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Das Nationalstadion von Warschau fasst 58.500 Zuschauer © getty

Ungeachtet der offiziellen Lobeshymnen gibt es Zweifel, ob die beiden EM-Ausrichter den Herausforderungen gewachsen sein werden.

Von Martin Volkmar

München - 100 Tage sind es am Mittwoch noch bis zum Auftakt der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.

Aus sportlicher Sicht ist die Vorfreude auf den Vergleich der 16 besten europäischen Nationen vom 8. Juni bis 1. Juli groß.

Doch die meisten Fans werden die Endrunde wohl vor dem Fernseher und nicht vor Ort verfolgen.

Denn ungeachtet der offiziellen Lobeshymnen von UEFA-Präsident Michel Platini ("Wir sind glücklich, dass es Polen und die Ukraine geschafft haben") gibt es in den beiden ehemaligen Ostblock-Ländern nach wie vor viele Probleme.

SPORT1 gibt einen Überblick.

Stadien:

Trotz zahlreicher Verzögerungen sind alle acht Stadien rechtzeitig fertig geworden.

Als Letztes sechs Monate später als geplant das Warschauer Nationalstadion, in dem am 8. Juni das Eröffnungsspiel zwischen Polen und Griechenland stattfinden wird.

Die drei weiteren polnischen Stadien in Danzig, Breslau und Posen sowie die vier ukrainischen in Kiew, Donezk, Charkow und Lwiw sind schon jetzt in hervorragendem Zustand und auch architektonisch sehr gelungen.

Das Problem: Der Blick aus den Stadien geht meistens ins Nichts. "Die Stadien sehen toll aus, aber die Renovierung der Umgebung haben sie vergessen", sagt der ukrainische Student Sergej Jermak.

Flughäfen:

Auf den Flughäfen der acht Austragungsorte wurde seit Monaten mit Hochdruck an den neuen Terminals gebaut.

Offenbar mit Happy End: Als letzte Airports sollen Ende März Lwiw und Anfang April Danzig fertig sein.

Beide sind besonders wichtig für die deutsche Mannschaft, die für die Vorrundenspiele gegen Portugal und Dänemark genau zwischen diesen beiden Flughäfen pendeln muss.

Das Problem: Erst der Ernstfall wird zeigen, ob die bisherige extrem lange Abfertigunsgpraxis rechtzeitig zur EM optimiert und dem Ansturm zehntausender Fans gewachsen sein wird.

Zudem gibt es zwischen den acht Städten bislang fast keine Linienverbindungen und die angekündigten Charterflüge scheinen nur in sehr begrenztem Umfang möglich zu sein.

Verkehr:

Somit bleibt den Zuschauern oft nur die Anreise per Zug oder Auto zu den Spielen. Und das dürfte wohl ein großes Abenteuer werden.

Denn die Bahnverbindungen sind eher mäßig, und die meist alten Zügen fahren auch bei großen Distanzen so schnell bzw. langsam wie im deutschen Regionalverkehr.

Für die Polen ist es bereits ein Fortschritt, dass die Fahrtzeit für die 350 Kilometer zwischen Warschau und Danzig auf rund fünf Stunden reduziert wurde. Als Konsequenz daraus fahren die meisten Einheimischen mit dem Auto, was oft zu den stundenlangen Staus führt.

Denn Autobahnen nach westeuropäischem Vorbild gibt es in der Ukraine nicht und in Polen nur rudimentär. Die prestigeträchtige Autobahn zwischen Berlin und Warschau etwa wird wie viele andere Infrastrukturprojekte erst nach der EM fertig.

Hinzu kommt der problematische Grenzübertritt, denn die Wartezeit beträgt oft bis zu acht Stunden. Und im Sommer wird von einer Verdoppelung der Reisenden ausgegangen.

[kaltura id="0_ct45tro8" class="full_size" title="Nationalspieler auf Abwegen"]

Unterkunft:

Das größte Problem der EM: Während in Polen zwar die Qualität teilweise zu wünschen übrig lässt, dürfte es mit der Kapazität keine Probleme geben und sich die Preissteigerungen im Rahmen halten.

Ganz anders in der Ukraine: Einerseits schlechte Qualität, andererseits horrende Preise. Durchschnittlich 250 bis 300 Euro kostet während der EM ein Hotel in Kiew, rund 110 Euro dagegen in Warschau.

Mangels ausreichender Hotelbetten - in Donezk, wo Deutschland gegen die Niederlande spielt, und in Charkow gibt es praktisch keine Unterkünfte - sollen den Fans Zeltplätze angeboten werden. Auch hier werden zum Beispiel in Kiew 40 Euro pro Nacht aufgerufen.

Als Konsequenz aus der schlechten Infrastruktur haben 13 der 16 Teilnehmer ihr Quartier in Polen aufgeschlagen, darunter die DFB-Auswahl in Danzig.

Sicherheit:

Auch hier gibt es erhebliche Bedenken. Zum einen gilt die Hooligan-Szene in beiden Ländern als relativ groß und extrem gewaltbereit.

Zum Anderen scheint den Sicherheitsbehörden beider Länder die Gefahr nicht bewusst zu sein, dass bei zu laxen Grenzkontrollen zahlreiche Hooligans anderer Nationen einreisen werden. Somit drohen erstmals seit der EM 2000 wieder brutale Zwischenfälle.

Immerhin plant die Ukraine mit rund 40.000 Sicherheitskräften, und auch der polnische Innenminister Jacek Cichocki erklärte: "Die Polizei ist in der Lage, jedes Spiel der EM zu sichern."

Stimmung:

Gerade die herrlich wiederhergestellten Innenstädte der polnischen Großstädte oder die Kiewer Prachtstraße Chreschtschastyk bieten beste Möglichkeiten für fröhliche Fan-Feste.

Doch überlagert werden diese Aussichten seit Monaten vom sich kontinuierlich verschlechternden Verhältnis der beiden Co-Gastgeber, die mehr gegeneinander als miteinander arbeiten.

Nach einer Reise durch beide Länder stellte die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich fest: "Die beiden EM-Ausrichter stecken in einer schlimmen Ehekrise."

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