattfindet.''

Kacar steht "unter Schock"

Stojkovic' Teamkollege Subotic fürchtete ebenfalls um sein Leben: "Du weißt ja nicht, ob so jemand ein Messer dabei hat oder sonst noch was. Richtet sich die Gewalt jetzt gegen Spieler? Wie weit geht so jemand?", sagte er.

"Es ist so ein Gefühl der Unsicherheit, das dich quält. Und das hinterlässt Spuren. Ich spiele gerne Fußball, aber nicht um jeden Preis. So kann es nicht weitergehen", sagte Subotic.

Auch Gojko Kacar vom Hamburger SV sagte: "Ich stehe unter Schock. Wir hatten nur noch Angst."

"Attentat gegen den Staat"

Angst vor einer rechtsextremen Gruppe von Roter Stern Belgrad, die offenbar politische Motive verfolgte.

Mit den Krawallen solle angeblich die Annäherung Serbiens an die EU sabotiert werden. Rechte Kräfte bedienen sich der Hooligans, um ein Klima politischer Destabilisierung zu schaffen und Neuwahlen zu erzwingen.

"Das ist ein Attentat gegen den Staat, und die Drahtzieher sitzen in Belgrad", sagte der Verbandspräsident Tomislav Karadzic.

"Diese Schande hat die ganze Welt gesehen. Seit zwei Tagen fühlten wie uns wie auf einem Pulverfass. Wir haben die italienischen Sicherheitsorgane gewarnt, dass so etwas passieren könnte", so Karadzic weiter.

Italien weist Mitverantwortung von sich

Doch warum reagierten die Italiener auf diese Ankündigungen nicht angemessen?

Der italienische Fußball-Verband FIGC weist jegliche Mitverantwortung für die Ausschreitungen von sich - und das obwohl Italien als Gastgeber in Genua gemäß der Regeln der UEFA die Sicherheit im Stadion zu gewährleisten hatte.

"Eine Strafe vonseiten der UEFA würde mich enttäuschen, da ich nicht sehe, welche Verantwortung wir tragen sollten", sagte Italiens Innenminister Roberto Maroni.

Vorwürfe gegen Ordnungskräfte

Roberto Massucci, zuständig für die Sicherheit in Italiens Stadien, sagte: "Man hat uns über die Anzahl der anreisenden Fans, nicht über die Gefährlichkeit informiert."

Schwere Vorwürfe richtete dagegen BVB-Spieler Subotic gegen die italienischen Ordnungskräfte:

"Die italienischen Polizisten standen draußen und haben uns demonstrativ den Rücken zugewendet. Wir hatten Glück. Ich hätte nie gedacht, dass ich so was mal erleben muss", meinte Subotic.

Eines ist jedoch sicher: Der serbische Fußball wird bestraft. Geldbußen, Punktabzüge oder gar der Ausschluss aus der EM-Qualifikation wären mögliche Konsequenzen. Eine Entscheidung wird die UEFA am 28. Oktober fällen.

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