

Lohn des Leidens: Italien fühlt sich wieder stark
Aus Polen berichtet Mathias Frohnapfel
Posen - Das Zittern nach Schlusspfiff dauerte 120 Sekunden.
Die Italiener liefen aufgeregt übers Feld, als ob sie plötzlich in ein Zeitfenster geraten wären, irgendwo zwischen EM-Viertelfinale und Ausscheiden. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Denn ein 1:1 der Kroaten gegen Spanien hätte alle Mühen noch zunichte gemacht.
Doch in Danzig blieb es beim 1:0-Sieg der Spanier - und Gianluigi Buffon machte einen Freudensprung, den man ihm auf seine alten Torwart-Tage kaum noch zugetraut hätte.
Der mühsame 2:0-Erfolg über Irland ( Bericht) reichte Italien, um die Runde der letzten Acht zu erreichen und im Halbfinale dann womöglich Deutschland herauszufordern, falls das DFB-Team die Hürde Griechenland nimmt und die Azzurri selbst England schlagen.
Buffon dankt Spanien
"Es war eine seltsame Situation, wenn man weiß, gewinnen zu müssen und am besten mit mehreren Toren Differenz, dann kannst du dir auch Konter einfangen", berichtete Buffon anschließend über die delikate Ausgangslage vor der Partie.
Ausdrücklich lobte der 34-Jährige die Spanier, die "in gewissen Moment" eben keine Rechnungen anstellen, sondern auf Sieg spielen würden. ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Der "Biscotto", eine mögliche Absprache zwischen Kroaten und Spanien also, war in den Tagen zuvor das allbeherrschende Thema in Italiens Medien.
Gute-Laune-Bär nach Abpfiff
Buffon sagte in Posen auf seine Weise Dankeschön, pries die Spanier als Fußballer "von einem anderen Planeten", die weiter Turnierfavorit seien.
Der Juve-Keeper ging plaudernd von Journalisten-Gruppe zu Journalisten-Gruppe, ließ sich mit den Volunteers fotografieren und schrieb Autogramme.
Natürlich dachte Buffon aber auch an Italiens Matchwinner Antonio Cassano und Mario Balotelli: "Wir brauchen sie beide. In den letzten beiden Partien haben sie nicht getroffen, mit diesen beiden Toren wird es für sie viel einfacher."
Balotelli und Cassano legen Druck ab
Beide Angreifer hatten in letzter Zeit - vorsichtig gesagt - nicht das beste Medienecho.
Balotelli, weil er gegen Spanien bei einer Chance wie ein zerstreuter Professor vergaß zu schießen. Und Cassano, weil er sich negativ über Homosexuelle geäußert hatte ("Ich hoffe, dass keine Schwulen in der Mannschaft sind").
Als der Satz schon raus war, fragte er vor Wochenfrist noch den Dolmetscher: "Das übersetzt du aber nicht?". Doch, das tat er - da nutzten Cassano auch alle späteren Entschuldigungen nichts mehr.
"Jetzt fängt die EM neu an"
Umso vorsichtiger trat Cassano auf das Podium in Posen und nahm die Ehrung als Spieler des Spiels in Empfang.
"Wichtig ist, dass wir weiter sind, nicht die Auszeichnung für mich. Jetzt fängt die EM neu an", meinte der Milan-Stürmer.
Balotelli entging derweil nur haarscharf der nächsten Peinlichkeit und womöglich auch einer Strafe, als er nach seinem erlösenden Tor zum 2:0 zu einem provokativen Jubel ansetzte.
Bonucci stoppt Balotellis Wut
Doch Teamkollege Leonardo Bonucci bewahrte den Heißsporn vor einer Dummheit. "Er hat irgendwas auf Englisch geschrieen. Ich hab ihm die Hand vor den Mund gehalten", erklärte Bonucci.
Balotelli war wohl aus Irlands Fanblock provoziert worden - ob Rassismus im Spiel war, ist nicht geklärt.
Trainer Cesare Prandelli dürfte vor der Viertelfinal-Partie in Kiew gegen England (So., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) anderes aufzuarbeiten haben.
Prandelli: "Müssen das Herz einsetzen"
Zwar klappte mit der Hereinnahme des Ex-Wolfburgers Andrea Barzagli die Umstellung von Dreier- auf Viererkette, doch Mitte der zweiten Hälfte schien sein Team dem Gegner wieder körperlich unterlegen.
"Wir haben begriffen, dass wir nicht nur Technik und Qualität, sondern auch das Herz einsetzen müssen. Wir müssen im Viertelfinale so spielen, wie wir es heute getan haben", kommentierte Prandelli den wichtigen Erfolg.
Und er gab zu: "Ich hab noch nie in meiner Karriere so mitgelitten."
Ähnlich wie beim WM-Titel 2006
Auch in der Heimat dürften die Azzurri wieder an Kredit gewonnen haben. Mit nach Posen waren nur wenige italienische Fans gereist. Die Hauptgründe liegen mit dem Fußball-Wettskandal und der Wirtschaftskrise im eigenen Land auf der Hand.
Die Situation ähnelt somit ein wenig 2006, als das Team krisengeschüttelt zur WM reiste - und doch mit dem Pokal nach Hause.
Trapattoni bleibt im Gleichgewicht
Giovanni Trapattoni nahm indessen die Niederlage gegen sein Heimatland gelassen.
Ganz elder statesman beantwortete Irlands Trainer selbst kurz vor Mitternacht noch mit Engelsgeduld Fragen, lobte gar das "sehr schöne" Stadion in Posen, obwohl seine "Boys in Green" ja mit null Punkten nach Hause fahren.
"Italien war uns natürlich technisch überlegen“, sagte der 73-Jährige und versprach: "Wir werden die nächste Saison mit einer Mannschaft beginnen, die wesentlich jünger ist."