

Magische Nacht als Antrieb gegen Deutschland
Aus der Ukraine berichtet Mathias Frohnapfel
Kiew - Die Italiener konnten nicht genug bekommen von dieser "notte magica" ("magischen Nacht"):
Selbst am Montagmorgen um 5.30 Uhr wankten noch italienische Tifosi über den Unabhängigkeitsplatz in Kiew und krächzten: "Italia, Italia!"
Ihre Helden waren zu diesem Zeitpunkt gerade wieder in Krakau angekommen: Hundemüde, aber überglücklich nach der erfolgreich geschlagenen Schlacht gegen England ( Spielbericht).
In einem finale furioso erwischte Italien im Elfmeterschießen das bessere Ende und qualifizierte sich so für das EM-Halbfinale gegen Deutschland (Do., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER).
Italiens Serie bleibt bestehen
Zugleich hielt die grandiose Serie: Noch nie verloren die Italiener bei einer EM oder WM gegen England ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan).
"Ich hab mir gesagt: Hau' ihn rein und geh mit Gigi feiern!", berichtete Alessandro Diamanti in den verwinkelten Katakomben des Kiewer Olympiastadions.
In seinem gerade mal dritten Länderspiel verwandelte er den entscheidenden Elfer zum 4:2-Sieg und warf sich mit Anlauf Nationalkeeper Gigi Buffon in die Arme (DIASHOW: Das Spiel in Bildern).
"Ein verdienter Sieg"
"Es war ein verdienter Sieg, die Elfmeter haben unsere Dominanz bestätigt", sagte Diamanti zur bisher besten Turnierleistung der Azzurri.
Der Spielmacher des FC Bologna kam als Joker in die Partie und vergab selbst bei einem Pfostenschuss die Chance, alles zu entscheiden.
Doch obwohl die Italiener die Engländer phasenweise von einer Verlegenheit in die nächste stürzten, blieb es beim 0:0.
Lediglich Wayne Rooney schaffte es ab und zu, England mit Einzelaktionen hoffen zu lassen.
Autokorso in Rom
Der Triumph gehörte am Ende aber den Italienern, was im 2000 Kilometer entfernten Rom zu einem wild hupenden Autokorso führte und in Kiew zum Jubelorkan der Squadra Azzurra.
Mitten darin: Riccardo Montolivo. Der Deutsch-Italiener hatte seinen Elfmeter vergeben und danach gelitten wie verrückt, ehe er vor Freude die ganze Welt hätte abbusseln können.
Montolivo trotz Fehlschuss überglücklich
"Ich bin meinen Mitspielern sehr dankbar", seufzte Montolivo.
Und der Profi des AC Florenz fügte mit Blick auf das Spiel gegen Deutschland keck an: "Wenn ich wüsste, dass wir im Halbfinale auch weiterkommen, würde ich wieder gern einen verschießen."
Montolivos Mutter ist in Kiel geboren, früher besuchte der Sohnemann in den Sommerferien regelmäßig die Verwandtschaft in Schleswig-Holstein.
"Müssen uns gegen Deutschland steigern"
"Natürlich muss man sich steigern", verlangte der 27-Jährige vor der Aufgabe gegen die Truppe von Jogi Löw.
"Die Deutschen sind eine sehr starke Mannschaft. Wir respektieren die Deutschen, aber wir haben keine Angst."
Buffon: "Deutschland ist stärker"
Wie groß die Anerkennung für Deutschlands bisher fehlerfreien Weg durch das Turnier ist, machte Buffon auf SPORT1-Nachfrage deutlich.
"Es wird aber eine schwierige und harte Partie. Da kann alles passieren", sagte der Juve-Keeper. "Sie sind wahrscheinlich stärker als wir, aber wir sind schwer zu schlagen."
Der Routinier hatte sich im Shootout den Elfmeter von Ashley Cole geschnappt.
De Rossi fürs Halbfinale fraglich
Dass Andrea Pirlo seinen Schuss a la Panenka ins Tor chippte, war ein Genuss, der den Italienern so gut schmeckte wie die Vanillecreme im Cornetto.
"Man hat seit Tottis Zeiten keinen so verrückten und spektakulären Elfmeter mehr gesehen", frohlockte Teamkollege Daniele De Rossi.
Der Römer hatte früh fulminant den Pfosten erzittern lassen, musste später aber mit Problemen am Ischiasnerv vom Feld.
"Ich hoffe bis zum Halbfinale wieder fit zu sein. Im Moment bin ich aber nicht optimistisch, es tut weh", gab De Rossi zu.
Prandelli fordert "zehn Minuten" Genuss
Würde der dynamische Mittelfeldspieler ausfallen, könnte das Cesare Prandellis Planungen für den Klassiker gegen Deutschland enorm beeinträchtigen.
Rechtsverteidiger Ignazio Abate plagen zudem Muskelprobleme, auch er ist fraglich.
Doch Prandelli mochte direkt nach dem Triumph nicht daran denken. "Wir genießen jetzt erstmal zehn Minuten", beschied er den Journalisten. Basta.
Immerhin war dem Trainer noch zu entlocken, dass Deutschland als Favorit ins Halbfinale gehe.
Napolitano gratuliert
Nach den ersten beiden Turnierspielen hatte man Prandelli in der Heimat für seinen scheinbar allzu optimistischen und offensiven Stil gerüffelt, jetzt gratulierte Staatspräsident Giorgio Napolitano persönlich.
Der 86-Jährige griff zum Hörer und sagte: "Das erinnert mich an Berlin 2006. Italien hat verdient gewonnen, ich hätte daher auch angerufen, wenn sie verloren hätten."
Hodgson klagt über englische Müdigkeit
Ein Anruf der Queen bei Roy Hodgson steht indes wohl nicht bevor.
Der englische Trainer mühte sich mit der Niederlage souverän umzugehen, als er gedankenverloren das Kiewer Olympiastadion verließ.
"Ich denke, beide Mannschaften hatten Chancen, aber im Verlauf der zweiten Halbzeit sind wir sehr stark ermüdet und sie sind immer und immer wieder auf uns zugekommen", kommentierte Hodgson das Ausscheiden.
"Wir haben zwar verloren, aber wir gehen mit erhobenem Kopf nach Hause."
Beten ohne Nutzen
Die meisten seiner Spieler wollten sich nicht äußern, der Elfmeter-Fluch begleitet die "Three Lions" ungebrochen.
Daran mochte auch Chelseas Champions-League-Sieg in dieser Lotterie gegen den FC Bayern nichts ändern.
"Wenn du die Nase im Elfmeterschießen vorn hast, betest du und hoffst, dass es dabei bleibt", schilderte Steven Gerrard seine Gedanken nach Englands zwischenzeitlicher Führung.
Doch die Fehlversuche von Ashley Cole und Ashley Young machten alles zunichte, Englands Leidensgeschichte bekommt eine Fortsetzung.