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Wynton Rufer erzielte 1993 gegen Anderlecht zwei Treffer © getty

0:3 liegen die Bremer 1993 gegen Anderlecht schon zurück. Doch mit einem ihrer berühmten "Weser-Wunder" drehen sie die Partie

Von Nils Reschke

Bremen - In der Saison 1993/94 war alles irgendwie neu. Die noch junge europäische Königsklasse ging in ihre zweite Spielzeit. RTL hatte sich die Übertragungsrechte gesichert. Erstmals schaffte eine deutsche Mannschaft den Einzug in die Gruppenphase.

Und im hohen Norden schien man gewillt, die "Wunder von der Weser" jetzt in einem einzigen Spiel Gestalt werden zu lassen. In jedem Fall erlebten die Fans im Weserstadion einen unvergesslichen Abend. Und mein Bruder und ich fesselnde Minuten vorm heimischen Fernseher - wofür Frau Mama wenig Verständnis äußerte.

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Die drei Probleme

Der Champions-League-Schock in der Premieren-Saison war verdaut, nachdem Christoph Daum und sein ominöser Wechselfehler gegen Leeds United den VfB Stuttgart um den Lohn seiner Mühen, die lukrative Gruppenphase, gebracht hatte. Jetzt, ein Jahr später, war Werder Bremen am Zug. Und stand gleich nach der 2:3-Auftaktniederlage beim FC Porto gegen den RSC Anderlecht unter Zugzwang. Ein Sieg also sollte her.

Da gab es nur drei Probleme. Nummer eins: Der heimische Haushalt empfing RTL nur über eine gewöhnliche Zimmerantenne. Nummer zwei: Es regnete unentwegt, in Bremen ebenso wie im Münsterland, wodurch der Empfang immer schlechter wurde. Nummer drei: Meine Mutter. "Dass mir Ruhe ist", verabschiedete sie sich ungewöhnlich früh ins Bett. Nein, Fußball war wahrlich nicht ihr Ding.

Plan B wie Bremen: "Reine Mathematik"

Ruhe herrschte. Totenstille, um es genau zu nehmen. Nach einer guten halben Stunde lag Werder Bremen 0:3 im Hintertreffen. Boffin hatte per Doppelpack zugeschlagen.

Zuvor traf RSC-Kapitän Philip Albert, als wolle er seine Aussage vor dem Match bestätigen: "Wir wissen Bescheid. Wir werden Werder nicht unterschätzen, wir kennen die meisten Spieler, das System." Na klasse. Mein Bruder und ich waren bedient, heckten in der Pause einen verwegenen, mathematischen Plan aus.

"Jede Viertelstunde ein Tor, dann holen wir zumindest einen Punkt", rechnete ich dem Bruderherz vor. Der nickte nur stumm, als hielte er mich jetzt für völlig übergeschnappt. In Bremen, in der damals noch unüberdachten Ostkurve, sangen sie sich kontinuierlich, ohne Pause warm: "Ole, hier kommt der SVW!" Nur Werder kam auch nach der Pause nicht. Die Minuten verstrichen, vor meinem geistigen Auge sah ich meinen Mathe-Lehrer schallend lachen.

Die Aufholjagd im prasselnden Regen

Der Boden im Weserstadion wurde immer tiefer. Es regnete wie aus einem Guss. Die Norddeutschen rannten an, und ihnen gelang in Minute 66 doch tatsächlich das 1:3 durch den "Kiwi". Wynton Rufer netzte ein, laut meinem Plan sechs Minuten zu spät. Doch "pünktlich" vor der 75. Minute erzielte Rune Bratseth noch das 2:3.

"Jaaaaa, 18 Minuten noch für zwei Tore", jubelte jetzt mein Bruder lauthals, warf somit alle alten Pläne über den Haufen. Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich. Meine Mutter lugte durch den Spalt: "Ruhe, hatte ich gesagt. Sonst drehe ich den Strom ab." Kaum war sie wieder die Treppen hochgestiefelt, da vernaschte Wynton Rufer den nächsten Verteidiger, flankte maßgeschneidert, und Bernd Hobsch köpfte zum Ausgleich ein. Das Weserstadion war jetzt ein Tollhaus. Ganz im Gegensatz zu unserem Wohnzimmer. Nur nichts riskieren.

"So etwas kann nur Werder"

Werder aber riskierte alles. Gestochere im Strafraum, Marco Bode kam an das Leder, schloss nur zwei Minuten später eiskalt ab. Durch die Beine von Marc de Wilde. In Bremen, im Münsterland und wahrscheinlich auch in tausenden anderen Wohnzimmern quer durch die Republik herrschte Ausnahmestimmung. Jetzt waren sämtliche mögliche Sanktionen egal und vergessen.

Die Erklärung, hier würde gerade Fußball-Geschichte geschrieben, reichte auch dem strengen Regiment namens Mutter. Erst recht, als sie miterleben durfte, wie Oliver Reck den Schuss von Luc Nilis sensationell aus dem Winkel fischte, weshalb ihre Söhne wie von der Tarantel gestochen durchs Zimmer hüpften. Kurz darauf traf Rufer ein zweites Mal zum 5:3-Endstand und besiegelte dieses unglaubliche Fußball-Wunder.

Der damalige Bundestrainer Berti Vogts brachte es auf den Punkt: "So etwas kann wohl doch nur Werder." Und noch nie hatte ich tags darauf in der Schule meinen Werder-Schal so stolz präsentiert wie nach diesem unvergesslichen Europapokal-Abend am 8. Dezember 1993.

"Alles Mathematik", entgegnete ich den zweifellos anerkennenden Blicken lässig.

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