

Glück und Glaube: Tiki-Taka überlebt
Aus der Ukraine berichtet
Mathias Frohnapfel
Donezk - Aus Sergio Ramos sprudelten die Worte nur so heraus.
Sie mussten sich einen Weg bahnen genauso wie die unbändige Freude über Spaniens 4:2-Sieg im Elfmeterschießen gegen Portugal. ( Spielbericht)
"Del Bosque weiß, dass ich etwas verrückt bin, aber ich habe nicht zweimal darüber nachgedacht", sagte der eisenharte Innenverteidiger und spielte auf das Unbehagen an, das wohl seinen Trainer beschlich.
Ramos war zum vierten spanischen Elfmeter angetreten, sein Nationalteamkollege Xabi Alonso hatte als allererster Schütze vergeben, genauso wie direkt im Anschluss Joao Moutinho.
Danach hatten Iniesta und Pique für Spanien sowie Pepe und Nani für Portugal verwandelt.
(DIASHOW: Die Bilder vom Spiel)
Ramos trifft mit dem Löffel-Trick
Ramos entschied sich dann für die trickreichste und gefährlichste aller Varianten, löffelte den Ball in Panenka-Manier ins Tor.
Rui Patricio, der zuvor 120 Minuten seinen Kasten blitzblank gehalten hatten, war geschlagen. ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
"Nach den Erfahrungen mit Real im Halbfinale musste ich einen schießen. Das hatte an meinem Stolz gekratzt", erklärte Ramos hinterher.
Spott wegen Fehlschuss gegen Bayern
Welchen Spott hatte Ramos erdulden müssen, als er im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Bayern den Ball in die Wolken geschossen hatte:
Das Internet mit bitterbösen Foto-Montagen des Balls in sämtlichen Erdteilen oder auf dem Weg zum Mond, wurde zum Folterinstrument.
Wenn so einer dann keine zwei Monate später sich erneut zum Elfmeter meldet, dann hat er "cojones" ("Eier"), wie sie das in Spanien nennen.
Erst recht, wenn er den Elfmeter dann auch noch so kunstvoll schießt. Die Panenka/Pirlo-Variante sei allerdings eine spontane Reaktion gewesen.
"Ich hatte es im Kopf, aber letztlich muss man erst warten, wie der Torhüter reagiert", gab der zum "Man of the Match" gewählte Spanier zu.
Tor Freundin, Familie und Fans gewidmet
Seinen Treffer widmete er flugs seiner Freundin, Familie und allen "Fans, die hierhergekommen sind, um uns anzufeuern".
Bis in den äußersten Osten des Kontinents waren die Anhänger der Furia Roja gereist, um im ultramodernen Stadion von Donezk den zweiten EM-Finaleinzug ihrer Mannschaft in Serie zu erleben.
Siegt jetzt Spanien im Endspiel am Sonntag, würde es als erste Mannschaft EM, WM und EM in direkter Folge gewinnen.
Spanien vor historischem Triumph
Wer da kommt, ob Deutschland oder Italien, ist den Spaniern im Moment einerlei, wie alle Spieler hoch und heilig weit nach Mitternacht im Stadionbauch versicherten.
"Deutschland und Italien haben beide gute Chancen ins Finale zu kommen. Die beiden Teams unterscheiden sich aber in der Art, wie sie Fußball spielen", sagte Iker Casillas auf SPORT1-Nachfrage.
Mit Engelsgeduld gab Spaniens Keeper TV-Sendern, Radiostationen sowie Print- und Onlinejournalisten Interviews.
Casillas mit der Glanztat
Allein über die möglichen Stärken Deutschlands wollte er sich mit keiner Silbe äußern.
Sollte Italien das Rennen machen, wären ihm diese Sätze als hochnäsig ausgelegt worden, so wohl die Befürchtung.
Im Elfmeterschießen hielt er gegen Moutinho - Bruno Alves donnerte das Spielgerät nur an die Latte. Spanien triumphierte in diesem finalen Nervenkrieg wie schon 2008 im EM-Viertelfinale über Italien.
Tiki-Taka ohne Schwung
Dabei hatten die Portugiesen gezeigt, dass der Favorit nicht unverwundbar ist.
Mit höchster Konzentration arbeiteten sie gegen Spaniens Passmaschinen, ließen das Tiki-Taka erst gar keine Fahrt aufnehmen. Und gegen Ende der 90 Minuten hatte Cristiano Ronaldo sogar die Großchance zur Führung auf dem Fuß.
"In der Verlängerung waren wir etwas frischer, waren wir besser", stellte anschließend Vincente del Bosque fest.
Del Bosque: Deutschland stärker
Allein der Ball wollte bei Chancen von Andres Iniesta und Jesus Navas nichts ins Tor.
"Insgesamt war es recht ausgeglichen", resümierte Spaniens Coach. "Wir sind nicht so in unser Spiel gekommen, die Kombinationen waren nicht so gut. Und die Portugiesen haben das ausgenutzt. Sie waren sehr gut organisiert."
Das DFB-Team schätzte er vorsichtig als "stärker" als Italien ein, aber man werde sehen.
Torres reagiert frustriert
Del Bosque hatte erneut das Angriffsspiel seiner Elf nachjustiert, statt Cesc Fabregas in der Spitze Alvaro Negredo gebracht. Chelsea-Star Fernando Torres blieb so außen vor und stürmte entsprechend geladen durch die Mixed Zone.
Ganz anders Fabregas: Der Barca-Profi verwandelte den letzten und entscheidenden Elfmeter und wusste, wie viel Glück er bei seinem Versuch gehabt hatte. Eine Variation um den Flügelschlag eines Schmetterlings, und der Ball wäre vom Innenpfosten aus dem Tor heraus statt hineingesprungen.
Doch wie 2008 war Fabregas jetzt in der Jubeltraube mittendrin. "Wir haben hart gearbeitet. Ich habe gedacht, ich versuche es mal", kommentierte er erleichtert.
Enttäuschung für Portugal
Die Portugiesen mussten indes aus Donezk abziehen, ohne ihr großes Ziel, das zweite EM-Finale, erreicht zu haben.
"Elfmeterschießen: Das Ende von Portugals Traum", titelte die große Sporttageszeitung "La bola".
Und Trainer Paulo Bento sagte resigniert: "Wir waren besser in den ersten 90 Minuten, aber nicht in der Verlängerung. Leider haben wir unsere Chancen in der regulären Spielzeit nicht genutzt."
Ronaldo bleibt Elfmeter versagt
Und Ronaldo mochte nur frustriert feststellen: "Das Glück war nicht auf unserer Seite."
Real Madrids Superstar war als fünfter Schütze vorgesehen.
Zu diesem Zeitpunkt war dank Riese Ramos aber schon alles entschieden.