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Gegen Lyon im UEFA-Cup hatte 1999/2000 hatte Thomas Schaaf Grund zum Jubeln © getty

In Bremen erinnert man sich gerne zurück an die berauschenden Europapokal-Abende im Weserstadion. Wie 1999 gegen Olympique Lyon.

von Nils Reschke

Im Fußball-Sommer 1999 war die Werder-Welt wieder in Ordnung.

Thomas Schaaf hatte den erfolglosen Felix Magath abgelöst.

Getreu dem Motto "Alles neu macht der Mai" rettete der Coach, der bis heute noch in Amt und Würden ist und auf den Spuren eines Otto Rehhagel wandelt, die Grün-Weißen erst vor dem Abstieg, ehe Schaaf seine Herde dann noch zum sensationellen Pokalsieg gegen die Münchner Bayern führte.

Und genau hier soll unsere Geschichte beginnen.

Auf zu neuen Taten

Denn der Coup mit dem Cup ermöglichte dem SV Werder überhaupt erst die Teilnahme am UEFA-Cup.

Effenbergs Fehlschuss beim Elfmeterentscheid in den Berliner Abendhimmel, Frank Rost, wie er Oliver Kahn vernascht, um dann gegen Lothar Matthäus mit einer tollen Parade den Pokal festzuhalten.

Schlussendlich die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb.

Mit einer großen Portion Kämpferherz hatte sich Werder Bremen tapfer gegen das Desaster Abstieg gewehrt, die Saison mit einem Titel gekrönt ? und war bereit für neue Taten. Man ahnt schon, was folgen sollte.

Kein Neuzugang, aber ein neues Wunder

Ohne einen einzigen Neuzugang nahmen die Norddeutschen die Spielzeit 1999/2000 in Angriff, was wörtlich genommen werden durfte.

Marco Bode (13), Ailton (12) und Claudio Pizarro (10) teilten sich rund die Hälfte aller Bremer 65 Bundesligatore.

Mit einem 7:2 beim VfL Wolfsburg setzte Werder das erste sportliche Ausrufezeichen am fünften Spieltag. (DATENCENTER: Europa League 2009/10)

Doch die Saison sollte allen aufgrund eines anderen Ereignisses noch lange in Erinnerung bleiben. Weil die "Stadtmusikanten" auf dem grünen Rasen endlich wieder den Taktstock im Europapokal schwangen und nach Spartak Moskau, Dynamo Ost-Berlin sowie dem RSC Anderlecht zum vierten Mal ins Lied der "Wunder von der Weser" einstimmten.

Rache ist süß

Dass das denkwürdige Rückspiel gegen Olympique Lyon sich nicht vollends ins Hirn der deutschen Fußballfans eingebrannt hat, mag es der Tatsache schulden, dass die OL gute fünf Jahre späte süße Rache nahm: Erst wurden die Norddeutschen im eigenen Stadion 3:0 geschlagen, anschließend erlebten sie in Lyon beim 3:7 in der Champions League ihr Waterloo.

Wer denkt angesichts solcher Ergebnisse noch an den 7. Dezember 1999, als die hell leuchtenden Fluchtlichtmasten über der Weser jedem Bremer signalisierten: Hier spielt sich etwas ganz Besonderes ab.

Wie in der Intertoto-Runde

Es liegt in der Natur der Sache, dass solch einem Fußballwunder meist ein enttäuschendes, ja fast blamables Resultat vorausgeht. So war es auch an jenem kalten Novemberabend, als die Mannschaft von Thomas Schaaf im Stade Gerland keinen Stich sah. 92318(DIASHOW: Deutsche Europacup-Wunder)

Julio Cesar, der bullige Brasilianer war an allen drei Gegentoren der 0:3-Pleite beteiligt und musste später als Sündenbock herhalten. Andreas Herzog schimpfte im besten Wiener Schmäh: "So kann man vielleicht in in der Intertoto-Runde in Kaunas bestehen, aber nicht hier."

Doch daran war jetzt nichts mehr zu ändern. Ein Wunder musste her.

Schaaf setzt auf Offensive

Keine 10.000 Zuschauer, die sich im Weserstadion fast persönlich "Moin" sagen konnten, glaubten allerdings noch daran, rieben sich schon vor dem Anpfiff indes ebenso die Augen, als sie einen Blick auf die Taktik warfen.

Thomas Schaaf, schon immer ein Freund der Offensive, nominierte mit Frank Baumann und Julio Cesar lediglich zwei Manndecker, vor denen Dieter Eilts abräumte und Bernhard Trares Spielmacher Dhorasoo in Schach halten sollte. Der Plan sollte schnell aufgehen: Angetrieben von Andreas Herzog erspielten sich die Bremer gegen ein viel zu passives Lyon das frühe 1:0 durch Marco Bode (16.).

Noch vor der Pause verzückte "Herzerl" dann höchstpersönlich die Fans, als er nach Foulspiel an Torsten Frings den fälligen Strafstoß zum 2:0 verwandelte (59.). Werder lag also im Soll.

Knockout für Lyon, Bescherung für Werder

Als dann auch noch Frank Baumann das schnelle 3:0 nach dem Seitenwechsel schaffte, war aus dem grün-weißen Kämpferherz längst die pure Spielfreude geworden.

Olympique taumelte wie ein angeschlagener Boxer, dem Claudio Pizarro nach Ailtons Vorarbeit schließlich das K.o.

In der 77. Minute versetzte. 4:0! Was für eine Europapokalnacht in der Hansestadt, für dessen Happy End Frank Rost gesorgt hatte. Der Bremer Schlussmann rettete mit zwei Glanzparaden die "Null" gegen Lyon ? und das vierte Wunder von der Weser, ein neues Kapitel der Leidenschaft, war geschrieben.

So war auch beim Weihnachtsfest 1999 die Werder-Welt wieder in Ordnung. Eine schöne Bescherung eben!

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