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Friedhelm Funkel startete seine Trainerkarriere 1991 bei Bayer 05 Uerdingen © imago

Vor dem Europa League-Auftritt beim SC Heerenveen spricht der Ex-Coach Klartext zum sportlichen Niedergang der "alten Dame".

Von Christian Paschwitz

München - Nur ein Punkt aus den jüngsten fünf Pflichtspielen. 351 Minuten ohne eigenen Torerfolg. Abgeschlagenes Schlusslicht in der Bundesliga.

Und dazu steht Hertha BSC Berlin in der Europa League als Letzter der Gruppe D beim SC Heerenveen vor dem Aus (ab 18.45 Uhr LIVE).

In der schlimmsten Krise seit langem hat Ex-Coach Huub Stevens (2002 bis 2003) an der Personalpolitik von Hertha BSC harsche Kritik geübt und Neu-Trainer Friedhelm Funkel demonstrativ den Rücken gestärkt.

"Man darf nicht vergessen, dass nicht nur Andrej Voronin und Marko Pantelic weg sind, sondern auch Josip Simunic", meinte der Niederländer bei Sport1.de.

Der jetzige Trainer von Red Bull Salzburg machte in diesem Zusammenhang Präsident Werner Gegenbauer schwere Vorwürfe.

"Simunic ist der größte Verlust"

"Simunic ist der größte Verlust überhaupt", so der 55-Jährige. "Hoffenheim freut sich über ihn natürlich. Der Vorstand wollte Simunic verkaufen, die haben es darauf angelegt."

Stevens sieht zugleich personellen Handlungsbedarf: "Hertha muss versuchen, sich zu verstärken."

Auch Herthas aktuelle Spielerdecke bekam ihr Fett weg von Stevens: "Es ist ein Kader, der verwöhnt war vom Erfolg der letzten Saison."

Gleichwohl glaubt der Niederländer ("Die jetzige Truppe hat genügend Qualität, um da unten raus zu kommen") daran, "dass Friedhelm Funkel noch die Kurve kriegt."

Stevens weiter: "Es ist natürlich nicht einfach für ihn. Er findet eine Mannschaft vor, die er nicht zusammengestellt hat. Es ist nun unglaublich harte Arbeit gefragt."

Stevens rät von harter Gangart ab

Von einer ganz harten Gangart rät Stevens dagegen ab: "Wenn Friedhelm jetzt draufhaut, ist auch das letzte Selbstvertrauen weg. Ich denke nicht, dass man jetzt gut damit beraten ist, die Spieler zu bestrafen."

Zumal in der Europa League hinter Tabellenführer Sporting Lissabon (9 Punkte) für ein Weiterkommen als Gruppenzweiter (derzeit Heerenveen / 4 Punkte) die Hertha (1 wie FK Ventspils) zumindest noch die theoretische Chance besitzt.

Köln hat Priorität

Noch wichtiger indes: Am Sonntag (17.30 Uhr LIVE) steht das wegweisende Liga-Kellerduell mit dem 1. FC Köln an.

"Das hat natürlich für uns Priorität", sagt Funkel, der den Auftritt auf europäischer Bühne trotzdem "nicht abschenken" will, obwohl er personell vor allem in der ohnehin lahmenden Offensive mächtig umdisponieren muss.

Gojko Kacar fehlt wegen einer Blockade im Rücken. Den Holland-Trip gar nicht erst an traten Pal Dardai (Sprunggelenk-Blessur), Patrick Ebert (Gelb-Rot­Sperre) und Rasmus Bengtsson (Fußprellung).

Nach einer Denkpause wieder in der Startelf stehen dürfte dagegen der Brasilianer Cicero.

Zurück im Kader nach vierwöchiger Zwangspause (Sprunggelenksprobleme) ist überdies Maximilian Nicu wie aus der personellen Not heraus auch die erst 18-Jährigen Fanol Peredaj, Lennart Hartmann und Sascha Bigalke.

Nerven liegen blank

So oder so liegen beim Hauptstadt-Klub die Nerven blank nach dem schlechtesten Saisonstart aller Zeiten.

Die Kritik richtet sich vor allem gegen Präsident Gegenbauer, den viele Fans für die Personalpolitik des Klubs verantwortlich machen, sowie gegen Manager Michael Preetz.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen des sportlichen Niedergangs sucht Gegenbauer zwar zu zerstreuen: "Natürlich haben wir Einbußen, durch den geringenen Zuschauerzuspruch, durch geringere TV-Einnahmen aufgrund der schlechten Platzierung", sagte er im "kicker".

"Und wir hatten zudem kalkuliert, in der Europa League das ein oder andere Spiel zu gewinnen. Aber für Hertha BSC entsteht daraus kein aktuelles Problem." (DATENCENTER: Europa League)

Dennoch steht ein Not-Plan, mit dem in der Winterpause dem Vernehmen nach mindestens drei Millionen Euro für Neueinkäufe generiert werden können, auf höchst wackligen Beinen.

"Preetz leistet gute Arbeit"

Was dazukommt: Die Millionen müssen auch klug investiert werden. Erneute Transferflops (wie beispielsweise Artur Wichniarek, Adrian Ramos, Nemanja Pejcino­vic, Bengtsson, Cesar) darf es nicht mehr geben.

Besonders in der Pflicht steht deshalb Manager Preetz, dem Gegenbauer indes nichts vorzuwerfen hat: "Preetz leistet ausgesprochen gute Arbeit. Das hört sich aufgrund der Ergebnisse vielleicht etwas überraschend an, aber ich bleibe dabei."

Gegenbauers selbst sieht sich konfrontiert mit Spekulationen um einen Misstrau­ensantrag gegen seine Person:

Die Mitgliederversammlung am 30. November könnte höchst ungemütlich werden für den 59-Jährigen, sollte die im Europapokal seit über einem Jahr auf einen Auswärtssieg wartende Hertha sportlich nicht allmählich den Hebel umlegen.

Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen:

Heerenveen: Vandenbussche - Popov, Dingsdag, Breuer, Bak Nielsen - Losada, Svec, Elm - Beerens, Papadopulos, Assaidi (Sibon)

Berlin: Drobny - Stein, Friedrich, von Bergen, Pejcinovic - Piszczek (Hartmann), Lustenberger, Cicero, Raffael - Domowtschiski, Ramos

Schiedsrichter: Pavel Cristian Balaj (Rumänien)

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