vergrößernverkleinern
Berti Vogts ist seit April 2008 Nationaltrainer in Aserbaidschan © imago

Der frühere Bundestrainer fühlt sich von drei unbekannten Männern angegriffen, deutet die Protestaktion wohl falsch.

Baku - Der vermeintliche Angriff auf seine Person hat Spuren hinterlassen.

Obwohl Berti Vogts in Aserbaidschan Land und Leute in sein Herz geschlossen hat, wird der frühere Bundestrainer aller Voraussicht nach seinen Job als oberster Fußballlehrer des Landes vorzeitig aufgeben und aus seinem bis 2012 datierten Vertrag auflösen (DATENCENTER: Die EM-Quali).

In der Türkei wird Vogts als möglicher neuer Auswahlcoach gehandelt, sollte Trainer Guus Hiddink dem Lockruf des Geldes von Roman Abramowitsch folgen und zum FC Chelsea zurückkehren.

Nachdem Vogts am Sonntag während einer Pressekonferenz laut eigener Aussage tätlich angegriffen worden war, stehen die Zeichen auf Abschied.

Das EM-Qualifikationsspiel am Dienstag gegen Deutschland (Dienstag ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) könnte bereits sein letzter Einsatz auf der Bank für Aserbaidschan sein.

Verwirrung um Geschehen

Nach der Attacke herrscht indes weiter Verwirrung über den tatsächlichen Ablauf des Geschehens.

Wie die "SZ" jetzt berichtet, soll sich der Vorfall in Baku wie folgt abgespielt haben: Nach der Pressekonferenz, auf der Kritik an Vogts geübt wurde, hätten sich einige Journalisten auf dem Gang postiert und aus Protest Klopapier und eine Gießkanne geschwenkt.

Offenbar sei Vogts dabei "von ein bisschen Klopapier berührt" worden und habe dies als tätlichen Angriff empfunden, berichtet die "SZ".

Applaus von Journalisten

Der "Sport-Informations-Dienst" vermeldete daraufhin, dass der Nationaltrainer Anzeige erstattet habe. Vogts vermutete dass es sich bei den Protestierenden um "bezahlte Schläger" handelte, die von einflussreichen Leuten bezahlt worden seien.

Sicherheitskräfte seien laut "SZ" allerdings "definitiv zu keinem Zeitpunkt nötig" gewesen.

Als er nach der Attacke auf seine Person in seiner Wut verkündete, er könne ja sofort alles hinschmeißen und die nächste Maschine nach Deutschland, applaudierten lautstark rund 20 anwesende Journalisten, die Vogts nach der 1:2-Pleite am Freitag in Kasachstan wohl am liebsten eigenhändig aus dem Land gejagt hätten.

"Bei uns undenkbar"

"Hier gibt es Strukturen, die sind bei uns undenkbar", sagte Vogts.

Die Mauschelei und interne Politik hatten Vogts bereits während seiner ersten Amtszeit bis zum Sommer 2010 mehr als gestört.

Immer und immer wieder wurden ihm nach eigenen Angaben Steine in den Weg gelegt. Lediglich das gute Verhältnis zu Verbandsboss Rownag Abdullajew und Generalsekretär Elkhan Mammadow habe dazu geführt, dass er seinen Vertrag um zwei Jahre verlängerte.

Dieses Funktionärs-Duo hätte zwar im Rahmen der Möglichkeiten alles gehalten, was man ihm versprochen habe, von einer professionellen Struktur sei der Fußball in Aserbaidschan aber noch meilenweit entfernt, berichtet Vogts, der sich stets als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball bezeichnet.

[kaltura id="0_awm9na5i" class="full_size" title="Brasilien - Niederlande"]

Aserbaidschan will aufschließen

In Aserbaidschan waren ihm aber nicht nur einmal die Hände gebunden, weil Vereins- und Verbandsfunktionäre mit der Art des früheren Nationalspielers nicht viel anfangen können und seine Arbeit - so der Eindruck bei Vogts - sehr oft torpedieren.

Mit der Unterstützung von Verbandspräsident Abdullajew seien zwar einige Dinge auf den Weg gebracht worden, aber dieser Weg sei nach wie vor sehr steinig.

"Aserbaidschan will in den kommenden fünf bis sechs Jahren zumindest zum europäischen Mittelmaß aufschließen", berichtete Vogts, "dafür muss man aber mehr arbeiten und trainieren als es den meisten lieb ist".

Ausländer bringen Strukturen

Positiv sei, dass in seiner neuen Amtszeit vier neue Fußball-Akademien im Land errichtet worden sein.

Der ehemalige Bundesligatrainer Winfried Schäfer, dessen Vertrag beim FK Baku schon nach kurzer Zeit wieder aufgelöst wurde, und der frühere englische Nationalspieler Tony Adams beim FC Gabala hätten Strukturen in ihre Klubs gebracht.

Insgesamt sei die Leistungsbereitschaft aber zu gering, um dauerhaft Fortschritte zu erzielen. "Eine Stunde Fußball am Tag reicht nicht. Bei uns reicht ja auch nicht eine Stunde Schule am Tag, um vernünftig etwas zu lernen", so Vogts, der gerne in Aserbaidschan weiterarbeiten würde.

Nach dem jüngsten Vorfall und den andauernden Anfeindungen gegen seine Person stehen die Zeichen aber auf Abschied.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel