

Furiose Spanier mit Rekordsieg zum Titel
Aus der Ukraine berichtet Thorsten Mesch
Kiew - Es war exakt 23.51 Uhr Ortszeit in Kiew als Spaniens Mannschaftskapitän Iker Casillas den Coupe Henri Delaunay in den Himmel reckte und damit für alle Welt deutlich machte, wem die Macht im Fußball weiterhin gehört:
Durch ein furioses 4:0 (2:0) gegen Italien hat die Mannschaft von Trainer Vicente del Bosque gleich doppelt Geschichte geschrieben und sich zum dritten Mal zum Europameister gekrönt. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Die Tore zum erneuten Triumph erzielten David Silva (14.), Jordi Alba (41.), Fernando Torres (84.) und Juan Mata (88.).
"Ich bin stolz auf meine Spieler, das war klasse. Die ganze Mannschaft hat zusammengehalten. Wir haben Ballbesitz gehabt, das war und ist unser Spiel. Das ist unser Geheimnis", schwärmte del Bosque.
Gleichgezogen mit Deutschland
Die "Seleccion" hat nicht nur als erstes Team den Titel bei der EM verteidigt, sondern nach der EM 2008, der WM 2010 auch das dritte Turnier in Folge für sich entschieden.
Es ist der dritte EM-Triumph nach 1964 und 2008. Damit zog der Welt- und Europameister mit der DFB-Auswahl gleich, die 1972, 1980 und 1996 den Titel gewann.
Zudem gelang der spanischen Auswahl der höchste Finalsieg der EM-Geschichte. Zuvor hatte diesen Rekord die DFB-Elf mit dem 3:0 1972 gegen die Sowjetunion gehalten.
Buffon zeigt sich einsichtig
In einem hochklassigen Spiel zeigten die Spanier traumhafte Kombinationen und vollendeten sie mit wunderschönen Toren.
"Es ist wunderbar, den Titel erfolgreich verteidigt zu haben. Wir hatten vorher schon Geschichte geschrieben - jetzt nochmal. Unglaublich, ich kann es kaum fassen", sagte Torschütze Jordi Alba.
Italiens Keeper Gianluigi Buffon zeigte sich einsichtig. "Wir haben nicht die Form gehabt wie zuletzt. Wir können uns aber nichts vorwerfen, die Spanier waren heute einfach besser und haben eine fantastische Mannschaft."
Italien hat wenig gegenzusetzen
Auf die zuletzt immer häufiger aufgekommene Kritik, ihr Spiel sei langweilig, gab die "Furia Roja" eine beeindruckende Antwort und beherrschte die Italiener zu jeder Phase des Spiels klar.
Die Mittelfeldstars Xavi, Andres Iniesta, Cesc Fabregas und Silva glitten phasenweise durch Italiens Hintermannschaft wie das berühmte heiße Messer durch die Butter.
Italiens Stars Andrea Pirlo, Mario Balotelli und Antonio Cassano hatten dem kaum etwas entgegenzusetzen.
Vierer- statt Dreierkette
Auch ohne den viel diskutierten echten Mittelstürmer war das Offensivspiel der Iberer schon bis zu Torres' Einwechslung brandgefährlich und effektiv.
Del Bosque bot exakt die Startelf aus dem Gruppenspiel gegen Italien auf, also mit Fabregas im Angriffszentrum.
Anders als im Gruppenspiel, als Prandelli mit Dreierkette und Daniele de Rossi als Innenverteidiger agiert hatte, spielte Italien wie in allen übrigen EM-Partien mit einer Vierer-Abwehr und de Rossi im Mittelfeld.
Doch auch mit vier Abwehrspielern waren die Italiener gegen Spaniens Passmaschine vor allem in der ersten Halbzeit defensiv überfordert.
Frühe spansiche Führung
Spanien setzte die Squadra Azzurra von Beginn an enorm unter Druck und bereits in der 14. Minute war Italiens Schlussmann Gianluigi Buffon geschlagen.
Nach einem perfekten Pass von Iniesta in den Lauf von Fabregas zog dieser auf der rechten Strafraumseite bis zur Grundlinie, passte hoch zurück auf Silva, der den Ball aus sechs Metern per Kopf in den linken Winkel beförderte.
Die Italiener reagierten unbeeindruckt und hatten ihre Chancen. Erst rettete Sergio Ramos gegen Barzagli, dann war Casillas vor Balotelli zur Stelle.
Casillas leitet 2:0 ein
In der 41. Minute leitete der Keeper mit einem Abschlag das 2:0 ein.
Linksverteidiger Jordi Alba bekam den Ball, spielte ihn zu Xavi und zog einen 40-Meter-Sprint in Richtung Strafraum an, Xavi spielte genau im richtigen Moment in den Lauf des Valencia-Profis, der Buffon keine Chance ließ und flach einschob.
Mit dem hochverdienten 2:0 ging es in die Kabinen.
Di Natale verpasst Anschluss
Prandelli reagierte und brachte neuen Schwung für die Offensive: Antonio di Natale ersetzte Cassano und hatte mit seinem ersten Ballkontakt die Chance zum Anschlusstreffer, doch sein Kopfball flog über das Tor.
In der 49. Minute hatte Italien Glück, dass Schiedsrichter Pedro Proenca ein Handspiel von Leonardo Bonucci im Strafraum nicht mit einem Elfmeter bestrafte.
Zwei Minuten später hatte di Natale seine zweite Großchance, als er nach einem Pass von Pirlo direkt aus der Drehung abzog, doch genau auf den herauslaufenden Casillas schoss.
Casillas überbot den EM-Rekord von Italiens Torwart-Legende Dino Zoff und war seit dem 1:1 im Gruppenspiel gegen Italien seit 510 Minuten ohne Gegentor.
Italien nur noch zu zehnt
In der 57. Minute wechselte Prandelli Thiago Motta für Montolivo ein, doch Motta verletzte sich nur vier Minuten später ohne Fremdeinwirkung am Oberschenkel und musste vom Platz getragen werden.
In Unterzahl hielt Italien das Spiel zunächst noch recht offen, baute dann aber ab. Spanien hatte die Partie im Griff und kam wieder zu Chancen.
In der 84. Minute erzielte Torres nach einem Steilpass von Xavi das 3:0, Juan Mata, für Iniesta eingewechselt (86.), besorgte nach Vorlage von Torres den Endstand.
Der Rest war spanischer Freudentaumel im Konfetti-Regen von Kiew.