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Piotr Trochowski wechselte 2011 vom Hamburger SV zum FC Sevilla © getty

Manch ein Beobachter hatte den Ex-Nationalspieler nach seiner Verletzung schon abgeschrieben. Doch er kämpfte sich zurück.

Von Martina Farmbauer

München - Piotr Trochowski war einst ziemlich weit oben: Nationalspieler, Bundesligastar, im Ausland begehrt.

Auch wenn seine Karriere zwischenzeitlich immer mal wieder stockte, sollte sie 2011 durch den Wechsel vom Hamburger SV zum FC Sevilla noch einmal kräftig an Fahrt aufnehmen.

Der Plan ging nur bedingt auf. Zumal ihm vor rund einem Jahr ein mittelschweres Malheur wiederfuhr: Ein Knorpelschaden im Knie.

Nach endlosen Monaten harter Schufterei kämpfte sich Trochowski zurück und kehrte am vergangenen Wochenende auf die Fußball-Bühne zurück.

Zwar kassierte der 29-Jährige mit dem FC Sevilla eine 2:3-Niederlage in Barcelona. Als Gewinner durfte er sich aber trotzdem fühlen.

Trochowski ist wieder da - und er ist heiß.

Bei SPORT1 spricht er über seine lange Leidenszeit, neue Erfahrungen außerhalb des Platzes, sein Comeback und den Europa-League-Auftakt in Estoril (21.05 Uhr LIVESCORES).

SPORT1: Herr Trochowski, vor knapp einer Woche haben Sie Ihr Comeback in der spanischen Liga gefeiert. Wie war es, wieder auf dem Platz zu stehen?

Piotr Trochowski: Beim Aufwärmen und beim Spiel selbst war ich voll auf den Fußball konzentriert und habe sonst nichts um mich herum wahrgenommen. Es war sehr angenehm, einfach wieder spielen zu dürfen und eine Partie in der ersten Liga zu bestreiten. Kurz vor der Einwechslung war ich dann aber doch ein bisschen aufgeregt. Da habe ich gemerkt, dass es etwas Besonderes ist, weil ich ein Gefühl hatte, das ich seit zwölf Monaten nicht mehr gehabt hatte.

SPORT1: Zuvor war es fast genau ein Jahr her, dass Sie zum letzten Mal auf dem Platz standen. Am 29. September 2012, auch gegen Barcelona. Sie haben damals ein Tor geschossen, bevor Sie sich verletzten.

Trochowski: Da hat sich ein Kreis geschlossen. Für mich war es in den vergangenen Monaten immer ein Ziel, das erste Spiel gegen Barcelona zu machen.

SPORT1: Das ist geglückt. Nun können Sie die nächsten Aufgaben angehen. Was sind Ihre Erwartungen für die Europa League?

Trochowski: Sevilla hat die Qualität, im europäischen Wettbewerb zu spielen. Auf dem Papier zählt unser Verein mit dem aktuellen Kader nach wie vor zu den besten spanischen Klubs. Leider konnten wir dieses Potenzial in der vergangenen Saison nicht abrufen. Uns ist bewusst, dass wir die Chance international zu spielen, erst durch den Ausschluss des FC Malaga und Rayo Vallecano erhalten haben. Ich hoffe, dass wir zeigen können, dass wir dennoch zu Recht in der Europa League spielen.

SPORT1: Und persönlich?

Trochowski: Erfolg hängt an vielen Faktoren, so dass es schwierig ist, eine verlässliche Prognose abzugeben. Mit dem SC Freiburg, GD Estoril und Slovan Liberec haben wir in jedem Fall eine spannende Gruppe. Auf das Spiel gegen Freiburg freue ich mich, da ich natürlich die Bundesliga immer noch regelmäßig verfolge. Freiburg ist eine sehr junge Mannschaft und hat eine starke vergangene Saison gespielt. Wir haben in dieser Gruppe sicher die Favoritenrolle.

SPORT1: Was bedeutet es Ihnen, dass Sie ihr Ziel erreicht haben und Sie wieder dabei sind?

Trochowski: Ich verspüre eine gewisse Genugtuung. Viele haben nicht mehr damit gerechnet, dass ich überhaupt noch einmal professionell Fußball spielen kann.

SPORT1: Hatten Sie selbst auch Zweifel?

Trochowski: Ich habe erst im Nachhinein erfahren, wie die Leute denken. Sie sagen ja nicht direkt: "Du, pass auf, das wird nichts mehr mit Fußball." Natürlich kann man es zwischen den Zeilen lesen. Aber ich habe nur einen einzigen schweren Tag gehabt, das war nach der Diagnose. Danach ging es schnell voran. Ich wollte wieder fit werden und habe immer positiv gedacht.

SPORT1: Und jetzt verraten Ihnen Mitspieler, Trainer, Ärzte: "Mensch, das hätte ich aber nicht gedacht, dass Du das nochmal schaffst"?

Trochowski: Ärzte vor allem. Sie wissen ja, wie es Spielern nach Knorpelschäden ergeht. Wenn sie nun sehen, wie ich laufe und dass ich mehr oder weniger beschwerdefrei spiele, ist das schon ein kleines medizinisches Wunder. Vor meiner Verletzung dachte ich, ein Kreuzbandriss wäre extrem schwerwiegend. Aber im Nachhinein wäre das halb so schlimm gewesen.

SPORT1: Sie sollen gesagt haben, dass die Verletzungszeit gut war, um den Kopf frei zu bekommen. Wie haben Sie das gemeint?

Trochowski: Ich weiß, das klingt kurios. Ich bin ja schon etwas länger im Fußballgeschäft, und es war ein Schlag, als ich die Diagnose bekommen habe. Doch danach begann für mich ein anderer Lebensabschnitt. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt - und gelernt, geduldig zu sein und bewusster zu handeln. Wenn ich in der Reha mal wieder ein geschwollenes Knie hatte, habe ich ein paar Tage pausiert und mich nicht verrückt gemacht. Das Ganze bringt einen auch mental weiter.

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