

Ronaldos Durchbruch macht Hollands Desaster perfekt
Aus der Ukraine berichtet Maik Rosner
Charkow - Bert van Marwijk runzelte die Stirn, er hatte die Frage erwartet, und dennoch wollte er sie nicht hören.
Wie denn nun seine Zukunft als Trainer der niederländischen Nationalmannschaft aussehe, wurde er gefragt. Van Marwijk reagierte unwirsch und kurz angebunden.
"Sie können mich alles fragen, aber nicht jetzt zu meiner Zukunft", sagte der 60-Jährige.
Verbandsboss Bert van Oostveen sprach dagegen Klartext: "Ein Abschied steht nicht auf der Tagesordnung. Ich finde, dass er Kredit verdient hat", sagte der KNVB-Chef nach dem EM-Aus dem TV-Sender "NOS".
Historischer Tiefpunkt
"Er ist der Mann, der uns problemlos durch zwei Qualifikationen und ins WM-Finale geführt hat. Das muss man bei einer Beurteilung berücksichtigen", fügte er hinzu.
Diese Treueerklärung kommt überraschend, hatte die Niederlande beim 1:2 gegen Portugal ( Bericht) doch einen bitteren Abend erlebt. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Am Ende stand die Gewissheit, dass die Niederlande zum zweiten Mal in ihrer EM-Geschichte nach 1980 nach der Gruppenphase ausgeschieden waren und sogar das schlechteste Turnierergebnis überhaupt hinnehmen mussten.
Auch van Oostveen sprach von einem "unwürdigen" Schauspiel: "Null Punkte, fünf Gegentore. Das ist uns noch nie passiert", gab er zu.
Elftal wirkt ausgebrannt
Letzter der Gruppe B ohne Punkt, und das gerade einmal zwei Jahre, nachdem die Elftal das WM-Finale in Südraftika gegen Spanien nur knapp verloren hatte. ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Nun wirkte das Team ausgebrannt, zerstritten und auch ohne klare Linie, die nötig gewesen wäre auch in diesem Spiel gegen Portugal. Ein rasanter Absturz, ein Desaster für Oranje.
Herausragender Abend
Weil Cristiano Ronaldo nach viel Kritik einen herausragenden Abend erwischte und mit seinen beiden Toren in der 28. und 74. Minute Rafael van der Vaarts frühe Führung (11.) drehte, waren die ohnehin nur geringen Chancen auf ein Weiterkommen für Holland bald in weite Ferne gerückt.
"Wir hatten nicht die nötige Form, vielleicht waren einige Spieler nicht fit", sagte van Marwijk. Er zuckte mit den Schultern.
Umstellungen bringen kaum Impulse
Auch die drei Umstellungen, die er vorgenommen hatte nach den beiden Niederlagen gegen Dänemark (0:1) und Deutschland (1:2), hatten kaum Impulse gebracht.
Klaas-Jan Huntelaar, erstmals nach anhaltenden Debatten gemeinsam mit Robin van Persie in der Startelf, wirkte wie ein Fremdkörper.
Allein van der Vaarts Hereinnahme brachte Schwung in die Offensive, doch dafür fehlte wieder einmal die Stabilität in der Hintermannschaft.
Ronaldo: Privatduell mit dem Aluminium
Portugal dagegen trat nach dem Rückstand, angeführt von Ronaldo, im Stile einer Topmannschaft auf. Allein der Popstar des Fußballs hätte aus seinen vielen Chancen noch locker zwei, drei weitere Toren erzielen können.
Doch er hatte mehrfach kein Glück im Abschluss, zwei Versuche landeten am Pfosten.
Superstar "Man of the Match"
Dennoch wurde er als der herausragende Akteur zum "Man of the Match" gewählt. "Ohne das Team hätte ich diesen Preis nicht gewonnen", sagte der 27-Jährige artig nach seinem beiden ersten Toren und seinem wohl besten Spiel bei seinem sechsten großen Turnier.
Es könnte im Nationalteam der lang ersehnte Durchbruch gewesen sein. Im ersten Viertelfinale trifft die Mannschaft von Paulo Bento nun am Donnerstag in Warschau auf Tschechien.
"Ich bin stolz darauf, wie wir aufgetreten sind", sagte der Trainer zufrieden, "wir haben unser Ziel brillant erreicht. Es war das beste Spiel, das wir bisher gezeigt haben."
Favorit sei man gegen Tschechien aber nicht, "aber vielleicht können wir das Halbfinale erreichen". Ronaldo bezifferte die Chancen darauf auf "50:50", doch das war natürlich eine betont vorsichtige Prognose.
Ein bisschen träumen ist erlaubt
Denn Portugal ist durchaus zuzutrauen, nun weit zu kommen im Turnier. Ein bisschen träumen ist für die Fans erlaubt, vielleicht sogar vom ersten Titelgewinn.
Denn gestärkt geht nicht nur die Mannschaft, sondern auch ihr Star Ronaldo aus der komplizierten Gruppe B hervor.
Bento verwies zurecht darauf, dass seine Mannschaft wie gegen Dänemark auch diesmal Moral bewiesen und nun sogar ein Spiel gedreht hatte. Nur über Ronaldo wollte er nicht viele Worte verlieren.
Sichtlich genervt blockte er Fragen zu den jüngsten Debatten ab.
Van Marwijk steht in dieser Hinsicht trotz der Rückendeckung durch den Verband vermutlich noch Einiges bevor.