Warschaus Nacht des Schreckens - Fast 200 Verletzte
Aus Polen berichtet Mathias Frohnapfel
Warschau - Nach den heftigen Krawallen zwischen polnischen und russischen Fans in Warschau kann eine erste ernüchternde Bilanz gezogen werden.
Laut polnischen Polizeiberichten wurden 184 Personen festgenommen, darunter rund 157 aus Polen und mehr als 20 Russen. Auch Personen aus Spanien, Ungarn und Algerien wurden verhaftet.
Da aber noch nicht alle Videoaufnahmen der Polizei ausgewertet sind, erklärte Regierungssprecher Pawel Gras im polnischen Rundfunksender "RFM", dass weitere Festnahmen wahrscheinlich seien: "Die Gewalttäter sollen nicht glauben, dass sie ruhig schlafen können."
6000 Sicherheitskräfte im Einsatz
20 Personen wurden verletzt, darunter auch ein Deutscher. Wie die Polizei mitteilte, waren unter den Verletzten auch zehn Beamte, Schwerverletzte gab es keine. Die Meldung russischer Medien über ein Todesopfer wurde von der Warschauer Polizei nicht bestätigt.
Bei dem von 6000 Sicherheitskräften bewachten Marsch entlang der Weichsel zum Nationalstadion provozierten sich mehr als tausend russische Anhänger und polnische Hooligans gegenseitig.
Augenzeugenberichten zufolge reagierten russische Fans auf Beschimpfungen aus den polnischen Reihen mit Flaschenwürfen.
Tränengas und Wasserwerfer
Bei den Schlägereien nahe des Stadions schritt die Polizei ein, die Beamten wurden mit Feuerwerkskörpern, Steinen und Flaschen beworfen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein und löste den Marsch auf.
Laut SPORT1-Informationen geriet auch ein italienischer Journalist auf der Poniatowski-Brücke, die über die Weichsel zum Stadion führt, in eine Gruppe gewalttätiger Fans.
Der Reporter erhielt auch einen Schlag, konnte sich aber unverletzt befreien. Ein polnischer Journalist wurde ebenfalls angegriffen und blutete danach am Ohr.
Provokatives Plakat
Während vor der Partie im Stadion die Nationalhymne abgespielt wurde, rollten russische Anhänger am Nationalfeiertag des Landes ein riesiges Banner aus, das die komplette Fankurve bedeckte: "This is Russia" stand darauf, abgebildet war ein furchterregender Krieger.
Die polnischen Fans reagierten mit einem Pfeifkonzert und lautstarken "Polska"-Rufen.
Während im Stadion der Ball rollte, setzten sich die Ausschreitungen in der Innenstadt fort, Hooligans versuchten in die Fanzone einzudringen und störten die friedlich feiernden polnischen Anhänger.
Wieder flogen Böller, die Polizei kesselte die Unruhestifer schließlich ein und drängte sie aus dem Stadtzentrum.
UEFA verurteilt Vorfälle
Die UEFA ließ nach dem Spiel keine Fragen zu den Krawallen zu und verurteilte die Krawalle:
"Diejenigen, die verhaftet und angeklagt wurden, werden sich gegenüber den zuständigen Behörden verantworten müssen", hieß es in einem Statement. Man verurteile die "isolierten Vorfälle" von Warschau.
UEFA-Philosophie sei es, eine einladende Atmosphäre zu schaffen, gekoppelt an einen zurückhaltenden Polizeieinsatz, hieß es weiter: "Der Fokus sollte darauf liegen, den echten Fans die Freude am Spiel zu erleichtern und den kleinen Prozentsatz an Störenfrieden zu isolieren. Die UEFA ist in ständigem Dialog mit den Behörden, um dieses Ziel zu erreichen."
Premierminister Tusk verteidigt Polizeieinsatz
Damit kritisiert die UEFA vorsichtig die Warschauer Polizei, die kurz vor dem Ende des Spiels Hunderte von Einsatzkräften vor dem russischen Block hatte aufmarschieren lassen.
Der polnische Premierminister Donald Tusk verteidigte die Vorgehensweise. Es habe Informationen gegeben, dass Fans das Spielfeld stürmen könnten. "Ich weiß, dass die UEFA eine andere Einstellung hat, aber wir sind für die Sicherheit der Menschen in diesem Land verantwortlich", sagte Tusk.
Innenstadt als Hochsicherheitstrakt
Die polnischen Behörden waren bereits den gesamten Tag in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.
Ab dem Vormittag glich die Warschauer Innenstadt einer Hochsicherheitszone. Überall standen Hundertschaften der Polizei, Sondereinsatzkräfte in Kampfmontur beteiligten sich an der Bewachung des Fanmarsches.
Polens Innenminister Jacek Cichocki erklärte bereits am Montag, dass die Ordnungskräfte der Hauptstadt vor einer der größten Herausforderungen stehen, die Situation aber unablässig auf potenzielle Gefahrenherde hin analysiert werde.
Der Marsch zum Stadion, bei dem die Situation letztlich eskalierte, wurde indes von Anfang an äußerst kritisch gesehen. ( SERVICE: Der EM-Rechner)
"Große Herausforderung"
Bis zu 20.000 russische Fans hatte die Polizei erwartet, nur 9.800 waren im Besitz einer Eintrittskarte.
Daher war Polens EM-Turnierdirektor Adam Olkowicz in großer Sorge. "Das ist eine große Herausforderung", sagte Olkowicz. Sicherheit sei eines der schwierigsten Themen.
Man könne nicht alles vorhersehen. ( KOMMENTAR: Organisatoren sind gefordert)
Konflikt mit dunkler Vorgeschichte
Die Beziehungen zwischen Russland und Polen sind durch zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen belastet. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919 bis 1921) starben Zehntausende Menschen.
Im Zweiten Weltkrieg waren in Katyn (heute Russland) bei einem Massaker der sowjetischen Geheimpolizei Tausende Polen ermordet worden.
Vor zwei Jahren war der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski auf dem Weg zu einer Trauerfeier anlässlich des 70. Jahrestages des Massakers bei einem Flugzeugabsturz bei Smolensk in Russland mit weiteren Regierungsmitgliedern tödlich verunglückt. Die genauen Umstände sind bis heute unklar.
"Jede Kleinigkeit wird die historischen Missstände, die nie ganz aufgeklärt wurden, wieder ans Tageslicht bringen", sagte Andrzej Rychard, ein Soziologe an der polnischen Akademie der Wissenschaften, in Hinblick auf das Spiel.
Russisches Hotel unter Dauerbeschallung
In der Nacht vor der Begegnung hatten polnische Fans das russische Teamhotel in Warschau unter Dauerbeschallung gestellt.
Bis in die frühen Morgenstunden grölten sich bier- und wodkaselige Anhänger des Co-Gastgebers vor dem edlen Le Meridien Bristol an der Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie die Seele aus dem Leib, um Andrej Arschawin und Co. den Schlaf zu rauben.