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Mirko Slomka ist seit Januar 2010 Trainer von Hannover 96 © getty

Im SPORT1-Interview erklärt der 96-Coach Slomka wie die Hannoveraner Favorit Sevilla in den Europa-League-Playoffs schlagen wollen.

Von Olaf Mehlhose

München - Er wurde 2010 als Entlassungskandidat Nummer eins gehandelt.

Am Ende der Saison stand nicht nur die beste Spielzeit von Hannover 96 in den Geschichtsbüchern, Mirko Slomka führte 96 mit Platz vier auch erstmals seit 1992 wieder ins europäische Geschäft.

Mit perfekter Kontertaktik und gnadenloser Effektivität knüpft Hannover auch in dieser Saison an die vorangegangene an und startete mit drei Pflichtspiel-Siegen in Folge.

In den Europa-League-Playoffs wartet nun aber die absolute Reifeprüfung: Gegen den FC Sevilla (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) wollen die Niedersachen in die Gruppenphase einziehen.

Kein leichtes Unterfangen gegen den zweimaligen UEFA-Cup-Sieger. Im SPORT1-Interview spricht Erfolgstrainer Slomka aber über die Stärke seiner Mannschaft, wie die Spanier geschlagen werden können und er schwärmt von einem Sevilla-Spieler.

SPORT1: Herr Slomka, drei Pflichtspiele, drei Siege - ist Hannover noch besser als vergangene Saison?

Mirko Slomka: Nein, aber wir haben an die Leistungen aus der vergangenen Saison angeknüpft und das macht die Stabilität der Mannschaft aus. Drei Mal haben wir mit derselben Startformation gespielt, keinen Neuzugang in der Startformation gehabt und sind von den Abläufen her sehr eingespielt. Aus diesem Grund braucht auch jeder neue Spieler eine gewisse Zeit, um diese Abläufe zu verinnerlichen und dann in die Mannschaft hineinzukommen. Es deutet sich an, dass wir auch in dieser Saison eine vernünftige Rolle spielen können. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

SPORT1: Vor allem Cleverness und Effektivität Ihrer Mannschaft werden gelobt. Kann man das trainieren, oder wo kommt das her?

Slomka: Besonders die Effektivität kann man natürlich im Training hier und da mit einbeziehen. Vor allem, was das Stürmerverhalten angeht, in die richtigen Positionen zu laufen und dann gezielt den Abschluss zu finden. Das sind ständige Wiederholungen im Training die wichtig sind. Genau diese Effektivität, besonders im Spiel nach vorne, zeichnet uns aus. Dazu kommt noch unsere Stabilität in der Defensive. 96 ist eine Mannschaft, die rundherum sehr gut harmoniert.

SPORT1: Mit dem FC Sevilla haben sie eines der schwersten Lose für die Europa-League-Playoffs abbekommen. Was macht Sie dennoch optimistisch, dass es gegen den zweimaligen Sieger zum Einzug in die Gruppenphase reicht?

[kaltura id="0_bo99qtms" class="full_size" title="Hannover Vorfreude pur"]

Slomka: Ich bin zunächst einmal sehr zuversichtlich, weil ich sicher bin, dass die AWD-Arena kochen wird. Seit 1992 ist mal wieder Europapokal in Hannover angesagt - wir brennen darauf, ein gutes Spiel zu zeigen. Wir brauchen aber nicht nur Effektivität, sondern, gegen eine technisch so starke Mannschaft, ein besonders hochaggressives Spiel gegen den Ball und eine hohe Stabilität in der Defensive. Natürlich brauchen wir auch in den Zweikampfsituationen etwas Glück, damit wir die entscheidenden für uns gewinnen. Aber wir wissen, was uns mit Sevilla erwartet - dieses Los hat auch was Gutes. Wir müssen hundert Prozent geben, um diese Mannschaft aus den Playoffs zu kegeln. Das wird schwer genug, aber wir werden alles geben.

SPORT1: Sie gelten als klarer Außenseiter. Liegt 96 diese Rolle ganz besonders?

Slomka: In der vergangenen Saison haben wir eigentlich permanent die Außenseiterrolle inne gehabt - und das auch ganz gut umgesetzt. Jeder hat geglaubt, dass wir einbrechen. Und auch jetzt glaubt jeder, dass wir gegen Sevilla keine Chance haben. Genau darin liegt natürlich für uns die Herausforderung und auch die Motivation, allen zu zeigen, dass Hannover 96 in Europa durchaus eine Chance haben kann. Sevilla wird uns alles abverlangen, aber wir halten dagegen.

SPORT1: Sie haben als Trainer mit Schalke schon mal gegen den FC Sevilla gespielt und sind im Halbfinale 2006 nach Verlängerung ausgeschieden. Was ist Ihnen aus den Partien damals besonders in Erinnerung geblieben?

Slomka: Das Gegentor von Puerta gegen Frank Rost in der Verlängerung sehe ich immer noch deutlich vor mir. Es war eine bittere Niederlage, denn es hätte der erste Titel meiner Trainerlaufbahn werden können. Den UEFA-Cup zu holen, wäre für uns etwas sehr Besonders gewesen. Aber wir haben es nicht geschafft, unser Heimspiel siegreich zu gestalten (0:0, Anm. der Red.). Das bedeutet: Wir müssen zuhause auf jeden Fall vorlegen. Denn in Sevilla, bei gefühlten 50 Grad Celsius in diesem Kessel, wird es ganz schwer zu bestehen. Einige Sevilla-Spieler von damals sind immer noch dabei, etwa Angreifer Frederic Kanoute. Wir treten gegen eine Klassemannschaft an.

SPORT1: Kommen da Revanche-Gelüste auf?

Slomka: (lacht) Dann wäre ich aber ganz schlecht beraten. Ich will, dass mein Team gut vorbereitet ins Spiel geht. Wir werden alles genauestens analysieren und versuchen, unsere Qualitäten einzubringen. Mit Revanche hat das aber nichts zu tun.

SPORT1: Das Heimspiel gegen Sevilla war innerhalb von drei Stunden ausverkauft. Beflügelt diese Euphorie auch die Mannschaft?

Slomka: Ich hoffe es wird sich nicht hemmend auswirken, dass wir so hohe Ansprüche anmelden, in Europa dabei zu können und zu dürfen. Die Mannschaft wird sich in Ruhe und voller Gelassenheit auf die Begegnung vorbereiten und dann alles geben, um unsere Fans in der AWD-Arena begeistert nach Hause zu schicken. Ob es am Ende gegen Sevilla reicht, werden wir sehen. Aber unser Publikum wird uns antreiben. Alles muss hundertprozentig passen, damit wir überhaupt eine Chance haben.

SPORT1: Wäre ein Ausscheiden gegen Sevilla ein herber Rückschlag, nachdem man eine Saison für das große Ziel Europa gearbeitet hat? Oder wäre es angesichts der Qualität des Gegners zu verzeihen?

Slomka: Ärgerlich wäre es sicherlich, den europäischen Wettbewerb nach zwei Spielen verlassen zu müssen. Natürlich wissen wir, dass es sehr schwer wird. Das Hinspiel findet in Hannover statt - damit könnte Sevilla im Rückspiel vor eigener Kulisse gut nachlegen. Aber wir nehmen es, wie es kommt. Wenn wir die Chance aufs Weiterkommen haben, müssen wir sie nutzen; Schwächen bei Sevilla müssen wir erkennen - und hineinstoßen. Sollte Sevilla uns in allen Belangen überlegen sein, müssen wir das mit Respekt betrachten und ihnen gratulieren. So gehen wir in das Spiel - und genau so ist es richtig.

SPORT1: Der Kader der Spanier hat sich seit 2006 verändert, welche Stärken zeichnen Sevilla aus?

Slomka: Es ist besonders ihre hohe technische Qualität. Sie haben mit dem ehemaligen Hamburger Piotr Trochowski und Ex-Schalker Ivan Rakitic technisch hochklassige Spieler hinzugewonnen. Das Team ist typisch für den spanischen Fußball: druckvoll, technisch sehr sicher und vorne mit Topstürmern wie Alvaro Negredo und Kanoute, die wir in Schach halten müssen - das ist ein großer Ansporn für uns.

SPORT1: Einen "Spanier" kennen Sie gut: Ivan Rakitic. Freuen Sie sich auf das Wiedersehen, oder blendet man das aus?

Slomka: Ich freue mich unheimlich auf das Wiedersehen. Ich schätze ihn als Mensch und Fußballer sehr, sonst hätte ich ihn damals nicht zu Schalke geholt. Er hat den Weg nach Sevilla gewählt und ist dort voll eingeschlagen. Nach meinem Wissensstand wird er im Hinspiel in Hannover aufgrund einer Verletzung nicht dabei sein, aber in Sevilla wird er wohl auflaufen. Ivan Rakitic ist ein toller Typ - egal, wie das Spiel ausgeht.

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