EM-Revolution: Geniestreich oder Rohrkrepierer?
Kiew - Geniestreich oder Rohrkrepierer?
Der UEFA-Präsident überraschte mit seiner Vision einer über ganz Europa verstreuten EURO 2020 und rief kontroverse Diskussionen hervor ( BERICHT: EM bald in 13 Ländern?).
Während das Presse-Echo in den großen Fußball-Nationen völlig unterschiedlich ausfällt und erste Fans Front gegen den Plan machen, warten die Verbandsbosse gespannt auf Details - auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.
"Der DFB ist offen für solche Planspiele, über die mich Michel Platini vorab informiert hatte. Aber ein endgültiges Urteil ist erst möglich, wenn die von der UEFA eingesetzte Kommission bis ins letzte Detail eine Konstruktion entwickelt hat", sagte Niersbach.
Zwanziger: "Gute Idee"
Niersbachs Präsidiums-Vorgänger Theo Zwanziger ist als Mitglied der UEFA-Exekutive an vorderster Front in alle Diskussionen eingebunden. "Ich halte es für eine gute Idee, über die es nachzudenken gilt", sagte Zwanziger:
"Klar ist doch, dass es in Zeiten der Finanzkrise, die uns sicherlich noch einige Jahre beschäftigen wird, immer schwerer wird für die Staaten, öffentliche Gelder zum Beispiel für Stadionbauten bereitzustellen. So hätte Italien sicherlich eine EM verdient, aber im Augenblick ist der italienische Staat nicht in der Lage, selbst nur ein neues Stadion zu finanzieren."
Zwanziger sprach von einem "europäischen Ansatz" und betonte, "sehr viel Sympathie für diesen Vorschlag" zu haben, gleichzeitig "allerdings auch noch etwas zurückhaltend" zu sein.
"Es bedarf einer eingehenden Prüfung und Abstimmung mit den Landesverbänden, ob und wie es umgesetzt werden kann oder nicht", sagte er.
UEFA-Chef drückt aufs Tempo
Platini drückt aber aufs Tempo. Im Dezember will der Franzose seine Idee den 53 Mitgliedsverbänden erläutern, schon im Januar soll eine Entscheidung fallen. Der Franzose lässt keine Zweifel offen, welches Ergebnis er sich wünscht.
"Wir können in zwölf Städten in einem Land spielen, aber auch in 12 oder 13 Städten in ganz Europa. Es ist bislang nur ein Vorschlag, aber ich halte das für eine großartige Idee", sagte Platini, der am Samstag bei seiner letzten EM-Pressekonferenz in Kiew vor allem finanzielle Motive in den Vordergrund rückte:
"Wir bräuchten keine Stadien oder Flughäfen zu bauen, sondern könnten auf bestehende Infrastruktur zurückgreifen. Das wäre wichtig in wirtschaftlich schwierigen Zeiten."
"Eine kleine Bombe, nicht wahr?"
Bedenken wegen der weiten Wege wischte Platini beiseite: In Zeiten fallender Flugpreise sei der Vorschlag umsetzbar, und es "ist doch einfacher, von London nach Paris oder Berlin zu kommen als von Cardiff nach Danzig".
Das Echo in Europa war uneinheitlich. Die italienische "Gazzetta dello Sport" formulierte von den großen Sportzeitungen mit Abstand am positivsten: "Ein Traum, hoffentlich ist er auch umsetzbar!"
Die englische "Daily Mail" bezeichnete den Plan dagegen als "eher bizarr", Schwedens Expressen nannte ihn sogar "verrückt". Dagegen scheint sich der französische "Le Parisien" selbst nicht ganz sicher zu sein: "Das ist eine kleine Bombe, nicht wahr?"
Türkische Medien verärgert
Während viele Zeitungen auf Kommentare verzichteten, war die Tendenz in der Türkei eindeutig.
Die Türken haben starkes Interesse an der Ausrichtung der EM 2020 angemeldet und drohen nun leer auszugehen. "Milliyet" warf Platini vor, "mit der Moral zu brechen", "Hürriyet" schrieb süffisant von einem "typischen Platini".
Neben der Türkei sind auch die Bündnisse Wales/Schottland/Irland und Georgien/Aserbaidschan interessiert.
Kritik von Fanprojekten
Derweil kritisieren erste Fangruppierungen Platinis Idee. "Ganz offensichtlich stehen auch bei diesem Vorschlag wieder einmal die Vermarktungsinteressen im Vordergrund, während die Interessen des Fußballsports und seiner Fans hinten runterfallen würden", sagte Michael Gabriel, Leiter der deutschen Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS).
Fantastische Erfahrungen vieler Fans wie bei der EM 2012 in Lwiw, Charkow oder Danzig "würden dann der Vergangenheit angehören", sagte Gabriel: "Wer will denn schon zum hundertsten Mal nach Mailand, Manchester oder Paris?"
Sinnvoller sei, "gerade den großen Erfolg der EURO in Polen und der Ukraine zum Anlass zu nehmen, die hohen Anforderungen für Austragungsländer zurückzuschrauben, damit sich auch in Zukunft kleinere Nationen bewerben können".
Ukraine wäre fast gescheitert
Die Ukraine, das räumte Platini am Samstag ein, wäre an diesen UEFA-Anforderungen beinahe gescheitert.
Anscheinend wäre dem Co-Gastgeber fast die Endrunde entzogen worden.
"Wir hatten nie Zweifel an Polen, aber wir hatten eine Weile lang Zweifel an der Ukraine. Wir haben über acht Spielstädte in Polen nachgedacht", sagte Platini.