Frankreichs nächster Scherbenhaufen
Kiew/Paris - "Le President" geht, der Präsident hat ihn vergrault.
Zwei Jahre nach dem Spieler-Aufstand bei der WM in Südafrika steht Frankreichs Nationalmannschaft wieder vor einem Scherbenhaufen.
Denn Laurent Blanc wird seinen Vertrag als Trainer nicht verlängern. Ernüchtert vom Auftreten und Abschneiden seiner verheißungsvollen Mannschaft bei der EM, verärgert aber vor allem über die Hinhaltetaktik und das Scheinangebot von Verbandspräsident Noel Le Graet.
Lizarazu: Wie in einer kaputten Beziehung
"Zum Glück bin ich nicht der Verbandspräsident, sonst säße ich jetzt ganz schön in der Scheiße", sagte Louis Nicollin, extrovertierter Präsident von Meister HSC Montpellier.
Der frühere Münchner Bundesliga-Profi Bixente Lizarazu bezeichnete den Rücktritt seines Teamkollegen beim WM-Triumph 1998 und EM-Sieg 2000 als "große Überraschung und großes Chaos".
Er vermutet "eine persönliche Entscheidung, die möglicherweise mit der Diskussion mit Le Graet zusammenhängt. Beide sind sehr stur, niemand hat den ersten Schritt gemacht."
Es sei "wie in einer Liebesbeziehung, wo beide darauf warten, dass der andere als Erster 'Ich liebe Dich' sagt. Nun hat es keiner gesagt, und man trennt sich".
Blanc beschuldigt Verbandspräsidenten
Es ist die blumige Umschreibung dessen, was Blanc in einem offenen Brief an die Nachrichtenagentur "AFP" in diplomatischer Diktion bestätigt.
"Nach seiner Wahl (im Juni 2011, d. Red.) hat mir Monsieur Le Graet eine Vertragsverlängerung bis 2014 angeboten. Ich wollte erst nach Abschluss der Qualifikation für die EM 2012 darüber verhandeln", erklärte Blanc:
"Nach der erfolgreichen Qualifikation habe ich meinen Wunsch ausgedrückt, meine langfristige Zukunft zu regeln. Der Präsident hat die Lösung dieses Problems aber auf der nach der EM verschoben."
Vom Dank ausgenommen
Bei einem Treffen am 28. Juni habe man schließlich keine gemeinsame Basis für zwei weitere Jahre gefunden.
"Bei diesen Bedingungen war für mich klar, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern kann", teilte Blanc mit. Angeblich hätte er auf die Hälfte seiner 22 Mitarbeiter verzichten müssen. Zum Abschluss bedankte sich Blanc bei seinem Trainerstab, den Spielern, und "denen, die die französische Nationalmannschaft während dieser zwei Jahre unterstützt haben".
Dem Verband und seinem Präsidenten dankte er nicht.
Deschamps als Nachfolger?
Während Blanc als Teammanager bei Tottenham Hotspur im Gespräch ist, wird Didier Deschamps als potenzielle Nachfolger gehandelt.
Der Kapitän der Weltmeister von 1998 soll seinen Vertrag bei Marseille bereits am Freitag aufgelöst haben. Die Verbandsführung um Le Graet will sich am Dienstag erstmals äußern.
Nur vier von 27 Spielen verloren
Blanc hatte in seiner Amtszeit nur vier Spiele verloren: Die ersten beiden, für die Rebellen von Südafrika nicht nominiert hatte.
Und die letzten beiden, die Frankreich nach einer Serie von 23 Spielen ohne Niederlage vom EM-Geheimfavoriten zum Verlierer abstürzen ließen.
Nach dem Gruppenspiel gegen Schweden (0:2) war es in der Kabine zu lautstarken Auseinandersetzung gekommen, nach dem Viertelfinale gegen Spanien (0:2) beschimpfte Samir El Nasri einen Journalisten als "Hurensohn".
"Die Geister von Knysna"
"Zwei Jahre nach dem Spieler-Streik in Südafrika, spuken die Geister von Knysna immer noch durch das blaue Haus", schrieb die Tageszeitung "Le Monde".
Blanc wurde zugetraut, diese Geister zu vertreiben und Franck Ribery und Co. in eine bessere Zukunft zu führen.
"Ich habe gedacht, dass Blanc seinen Weg gefunden hat und seine Mission vollenden würde", sagte der ehemalige Nationalspieler Alain Giresse: "Nun hoffe ich, dass wir nicht wieder bei Null anfangen müssen."