

Glück und "Blindfisch" Stark retten Spanier
Aus Polen berichtet Thorsten Mesch
Danzig - Als Vicente del Bosque sich in den Katakomben des Danziger Stadions vor die Mikrofone stellte, wirkte Spaniens Trainer erschöpft und erleichtert.
Mit viel Mühe und Glück hatte seine Mannschaft 1:0 (0:0) gegen Kroatien ( Spielbericht) gewonnen, den Gruppensieg und damit den Einzug ins EM-Viertelfinale gegen Frankreich geschafft.
Das Siegtor erzielte zwar Jesus Navas, bedanken konnten sich die Spanier aber vor allem bei Iker Casillas - und Wolfgang Stark.(DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Der spanische Torwart verhinderte mit seinen Rettungstaten das Ausscheiden des Titelverteidigers, und der deutsche Schiedsrichter verzichtete in zwei umstrittenen Aktionen auf den Elfmeterpfiff gegen den Welt- und Europameister.( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Jesus erlöst Spanien
Schließlich besiegelte der eingewechselte Navas mit seinem Treffer in der 88. Minute den Sieg der Spanier und das Aus für die Kroaten.
"Wir haben gelitten wie nie und gewonnen wie immer", schrieb die Sportzeitung "Marca" stellvertretend für die Mannschaft und die Fans, die nach 58 Minuten entsetzt zusehen mussten, wie Kroatiens Ivan Rakitic im Strafraum völlig freistehend zum Kopfball hochstieg.
Doch der ehemalige Schalker bekam nicht den nötigen Druck hinter den Ball und scheiterte an Casillas. Zwanzig Minuten später wehrte Casillas einen Schuss des ebenfalls freistehenden Dortmunders Ivan Perisic ab.
Gehemmte Spanier
"In diesen Momenten haben wir nicht daran gedacht, ob wir Gruppensieger werden", gab del Bosque zu. "Wir haben uns nur darauf konzentriert, ins Viertelfinale zu kommen."
Dass Spanien ein Unentschieden gereicht hätte, habe die Sache nicht leichter gemacht, erklärte er. "Es war mehr eine Last als ein Vorteil", sagte der Weltmeister-Trainer.
Im Vertrauen auf die eigene Stärke aber auch mit dem Wissen, dass bereits ein Gegentor das Aus bedeuten könnte, begannen die Spanier verhalten.
Sie wirkten von Beginn an gehemmt, fanden nicht in ihr schnelles Kombinationsspiel und hatten in der ersten Halbzeit keinen nennenswerten Torchancen. Was aber auch am geschickten und disziplinierten Defensivverhalten der Kroaten lag.
"Sie haben es sehr gut gespielt und waren mit ihren Kontern gefährlich", meinte del Bosque. Ein solcher schneller Gegenstoß hätte nach 26 Minuten beinahe zur kroatischen Führung geführt.
Pranjic: "Der ist blind"
Doch als Mario Mandzukic an der rechten Strafraumgrenze abziehen wollte, rauschte Sergio Ramos wie ein spanischer Stier heran und traf Mandzukic mit gestrecktem Bein. Dabei touchierte er zwar leicht den Ball, aber dennoch war die Szene elfmeterreif.
Weder Stark noch Florian Meyer, sein Assistent an der Torlinie, der nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt stand, wollten etwas gesehen haben.
Auch ein Foul von Sergio Busquets in den Schlussminuten an Vedran Corluka ahndete der Unparteiische nicht.
"Der ist blind! Der kommt aus Deutschland, oder? Das war richtig schlecht", schimpfte der zuletzt für Bayern München spielende Danijel Pranjic. Corluka polterte: "Wir sind bestohlen worden. Der Blindfisch hat den Elfer nicht gesehen."
Spanische Medien stimmen zu
Da wollten selbst die spanischen Medien nicht widersprechen.
"Stark hat uns zweimal verschont", schrieb "Marca", und das Konkurrenzblatt "As" erinnerte an eine Szene aus dem Champions-League-Halbfinale 2011, als Real Madrids Pepe für ein vergleichbares Foul an Barcelonas Dani Alves die Rote Karte sah.
Der Schiedsrichter hieß: Wolfgang Stark.
Rakitic selbstkritisch
Verantwortlich für ihr Ausscheiden waren die Kroaten aber selbst. Hätte Rakitic seinen Kopfball verwandelt, hätte das Team von Trainer Slaven Bilic das Viertelfinale wohl erreicht.
"Ich hätte Casillas in den Hintern treten und mich selbst ohrfeigen können", sagte Unglücksrabe Rakitic
"Wenn man gegen den Weltmeister spielt, muss man solche Chancen nutzen", meinte Bilic.
Weltmeisterlich präsentierten sich die Spanier keinesfalls. Die Kroaten deckten die Schwächen in der Abwehr, besonders auf den Außenpositionen, auf.
Konsequenz im Mittelfeld fehlt
Im Mittelfeld ließen Andres Iniesta, Xavi und David Silva zwar einige Male ihr Können aufblitzen, es fehlte jedoch an der letzten Konsequenz. Im Sturm bekam Fernando Torres kaum Bälle und wenn, blieb er ohne Durchschlagskraft.
Nach einer Stunde nahm ihn del Bosque vom Feld und wechselte Navas ein. Zehn Minuten später kam Cesc Fabregas für Silva ins Spiel.
Bilic warf alles nach vorn, wechselte Nikica Velajic, Perisic und Eduardo ein, doch Casillas ließ sich nicht bezwingen.
Fabregas spielte schließlich einen Traumpass auf Iniesta, dessen Zuspiel Navas nur noch einschieben musste.
Spanien seit 17 Pflichtspielen ungeschlagen
"Kroatien hat uns das Leben schwer gemacht, aber wir haben das Viertelfinale erreicht, weil wir immer an den Sieg glauben", sagte der Matchwinner.
Seit 17 Pflichtspielen ist Spanien nun ungeschlagen. Die letzte Niederlage war das 0:1 gegen die Schweiz bei der WM 2010. Danach gewann Spanien die Weltmeisterschaft und 14 Spiele in Folge.
"Wenn wir das Turnier gewinnen wollen, brauchen wir auch etwas Glück", sagte del Bosque. Gegen Kroatien hatten die Spanier davon reichlich.