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Schröder feierte zwischen 1981 und 1989 sechs Meistertitel in der DDR © getty

Der erfolgreichste deutsche Frauenfußball-Trainer wird 70. Bei SPORT1 spricht Bernd Schröder über sein Siegerteam in Potsdam.

Von Mathias Frohnapfel

München - Ein großes Brimborium zum 70. Geburtstag will Bernd Schröder nicht.

Sein Jubiläum am 22. Juli feiert der Trainer von Turbine Potsdam nur mit seiner Frau, verreist übers Wochenende.

"Ich will diesen Trubel nicht", sagt er frei heraus.

Sobald der kantige Coach in Potsdam zurück ist, wird er weiter am Kader feilen, mit Argusaugen überwachen, dass keine Spielerin seines Meisterteams sich in der Saisonvorbereitung nur einen Millimeter zurücklehnt.

Schröder ist der wohl weltweit erfolgreichste Vereinstrainer im Frauenfußball und hat weit über seine Arbeit mit den "Torbienen" hinaus Legendenstatus.

Champions-League-Sieg 2010 die Krönung

Passt ihm etwas nicht, spricht er es an. Dafür nimmt es Schröder in Kauf, womöglich jemanden vor den Kopf zu stoßen oder wie vor der Frauenfußball-WM im eigenen Land die Euphorie ums Nationalteam abzukühlen.

Viermal in Folge triumphierte er zuletzt mit Potsdam in der Meisterschaft - eine Bestmarke.

Und das obwohl die Konkurrenz vom 1. FFC Frankfurt ihr Team Jahr für Jahr aufrüstet, Schröder umgekehrt immer wieder herausragende Spielerinnen wie Edeltechnikerin Fatmire Bajramaj ziehen lassen muss.

Sechsmal führte Schröder Potsdam vorher bereits zum Titel des DDR-Meisters, nahm 2004 mit dem Double aus Pokal und Meisterschaft die Erfolgsspur im wiedervereinigten Land auf.

Großtaten auf internationalem Parkett wie dem UEFA Woman's Cup 2005 und dem Champions-League-Titel 2010 folgten.

Im SPORT1-Interview spricht der 70-Jährige über seine Karriere, das Erfolgskonstrukt von Turbine Potsdam und seine Arbeitsweise.

SPORT1: Herr Schröder, Sie haben als Frauenfußball-Trainer sämtliche Rekorde gebrochen, welches Geheimnis steckt hinter diesem Erfolg?

Bernd Schröder: Wenn man Erfolg haben will, muss man Arbeit reinlegen, braucht Leidenschaft und Zuverlässigkeit. Leistung ist für mich der Ausdruck von funktionierenden Strukturen. Man braucht Leute um sich herum, die bereit sind das zu verkörpern. Und man muss eine starke Persönlichkeit sein, um diese Leute zu begeistern. Zu einer Führungsrolle gehören natürlich auch klare Ansagen.

SPORT1: Sie konnten in Potsdam seit 1971, also seit mehr als 40 Jahren, an Ihrem Projekt arbeiten. Wären Sie ohne diese Kontinuität auch woanders so erfolgreich gewesen?

Schröder: In Potsdam haben wir durch den Olympiastützpunkt eine Sportfamilie mit Kanu, Leichtathletik, Rudern und Schwimmen, die auf engen Raum zusammen ist. Ich habe unheimlich profitiert von den anderen Sportarten. Deshalb glaube ich nicht, dass es woanders so einfach gegangen wäre. Bei uns ziehen Politik und Wirtschaft an einem Strang, angefangen vom Ministerpräsidenten bis zu den Unternehmen.

SPORT1: 1981 wurden Sie mit Potsdam zum ersten Mal DDR-Meister. Haben Sie an diesem Punkt gemerkt, Sie haben für sich das Richtige gefunden?

Schröder: Ich habe ja jetzt im Frauenfußball 20 Jahre DDR und 20 Jahre BRD erlebt. Es war damals schon eine Bestätigung, weil man ja nicht ahnen konnte, wo die Reise hingeht. Ich spüre aber in einer solchen Situation sofort die Last der Verantwortung, das Erreichte zu halten oder noch auszubauen.

SPORT1: Sie arbeiten nun seit mehr als 40 Jahren als Frauentrainer, verstehen Sie die Frauen mittlerweile perfekt?

Schröder: Natürlich hat man das Gefühl, man wäre näher dran. Es wurde ja festgestellt, dass die Entwicklung der Frauen nicht genbedingt ist, sondern vor allem durch die Erziehung beeinflusst wird. Es ist wichtig, das zu wissen. Aber: Die Frauen kann eigentlich nur der Schöpfer verstehen.

SPORT1: Worauf kommt es neben dem Umfeld im Umgang mit den Sportlerinnen an?

Schröder: Ich denke, dass eine angemessene Distanz im Mannschaftssport wichtig ist. Es gibt unterschiedliche Generationen und Charakter in einer Mannschaft. Wenn man Frauen- und Männerfußball vergleicht, sind das zwei unterschiedliche Sportarten, auch was die Psychologie anbelangt.

SPORT1: Das heißt?

Schröder: Psychologie ist auch, wenn man weniger redet. Man muss in einem großen Maß Vorbild sein, das wird von Frauen mehr beachtet und aufmerksamer beobachtet als von Männern.

SPORT1: Sie haben in Ihrer Laufbahn keinen Konflikt gescheut, während der Frauen-WM als SPORT1-Kolumnist auch klar Versäumnisse von Bundestrainerin Silvia Neid angesprochen. Würden Sie im Nachhinein manche Dinge anders formulieren?

Schröder: Klar könnte man etwas anders formulieren, doch die Inhalte bleiben ja die gleichen. Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe. Unsere Bundestrainerin ist ja jetzt eng verbunden mit meiner Person, weil ich ihr die Dinge ehrlich gesagt habe, andere haben es hintenrum gemacht. Wenn man etwas sagt, muss man auch dazu stehen. In Deutschland ist das problematisch, manche wackeln hin und her, als hätten sie Angst, sie würden erschossen.

SPORT1: Warum ist das bei Ihnen anders?

Schröder: Ich bin eine andere Generation, habe Bergbau studiert, da weiß man, welche Verantwortung man hat, wenn man unter Tage arbeitet.

SPORT1: Sie feiern jetzt Ihren 70. Geburtstag, andere sind in diesem Alter längst in Rente. Wie lange wollen Sie noch bei Turbine der "Mister Potsdam" sein?

Schröder: Ich habe das Bundesverdienstkreuz bekommen, im letzten Jahr den Trainerpreis für Mitteldeutschland, was mich besonders gefreut hat, weil da mit anderen Sportarten verglichen wird, die etwa im Wintersport schon Weltmeister und Olympiasieger hervorgebracht haben. Das freut mich natürlich, aber ich hab auch eine Verpflichtung für den Verein. Da kannst du nicht einfach alles hinschmeißen.

SPORT1: Viel Freizeit werden Sie nicht haben, oder?

Schröder: Nun, ich habe viele junge Leute um mich herum, Co-Trainer, Physiotherapeuten und so weiter. Da fühle ich mich nicht unwohl, bei uns ist das Team der Star, das geht vom Busfahrer los. Alex Ferguson (er ist bereits im vergangenen Dezember 70 geworden, Anm. d. Red.) arbeitet bei Manchester United ja auch nicht allein.

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