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Herbert Prohaska spielte von 1974 bis 1989 für die österreichische Nationalmannschaft © getty

Vor dem Spiel gegen Deutschland erklärt Ex-Nationalspieler Prohaska bei SPORT1 die Entwicklung des österreichischen Fußballs.

Aus Wien berichtet Thorsten Mesch

Wien ? Wenn Österreich im Fußball auf Deutschland trifft, dann fällt immer wieder der Name Cordoba.

Österreichs 3:2-Sieg bei der WM 1978 in Argentinien wird regelmäßig heraus gekramt, wenn der Außenseiter den großen Favoriten fordert.

Doch in der Vergangenheit zu schwelgen hilft in der Gegenwart niemandem.

"Cordoba ist tot", behauptet deshalb der Wiener "Kurier" vor dem Spiel gegen Deutschland (20 Uhr im LIVE-TICKER).

Kein einziger Spieler, der am Freitag gegen Deutschland einlaufen wird, sei 1978 schon am Leben gewesen, stellt die die Tageszeitung fest.

Auch ÖFB-Spieler Christian Fuchs ist die ewigen Vergleiche mit der Vergangenheit leid: "Cordoba kommt immer wieder auf, aber wir Spieler und Funktionäre können es nicht mehr hören", so Fuchs bei SPORT1.

Und weiter: "Man kann sich nicht immer mit der Vergangenheit beschäftigen. Mancher klammert sich an Erfolge, die Jahrzehnte zurück liegen, das halte ich für den falschen Weg. Ich denke, die Vergangenheit sollte endlich ruhen."

"Realität der Fußballgeschichte"

Herbert Prohaska, einer der Helden von Cordoba, sieht die Sache etwas differenzierter. "Es ist natürlich ein kompletter Schwachsinn zu sagen: ?Cordoba ist tot?", sagt Prohaska im Gespräch mit SPORT1.

Cordoba sei "eine Realität der Fußballgeschichte von Österreich",erklärt Prohaska. Man könne in Deutschland schließlich auch nicht sagen: "Bern ist tot".

Sieg war das "Sahnehäubchen"

Der Sieg von 1978 "interessiert keinen Menschen mehr. Es aber zu verschweigen, wäre völlig falsch", meint Prohaska, der 2004 zu "Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts" gewählt wurde.

Man könne Cordoba zum Spaß hervor holen, oder aber sagen: "Okay, wir haben 1978 eine gute WM gespielt und haben nicht nur Deutschland, sondern auch Spanien und Schweden geschlagen haben", erklärt Prohaska.

Der Sieg gegen Deutschland sei gewissermaßen das "Sahnehäubchen" auf ein gutes Turnier gewesen.

Erfolgserlebnisse fehlen

Genau solche Erlebnisse hätte Österreichs Fußball zuletzt gefehlt, findet Prohaska. "Wir bräuchten einen internationalen Erfolg mit der Nationalmannschaft. Erfolg heißt in diesem Fall, dass wir uns für eine Endrunde qualifizieren."

Nimmt man die EM 2008, bei der Österreich als Co-Gastgeber automatisch gesetzt war, aus, so liegt das letzte Erfolgserlebnis lange zurück.

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Als Nationaltrainer führte Prohaska das ÖFB-Team zum WM 1998 in Frankreich und 1999 bis auf Platz 17 der Weltrangliste. Heute steht Österreich auf Rang 74 und kämpft gegen Deutschland um seine letzte Chance in der Qualifikation zur EM 2012.

Keine Kontinuität

"Auch wenn wir ein kleines Land sind, will sich der Österreicher am liebsten mit den Großen vergleichen", erklärt Prohaska. "Diesem Vergleich hält man nicht mehr stand. Es ist eher so, dass die Großen immer stärker werden."

Österreich habe "sehr viele junge und hoffnungsvolle Spieler" und leiste in den Akademien und Leistungszentren hervorragende Arbeit, "aber wir haben immer noch keine Nationalmannschaft, die kontinuierlich am Stück positive Ergebnisse bringt."

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"Nationalmannschaft vielleicht nicht mehr so wichtig"

Prohaska, der als Spieler und Trainer der Wiener Austria insgesamt neun Meisterschaften und sechs Pokalsiege feierte und in Italien mit AS Rom Meister und mit Inter Mailand Pokalsieger wurde, führt die mangelnde Konstanz auch auf Einstellungsprobleme zurück.

"Mein Eindruck ist, dass die Nationalmannschaft vielleicht für die Spieler gar nicht mehr so wichtig ist", sagt Prohaska, der heute als TV-Experte und Zeitungskolumnist ganz nahe am Ball ist.

Er sei sich "nicht sicher, ob die Spieler noch diesen Patriotismus haben, um wirklich alles für die Nationalmannschaft zu tun."

Arnautovic als "Paradebeispiel"

Werder Bremens Marko Arnautovic, aus disziplinarischen Gründen nach wiederholten Eskapaden nicht im Kader, sei "vielleicht das Paradebeispiel", für seine These.

"Ich bin überzeugt, dass er super spielen möchte, aber er möchte auch super leben", sagt Prohaska. "Das geht aber nicht. Wenn du ein erfolgreicher Spieler sein willst, dann musst du, in der Zeit, in der du spielst, Fußball leben."

Mangel an Führungsspielern

Zudem fehle es in Österreichs Team an Führungsspielern, wie Prohaska sie während seiner Zeit als Nationaltrainer hatte.

"Wir hatten Toni Polster, Andi Herzog, Wolfgang Feiersinger oder Franz Wohlfarth", blickt Prohaska zurück

Heute seien die meisten Legionäre in ihren Vereinen keine Leistungsträger, ein Ausfall eines Stammspielers könne in der Nationalmannschaft kaum noch kompensiert werden.

Hickersberger fordert "mindestens einen Punkt"

Josef Hickersberger, wie Prohaska ein Held von Cordoba, erwartet gegen Deutschland dennoch Großes vom ÖFB-Team.

"Da muss mindestens ein Punkt rausschauen", sagte der Vorgänger des aktuellen Nationaltrainers Dietmar Constantini der Zeitung "Österreich".

Prohaska hingegen macht seinen Landsleuten nur wenig Hoffnung. "Wenn man so will, dann bete ich für ein gutes Resultat. Aber der Gegner erscheint mir doch ein bisschen zu übermächtig."

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