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Jan Tomaszewski wurde als Torwart mit Polen Dritter bei der WM 1974 in Deutschland © imago

200 Tage vor der EM zeigt sich Polens Ex-Nationalspieler Jan Tomaszewski bei SPORT1 sehr besorgt und übt harte Kritik.

Von Jakob Gajdzik

München - Er war bekannt als "Der Mann, der England stoppte".

1973 wurde Jan Tomaszewski zum polnischen Helden, als er beim 1:1 im Wembley-Stadion mit einer überragenden Leistung zur ersten WM-Qualifikation seines Landes seit 1938 beitrug.

Beim Turnier in Deutschland 1974 war erst im Halbfinale bei der legendären "Wasserschlacht von Frankfurt" Schluss, als Gerd Müller Tomaszewski zum Siegtor für das DFB-Team überwand.

Da nutzte selbst ein gehaltener Elfmeter gegen Uli Hoeneß nichts. Zumindest schlug die Mannschaft im Spiel um Platz drei Brasilien mit 1:0.

200 Tage vor der EURO 2012 in Polen und der Ukraine hat Tomaszweski mittlerweile eine politische Laufbahn eingschlagen und hat im polnischen Sejm, einer der beiden Regierungskammern in Polen, einen Platz in der Kommission für Recht und Gerechtigkeit.

Im SPORT1-Interview äußert sich der 63-Jährige über den Stand seines Landes vor dem Turnier, äußert harsche Kritik an der polnischen Mannschaft und am Verband. (TEIL 2 des Interviews: "Deutschland hat eine große Mannschaft")

SPORT1: Herr Tomaszweski, noch 200 Tage bis zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Was überwiegt bei Ihnen, Vorfreude oder Skepsis?

Jan Tomaszewski: Um ehrlich zu sein, mir ist angst und bange. Ich befürchte, dass wir in Polen nicht viel mehr als unsere sehr große Gastfreundschaft anzubieten haben. Leider hat die polnische Regierung in Sachen Organisation die Prüfung nicht bestanden. Weder die Autobahnen, noch die Stadien liegen im Zeitplan. Dass die Autobahnen überhaupt soweit fertig werden, bezweifle ich. Ich frage mich, wie zum Beispiel die vielen Fans von Breslau nach Warschau, oder von Danzig nach Posen reisen sollen.

SPORT1: Sehen Sie eine Lösung?

Tomaszewski: Ich rechne damit, dass viele Fans mit dem Flugzeug kommen. Die Flughäfen werden bereit sein, die Hotels sind auch auf Stand. Es gibt also drei Dinge, auf die sich die Fans verlassen können. Flughäfen, Hotels und die Herzen der Polen.

SPORT1: Sehen Sie durch das Turnier eine Chance für Polen, sich Europa zu zeigen?

Tomaszweski: Natürlich ist das eine große Chance, aber so wie es aussiehst, bleibt diese ungenutzt. Es wird für die Gästefans viele Schwierigkeiten geben, doch wir müssen alles dafür tun, dass sich alle hier wohlfühlen. Viel mehr als Herzlichkeit bleibt uns nicht übrig.

SPORT1: Organisatorisch sehen Sie Polen nicht auf Stand, wie sehen Sie die Nationalmannschaft sportlich aufgestellt?

Tomaszewski: Diese Mannschaft interessiert mich nicht. In dieser Mannschaft spielt mit Lukasz Piszczek ein Verbrecher, der wegen Korruption verurteilt ist. Daneben haben wir Spieler aus Deutschland und Frankreich in der Mannschaft, die zwar in den Junioren-Teams ihres Landes gespielt haben, es aber nicht in die A-Mannschaft geschafft haben. Namentlich Spieler wie Eugen Polanski, Sebastian Boenisch oder Damien Perquis (FC Sochaux, Anm. d. Red.). Diese Spieler wollen sich nur im polnischen Trikot darstellen und nehmen gebürtigen polnischen Spielern den Platz weg.

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SPORT1: Machen Sie da auch Nationaltrainer Franciszek Smuda einen Vorwurf?

Tomaszewski: Das ist ja nicht alles. Es gibt auch zahlreiche Affären im polnischen Fußball, wo Smuda drin vewickelt ist. Er war der damalige Trainer von Zaglebie Lubin, die in der Saison 2008/2009 wegen Korruption in die Zweite Liga strafversetzt wurden. Ich kann mich mit dieser Mannschaft nicht identifizieren.

SPORT1: Dennoch, was trauen Sie der polnischen Mannschaft bei der EURO zu?

Tomaszewski: Die Polen haben als Ziel das Überstehen der Gruppenphase ausgegeben und würden das wie einen Nationalfeiertag feiern. Für mich hängt es stark von der Auslosung der Gruppen am 2. Dezember ab. Doch selbst, wenn Polen am Ende den Titel holen sollte, ich werde mir diese Mannschaft nicht anschauen.

SPORT1: Wie wichtig wäre ein Verbleib der polnischen Mannschaft über die Vorrunde hinaus?

Tomaszewski: Für die Millionen polnischner Fans wäre es natürlich wunderbar, wenn die Mannschaft so weit wie möglich kommen würde. Aber ich möchte nochmals herausheben, für mich persönlich ist das keine typische polnische Mannschaft, sondern so etwas wie der Mülleimer Europas.

SPORT1: Bei der DFB-Elf spielen mit Miroslav Klose und Lukas Podolski auch zwei gebürtige Polen.

Tomaszewski: Mit Klose und Podolski ist das was anderes. Diese Spieler sind in jungen Jahren nach Deutschland gekommen und dort aufgewachsen. Sie haben somit volles Recht, für dieses Land zu spielen. Ich wage zu behaupten, dass wenn Klose und Podolski in Polen geblieben wären, sie heute Drittliga-Spieler wären und nicht die Weltklasse-Fußballer, die sie sind.

SPORT1: Dennoch, vor einiger Zeit hat sich der polnische Verband PZPN weniger um solche Spieler gekümmert. Ein Fehler?

Tomaszewski: Das spricht für den polnischen Verband. Der wird von Leuten geführt, die den polnischen Fußball an den Rand des Abgrunds geführt haben. Dass jetzt versucht wird, Spieler für die Nationalmannschaft zu holen, die bereits ein anderes Land repräsentiert haben, damit bin ich als ehemaliger Nationalspieler nicht einverstanden.

SPORT1: Sie sind kein Freund von Verbandspräsident Gregorz Lato, haben diesen als Verbrecher bezeichnet und sollen ein Treffen mit UEFA-Präsident Michel Platini planen, um ihn als Präsidenten abzusetzen.

Tomaszweski: Das ist richtig. Das gilt aber nicht nur für Lato, sondern für alle, die den polnischen Fußball dahin geführt haben, wo er jetzt ist. Nämlich auf den 70. Rang der Weltrangliste. Mit uns rechnet doch niemand, gegen uns stellen andere Mannschaften ihrer Reserveteams auf. Ich bin der Meinung, dass sich die Sejm-Kommision, der Sportminister und Platini treffen sollten, weil es nicht sein kann, dass hier eine Affäre auf die nächste folgt und sogar Korruption legalisiert wird.

SPORT1: Und wie soll es dann weitergehen?

Tomaszweski: Zbigniew Boniek sollte der neue starken Mann im Verband werden. Er sollte als eine Art Komissionar neue, klare Strukturen schaffen und Polens Fußball wieder in die richtige Richtung führen. Ich denke, dass ist die einzige Lösung für unseren Fußball.

SPORT1: Können Sie sich auch eine Rolle beim Verband vorstellen?

Tomaszweski: Nein, überhaupt nicht. Mit geht es nur darum, die jetzigen Personen abzuschaffen und Boniek einzuführen. Wenn man sich vor allem die Korruption in den unteren Ligen anschaut, ist das ein einziger Sumpf. Damit müsste Boniek aufräumen. Sollte das nicht passieren, werden wir uns immer weiter vom europäischen Fußball entfernen. Wir haben früher in Polen auch Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen geholt, wir haben also Talente in diesem Land. Im Moment liegt das Potenzial allerdings brach.

SPORT1: Sie haben bereits Affären angesprochen. Momentan erhitzt das neue Trikot der Nationalmannschaft die Gemüter. Das PZPN-Logo ist drauf, der polnische Adler allerdings nicht.

Tomaszewski: Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Dass der Adler nicht mehr auf dem Trikot ist, kommt einer Entweihung gleich. Sowas gäbe es noch nicht einmal in unzivilisierten Ländern. Ich habe bereits viele Hebel in Bewegung gesetzt und hoffe, dass der Adler bereits bald wieder auf dem Trikot sein wird. Die Leute wissen gar nicht, was sie damit angerichtet haben.

ZU TEIL 2 DES INTERVIEWS: "Deutschland hat eine große Mannschaft"

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