

Italien im Halbfinale - Englands Elfertrauma hält an
Aus der Ukraine berichtet Mathias Frohnapfel
Kiew - Die besseren Nerven im Elfmeterschießen haben Italien das EM-Halbfinale beschert.
Nach einer heiß umkämpften Partie setzten die Italiener sich 4:2 gegen England durch, das Elfmetertrauma der "Three Lions" hält so unvermindert an. Alessandro Diamanti wurde zum Helden, als er den entscheidenden Elfer versenkte ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan).
Zuvor hatte für Italien Riccardo Montolivo vergeben, während Ashley Young nur die Latte traf und Ashley Cole in die Arme von Gianluigi Buffon schoss (DIASHOW: Das Spiel in Bildern).
Nach 120 Minuten hatte es 0:0 geheißen.
Der wiedererstarkte vierfache Weltmeister Italien ist somit Deutschlands Gegner im EM-Halbfinale.
"Ständig unter Druck gesetzt"
"Diese Mannschaft hat den Sieg verdient. Wir haben mit viel Geduld gegen eine starke und solide Mannschaft gespielt und diese ständig unter Druck gesetzt", sagte Italiens Trainer Cesare Prandelli, der dem deutschen Team sogleich die Favoritenrolle zuschob.
Der englische Coach Roy Hodgson äußerte sich indes enttäuscht: "Als es zum Elfmeterschießen ging, hatte ich gehofft, dass es unser Turnier wird. Aber das Training hat nicht geholfen. Ich kann den Spielern nichts vorwerfen, weil viele schon auf Reserve liefen."
Der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann sah im Kiewer Olympiastadion eine meist ziemlich passgenaue italienische Mannschaft, während England sich vor allem auf Kampf und Konter verließ.
Prandelli baut auf drei Positionen um
Englands Trainer Roy Hodgson ließ sein Team nach dem 1:0-Erfolg über die Ukraine unverändert, Cesare Prandelli nahm im Vergleich zum 2:0-Sieg gegen Irland drei Veränderungen in der Startelf vor.
Für den am Oberschenkel verletzten Giorgio Chiellini spielte Bonucci, zudem ging Prandelli bei Thiago Motta (Muskelzerrung im linken Arm) kein Risiko ein, schickte Riccardo Montolivo aufs Feld.
Im Sturm durfte anders als zuletzt Manchester-City-Stürmerstar Mario Balotelli beginnen.
Paukenschlag zum Auftakt
Und der Fußballklassiker startete krachend: Nach Flanke von Claudio Marchisio zimmerte Daniele De Rossi den Ball volley aus 30 Metern an Englands Pfosten (2.).
Die "Three Lions" reagierten sofort, James Milner stürmte in den Strafraum und passte auf Glen Johnson. Mit einem Riesenreflex rettete Gianluigi Buffon (5.). Die Partie behielt ihren Unterhaltungswert, vor allem die Italiener erarbeiteten sich in der ersten halben Stunde Feldvorteile, zeigten eine klare Spielanlage.
Italien gefällt den neutralen Fans
Die Ukrainer belohnten das mit "Italia, Italia"-Rufen, während Englands Fanblock recht ruhig blieb. Und die Azzurri hätten zu diesem Zeitpunkt in Führung liegen können, wenn John Terry nicht geistesgegenwärtig den einschussbereiten Balotelli entscheidend gestört hätte (26.).
In der nächsten guten Szene leitete Italiens Stürmer eine Vorlage von Montolivo per Seitfallzieher weiter - eine sehenswerte, aber nicht erfolgreiche Aktion (32.). Zudem probierte es Antonio Cassano immer wieder mit nicht ungefährlichen Distanzschüssen.
Rooney als Englands erster Antreiber
Auf der Gegenseite bestimmte Wayne Rooney den Angriffsrhythmus der Engländer.
So vermochte Bonucci sich in höchster Not in eine Hereingabe zu werfen (15.), dann beförderte Rooney das Spielgerät mit Wucht übers Tor (17.).
Brandgefährlich wurde es auch nach einem Doppelpass zwischen Rooney und Danny Welbeck. Der Abschluss von Welbeck ging aber übers Tor (33.).
De Rossi vergibt Riesenchance
Nach der Pause vergrub De Rossi tief die Hände ins Gesicht. Aus vier Metern schoss er völlig freistehend an Englands Gehäuse vorbei (48.).
Die Italiener drückten nun aufs Tempo wie Vespa-Fahrer im römischen Abendverkehr.
In einer spektakulären Dreifachchance heizten erst Marchisio und Balotelli Englands Keeper Joe Hart ein, ehe Montolivo den Abpraller bedrängt aus fünf Metern übers Tor setzte (52.).
Jetzt spielte, von seltenen englischen Kontern abgesehen, nur noch Italien. Jedoch ging die Prandelli-Truppe wie Balotelli zu fahrlässig mit ihren Gelegenheiten um.
Youngs Schuss abgeblockt
Die Engländer hatten so ihrerseits die Führung auf dem Fuß, doch Ashley Youngs Schuss wurde von einem italienischen Abwehrbein abgeblockt (69.).
Inzwischen hatten beide Trainer zweimal gewechselt (78.), bewahrten sich so eine Option für eine mögliche Verlängerung.
Marchisio hatte noch einmal die Möglichkeit, zum Helden zu werden, wurde aber aus zehn Metern von Terry geblockt (89.), während Rooney in der Nachspielzeit einen Fallrückzieher übers Tor schickte.
Diamanti trifft den Pfosten
Es blieb beim 0:0, Schiedsrichter Pedro Procena pfiff zur Verlängerung.
Den Teams waren nun die müden Beine anzumerken.
Doch Balotelli rackerte weiter, sein Schüsschen war aber kein Problem für Hart (99.). Deutlich gefährlicher war der Versuch von Joker Alessandro Diamanti, der an den Außenpfosten donnerte (101.).
Riesenaufregung folgte in der 115. Minute, als Antonio Nocerino die scheinbare Führung köpfte, aber klar im Abseits stand.
So musste die Entscheidung vom Elfmeterpunkt fallen.