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Khalid Boulahrouz spielt seit 2008 für den VfB Stuttgart © imago

Nach den jüngsten Unglücken auf Europas Plätzen attackiert Stuttgarts Routinierdie nationalen wie internationalen Verbände.

Aus Stuttgart berichtet Christian Paschwitz

Stuttgart - Plötzlicher Herzstillstand und ein tödlicher Zusammenbruch:

Die jüngsten Tragödien auf nationalen und internationalen Fußball-Plätzen lassen Öffentlichkeit und Spieler aufschrecken - und mit Khalid Boulahrouz nun den ersten Bundesliga-Profi Alarm schlagen.

Der Routinier des VfB Stuttgart sieht die jüngsten Vorfälle gar im Zusammenhang mit einem völlig überfrachteten Spielkalender.

Er attackiert nach dem 3:0-Europa-League-Erfolg über Young Boys Bern deshalb sowohl den Weltfußballverband FIFA als auch den europäischen Verband (UEFA) und die deutsche Fußball-Liga (DFL).

Gegen Bern stand Boulahrouz nicht auf dem Platz, da er zuvor mit Adduktorenproblemen zu kämpfen hatte.

"Wir sind keine Roboter"

"So wie es jetzt läuft, ist es für die körperliche Verfassung und Gesundheit von uns Spielern katastrophal - wir sind keine Roboter", kritisiert Boulahrouz im Gespräch mit SPORT1.

Noch immer steht der Niederländer unter Schock:

Am vergangenen Wochenende rang der mit Boulahrouz gut befreundete Evander Sno mit dem Tod, nachdem er in einem Spiel der Reservemannschaft von Ajax Amsterdam bei Vitesse Arnheim einen Herzstillstand erlitten hatte.

Schock-Situation um Evander Sno

Der 23-Jährige war auf dem Feld zusammengebrochen und musste mehrfach wiederbelebt werden.

Erst nach dem vierten Versuch mit dem Defibrillator konnte Sno gerettet werden.

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Inzwischen ist der Mittelfeldspieler wieder auf dem Weg der Besserung.

"Ich bin noch immer geschockt", sagt Boulahrouz, der den Mittelfeldspieler auch aus gemeinsamen Nationalmannschafts-Lehrgängen schätzt.

Augenzeuge bei Puerta-Tragödie

Auch die weiteren Vorfälle der jüngeren Vergangenheit, in deren Bild auch der tödliche Zusammenbruch des als topfit geltenden Ex-Oberliga-Kickers Nduka Anyanwu beim Spiel des rheinland-pfälzischen Bezirksligisten SV Geinsheim passt, besorgen Boulahrouz zutiefst.

"Man hört immer mehr, das war in der Vergangenheit nicht so."

Dabei war der Abwehrmann schon 2007 zu seiner Zeit beim FC Sevilla Augenzeuge, als sein damals 23-jährigerTeamkollege Antonio Puerta beim ersten Saisonspiel gegen den FC Getafe auf dem Platz kollabierte.

Kurz darauf verstarb Puerta an den Folgen eines Herz-Kreislauf-Stillstands.

[kaltura id="0_8qex881a" class="full_size" title="Europa League Aufatmen in Stuttgart"]

"Es ist ein Teufelskreis"

Boulahrouz gibt den Verbänden eine Mitschuld an den Unglücksfällen, und kritisiert, "dass im Spielkalender viel zu wenig an uns Spieler gedacht ist".

"Es ist ein Teufelskreis, es wird alles gesteuert vom Kommerz. Man sieht das doch schon allein dadurch, für wie spät überhaupt erst die Spiele angesetzt werden", verweist der Niederländer auf die Anstoßzeiten von 20.45 Uhr in der Champions League und 21.05 Uhr in der Europa League.

(DATENCENTER: Europa League).

Bei der Festlegung der Bundesliga-Spiele fürs Wochenende nach den Europapokal-Auftritten orientiert sich die DFL laut Boulahrouz zudem zu oft an den größeren Klubs.

Die Regenerationsbedürfnisse der Spieler habe eine geringere Bedeutung als der Wunsch, den Fans an Sonntagen eine vermeintlich attraktivere Ansetzungen zu präsentieren.

Namhaftere Klubs bevorzugt?

"Warum spielen wir Stuttgarter nun schon wieder am Samstagnachmittag und Schalke erst am Sonntagabend?", fragt Boulahrouz dazu.

Denn: Während der Revier-Klub in der Königsklasse bereits am Dienstag gespielt hatte, bleiben dem VfB nach dem Europa-League-Sieg gegen Young Boys Bern keine 48 Stunden bis zum Liga-Duell mit Borussia Mönchengladbach (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER).

"70 Spiele vor Saison"

Der Stuttgarter hat einen genauen Blick darauf, was ein Profi auf internationalem Niveau in einer Spielzeit laufen muss.

"Früher ging es zum Beispiel in der Champions League sofort zur Sache, da hatte man alle paar Wochen ein Spiel. Heute hat man erst eine Gruppenphase und kommt mit all den anderen Wettbewerben zusammengerechnet auf 70 Spiele in einer Saison."

Viel zu viel, befindet Boulahrouz - und sieht auch in der immer kürzer werdenden Regenerationszeit ein großes Problem, das die Spieler einem höheren Risiko aussetzt.

Immer mehr Körperpflege vonnöten

"Diejenigen, die im WM-Finale standen oder im Spiel um Platz drei, hatten gerade mal 19 Tage Urlaub. Man muss unglaublich aufpassen, wie man mit seinem Körper umgeht und muss ihn noch mehr pflegen."

Die Zahl kleinerer Verletzungen, Behandlungen der Spieler beim Physiotherapeuten und Masseur hätten enorm zugenommen.

An die einzige Lösung des Dilemmas, nämlich an einen abgespeckten Spielkalender, glaubt Boulahrouz nicht.

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