

Polen trauert - Kuba greift Verband an
Aus Polen berichtet Mathias Frohnapfel
Warschau - Jakub Blaszczykowski wirkte, als ob ihn einer nachts um drei geweckt und aus dem Bett gezogen hätte.
So sehr machte das EM-Aus dem polnischen Kapitän zu schaffen, der vor der Partie gegen Tschechien noch selbstsicher und mit viel Pathos das Weiterkommen prophezeit hatte. ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Doch die Tschechen zeigten sich nervenstärker, siegten dank Petr Jiraceks 1:0 (DIASHOW: Die Bilder des Spiels).
Die Polen vergaben indes in der ersten Hälfte derart viele Chancen, dass den Fans im Breslauer Stadion und überall in den Fanzonen im Land der Mund offen stehen blieb.
„Es ist so bitter"
"Wir müssen all das erst einmal begreifen. Es ist so bitter. Es ist hart", klagte Blaszczykowski und versuchte wenigstens einen Lichtblick in dieser Wolkenbruch-Nacht von Breslau zu finden.
"Das Land ist zusammengerückt", meinte der Dortmunder Profi, ehe der 27-Jährige seiner Wut über das Ausscheiden Luft verschaffte.
Der polnische Fußballverband und Präsident Grzegorz Lato waren Adressaten der Kritik.
"Es kann nicht sein, dass wir vor jedem Spiel um Tickets für unsere Familien bei dem Verband betteln müssen."
Blaszczykowski attackiert Lato
Und er fügte an: "Der Präsident sagt, er habe ein gutes Verhältnis zum Team. Das kann ich nicht bestätigen. Herr Lato hat nie sein Wort gehalten."
Blaszczykowskis Aufschrei zeigte, wie tief der Stachel der Enttäuschung saß.
Allerdings vermochten weder er noch die übrigen Bundesliga-Stars wie BVB-Torjäger Robert Lewandowski die Pleite abwenden. Tschechiens Tor war wie verriegelt.
Smuda klagt über "Angst"
Eugen Polanskis Spruch vor der Partie ("Müssen ihnen in den Arsch treten") erwies sich jetzt als Bumerang.
Auch Franciszek Smuda blickte entsetzt auf das vorzeitige EM-Aus, obendrein noch als Gruppenletzter.
"Die Mannschaft war zu zurückhaltend, als hätten wir Angst gehabt vor den Tschechen", sagte der Nationaltrainer.
Und der 63-Jährige gestand Fehler in der Ansprache ein:
"Wir waren auf diese Situation nicht vorbereitet. Vielleicht haben wir uns mit allem zu sicher gefühlt", analysierte Smuda.
Nationaltrainer gibt Fehler zu
"Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, was passiert, wenn wir es nicht schaffen. Es gab überhaupt keine Zweifel, dass wir gewinnen. Wir waren übermotiviert."
Dann meinte Smuda noch kurz "Danke Jungs!" und gab seinen Rücktritt als Nationaltrainer bekannt.
Nun, eine Ära endet anders.
Polens Stars reagierten ungläubig auf das Ausscheiden, nachdem sie ja zwei Jahre lang nur auf dieses Heimturnier hingearbeitet hatten.
Lewandowski ist sprachlos
"Ich weiß im Moment wirklich nicht, was ich sagen soll", meinte Lewandowski.
Das Land erschien in der Nacht auf Sonntag in einer ähnlichen Schockstarre, in Warschau liefen die polnischen Fans, die die Partie Russland gegen Griechenland im Nationalstadion gesehen hatten, wie paralysiert über die Poniatowski-Brücke nach Hause.
Sie sangen nicht mehr "Polska", sie seuftzen es.
Fünf Festnahmen in Breslau
Immerhin blieb es weitgehend ruhig: Nur in Breslau setzte die Polizei bei einer Hooligan-Schlägerei Tränengas ein. Fünf Personen wurden festgenommen.
Auch die Warschauer Polizei verlebte eine relativ ruhige Nacht.
"Obwohl die Enttäuschung groß war, gab es keine Zwischenfälle", sagte der Warschauer Polizeisprecher Maciej Karczynski.
"Letzter in einer lächerlichen Gruppe"
Umso heftiger schlug Polens Presse auf die nationalen Verlierer ein.
"Das ist das Ende der EURO. Polen wird Letzter in dieser lächerlichen Gruppe. Alles ist schon vorbei", zeterte das Boulevardblatt "Fakt" und die seriöse Zeitung "Gazeta Wyborcz" schrieb:
"Null Siege, zwei Punkte, zwei Tore, Letzter in der Gruppe - als im Dezember die Gruppen ausgelost wurden, schien ein solches Ergebnis unmöglich. Das war das schlechteste Spiel des Turniers."
Zumindest ist Polen mit seinem Schicksal nicht allein: Auch Österreich schied 2008 als Gastgeber ohne Sieg nach der Vorrunde aus.