"Würde mich freuen, wenn Gladbach sich meldet"
Von Reinhard Franke
München - Die Enttäuschung war groß.
Das Aus der Ukraine in der Vorrunde der Europameisterschaft hat bei Andrej Woronin Spuren hinterlassen (EM-Rechner).
Für die Nationalmannschaft war nach nur einem Sieg in drei Spielen schon nach der Gruppenphase Schluss ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan).
Auch für Woronin endete damit ein wichtiges Kapitel seiner Karriere.
Der 32-jährige frühere Bundesligaspieler verkündete nach 74 Länderspielen seinen Rücktritt aus dem Team von Trainer Oleg Blochin.
Im SPORT1-Interview spricht Woronin über das EM-Aus, die Folgen für sein Land, seinen Rücktritt - und verrät, dass er sich über einen Anruf von Gladbachs Sportdirektor Max Eberl freuen würde.
SPORT1: Herr Woronin, haben Sie das EM-Aus schon verarbeitet?
Andrej Woronin: Schon. Es geht mir wieder besser. Ich war sehr traurig. Wir haben uns natürlich alle mehr erwartet und es war schlimm, denn die Europameisterschaft ist bei uns zu Hause und wir haben die große Unterstützung von unserem Land und unseren Fans gespürt. Es ist wirklich sehr schade, dass wir so früh ausgeschieden sind.
SPORT1: Wie ist die Stimmung im Land nach dem mageren Abschneiden?
Woronin: Die Stimmung ist ein bisschen komisch, die Leute sind natürlich traurig. Wenn die Ukraine und Polen weiter im Turnier dabei wären, dann wäre im ganzen Land viel mehr los und die Euro-Gefühle würden viel stärker sein. So ist alles etwas gedrückt. Vor allem in meiner Heimatstadt Odessa merke ich diese gedämpfte Stimmung. Der Schmerz bei den Menschen im Land sitzt noch tief.
SPORT1: Wie haben Sie die EM erlebt?
Woronin: Sportlich kam alles so, wie es viele vorher vermutet haben. Es gab bisher keine wirkliche Überraschung bei dem Turnier. Okay, dass die Russen in ihrer Gruppe nicht weitergekommen sind, war vielleicht schon überraschend. Alle Spiele, die in der Ukraine stattgefunden haben, liefen ohne Stress ab. Es war alles sehr friedlich. Die Stadien waren immer voll und die Menschen sind alle nett. Das hat mich alles sehr gefreut.
SPORT1: Wie wichtig ist die EM für das Land?
Woronin: Es wurden neue Straßen gebaut, neue Hotels, neue Stadien und es gibt einen neuen Flughafen. Es wurde im Vorfeld der EM viel für unser Land getan und ich hoffe, es wird auch weiter positiv nach vorne gehen mit der Entwicklung.
SPORT1: Und was sagen Sie zu den politischen Diskussionen?
Woronin: Sport und Politik sind zwei verschiedene Sachen. Die Probleme dürfen den Sport nicht erdrücken. Ich drücke jetzt Deutschland und Spanien die Daumen.
SPORT1: Ihre beiden Favoriten auf den Titel?
Woronin: Ja, ich hoffe sehr, dass die beiden Mannschaften im Finale stehen werden. Sie haben bisher die besten Leistungen gezeigt und haben einfach die besten Spieler. Ich habe schon vor der EM gesagt, dass Deutschland mein Topfavorit ist, ganz dicht gefolgt von den Spaniern.
SPORT1: Was sagen Sie zur deutschen Leistung bei der EM?
Woronin: Man kann jetzt nicht sagen, dass die Deutschen einen überragenden Fußball spielen. Das Spiel gegen die Griechen war schon sehr gut, aber vorher war auch einiges eher mau. Sie haben zum Beispiel in der Qualifikation viel besseren Fußball gespielt. Wenn man Deutschland kennt, dann weiß man, dass sie beim Turnier da sind. Und wie jedes Mal werden sie von Spiel zu Spiel besser. Ich bin mir fast sicher, dass die Deutschen im Finale stehen werden.
SPORT1: Welcher Spieler ist für Sie die Überraschung der EM?
Woronin: Für mich gibt es keinen Spieler, der mich so richtig überrascht. Sami Khedira spielt ein sehr gutes Turnier, sein Tor gegen die Griechen war Extraklasse. Von Bastian Schweinsteiger bin ich ein bisschen enttäuscht. Er ist noch kein Chef auf dem Platz.
SPORT1: Sie haben Ihre Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Endgültig?
Woronin: Ja. Das habe ich schon vor der EM gesagt. Der Trainer hat versucht mich umzustimmen, aber mein Entschluss steht fest. Ich habe zehn Jahre für die Nationalmannschaft gespielt, war bei der WM 2006 in Deutschland dabei und jetzt bei der EM in meinem Land, hatte viele gute Momente. Der Zeitpunkt aufzuhören, ist jetzt genau richtig.
SPORT1: Und nun?
Woronin: Die nächsten Jahre, in denen ich noch Fußball spielen werde, will ich mich ganz auf meinen Klub konzentrieren. Außerdem will ich mehr Zeit für meine Familie haben. Meine Frau hat bis zuletzt nicht geglaubt, dass ich wirklich aufhöre. (lacht)
SPORT1: Ganz aufhören wollen Sie aber nicht. Zuletzt war zu lesen, dass Borussia Mönchengladbach Sie haben will. Könnten Sie sich eine Rückkehr zur Borussia vorstellen?
Woronin: Warum nicht? Ich bin mit 15 Jahren nach Gladbach gekommen, bekam dort meinen ersten Profivertrag. Ich kenne Lucien Favre sehr gut und auch noch viele Leute dort. Ich würde mich freuen, wenn sich die Borussia meldet. Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich bin bereit für eine Rückkehr.