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SPORT1-Redakteur Mathias Frohnapfel (l.) im Gespräch mit WM-OK-Chefin Steffi Jones © getty

OK-Chefin Steffi Jones spricht bei SPORT1 über die wachsende Vorfreude auf die WM, Ziehvater Zwanziger und neue Fan-Gruppen.

Von Mathias Frohnapfel

Frankfurt - "Das Ding kann gar nicht floppen", sagt Steffi Jones.

"Das Ding" ist die Frauen-WM und sozusagen ihr Baby, ist doch die 38-Jährige als Präsidentin des WM-Organisationskomitees das Gesicht der WM in Deutschland.

Im SPORT1-Interview spricht Jones über das große Projekt, Veränderungen im Frauenfußball (DATENCENTER: Der WM-Spielplan) und fehlende Trainerinnen für den erhofften Boom nach der WM 386765 (DIASHOW: Die Vorbereitung des DFB-Teams).

SPORT1: Frau Jones, stimmt es, dass Sie 1993 beim ersten Länderspiel Nachhilfe in Sachen Nationalhymne brauchten?

Steffi Jones: Ja, wir haben in der Schule nie die Nationalhymne gelernt. Als wir das erste Länderspiel hatten, sagte meine Mitspielerin Heidi Mohr, die mit mir auf dem Zimmer war: "Schoko, was is? denn?" Und ich jammerte: "Ich kann die Nationalhymne nicht." Dann wurde der Text ausgedruckt, und ich habe ihn gelernt.

SPORT1: Von Ihnen als OK-Chefin wird heute sowieso erwartet, dass Sie die Hymne mitsingen, oder?

Jones: Klar, und selbst wenn ich zu Hause mit Freunden ein Länderspiel im Fernsehen anschaue, müssen die aufstehen und die Nationalhymne singen.

SPORT1: Sie stammen aus einem Frankfurter Problemviertel, haben sich mit Hilfe des Fußballs nach oben gekämpft. Macht Sie das stolz?

Jones: Ich hätte mir nie erträumt, Nationalspielerin werden zu können. Das war wie ein Traum. Auf einmal wollten Kinder ein Autogramm von mir. Der liebe Gott meint es sehr gut mit mir, am Anfang war das nicht so, jetzt kommt viel zurück.

SPORT1: Welchen Stellenwert hat da Ihre Familie für Sie?

Jones: Meine Mutter ist sehr wichtig, sie begleitet mich heute noch, sie schickt mir SMS, wenn ich einen Auftritt hatte, und schreibt mir, dass ich mich entwickelt habe. Das ist ein Kompliment, das mir sehr gut tut. Sie ist die wichtigste Frau und Freundin in meinem Leben.

SPORT1: Der Kontakt zu Ihrem Vater, einem früheren US-Soldaten, ist lose, oder?

Jones: Ja, ich hatte und habe aber Ziehväter, die mir helfen, Dieter Hochgesand, Moni Staab und auch Herr Dr. Zwanziger, der sehr auf mich aufpasst und mich stützt. Das ist sehr schön, wenn es so eine väterliche Rolle gibt.

SPORT1: Sind Sie während der WM als OK-Chefin eigentlich zur Neutralität verpflichtet oder dürfen Sie sich auch über deutsche Siege freuen?

Jones: Klar, ich war ja früher selbst Spielerin und fieber kräftig mit. Ich bin mit dem Herzen dabei.

SPORT1: Von der sportlichen Konstellation kann man Deutschland, USA und Brasilien quasi sicher ins Halbfinale tippen. Was sagt das aus Ihrer Sicht über den Frauenfußball aus?

Jones: Wir haben immer noch diese drei Top-Teams, doch meiner Meinung nach ist es auch dichter geworden. Die anderen Länder, auch die Afrikaner, haben aufgeholt. Bei der nächsten WM werden 24 Teams mitspielen, das ist wichtig, damit sich die Länder auch international messen können.

SPORT1: Manche Partien wie Australien gegen Äquatorial-Neuguinea werden gewiss keinen Ansturm auslösen. Geben Sie doch mal einen Überblick über die aktuellen Ticketzahlen.

Jones: Wir sind aktuell bei rund 570.000 verkauften Tickets. Es gibt aber Spielpaarungen, wo es den Leuten schwer fällt, einzuschätzen, wird das jetzt gut oder nicht. Ich versuche zu vermitteln, dass jedes Spiel attraktiv werden kann.

SPORT1: In Bochum und Leverkusen finden vom Namen her eher weniger attraktive Partien statt. Machen Ihnen die Verkaufszahlen da Sorgen?

Jones: Wir haben sicherlich noch Karten über, Augsburg und Sinsheim laufen umgekehrt sehr gut. Wir sind aber gewiss in jedem Stadion bei über 10.000 Fans.

SPORT1: Wie wichtig ist der Blick auf die Familien und Kinder als mögliche Fan-Gruppen?

Jones: Die haben wir immer als Zielgruppen angesprochen, waren in Schulen und Grundschulen. Wir haben durch die Bilder, die wir dort zeigen, Werbung gemacht. Die Kinder sollen sehen, egal, wer kommt, die schießen auch tolle Tore.

SPORT1: Wie viele Besucher und Fans aus anderen Ländern erwarten Sie?

Jones: Es werden keine Tausende sein. Aber wir sind auch in Deutschland multikulti, in Heidelberg gibt es zum Beispiel viele US-Bürger, die sich die Spiele ihres Teams anschauen werden. Als die Brasilianerinnen zuletzt in Deutschland spielten, kamen ja auch viele Brasilianer, die in Deutschland leben.

SPORT1: Wie ist der Kontakt nach Japan? Wird das Team trotz des schrecklichen Erdbebens teilnehmen?

Jones: Der Kontakt nach Japan ist da, es kommen auch ständig wieder neue Situationen und leider auch neue Beben. Das ist sehr schrecklich, was dort passiert. Wir versuchen sehr sensibel herauszuhören, wie es dem Team geht und ob sie überhaupt ihre Vorbereitung machen können. Wir können nur anbieten, dass wir Trainingsmöglichkeiten und alle Hilfe, die uns möglich ist, stellen. Es liegt an ihnen vor Ort, sich zu entscheiden.

SPORT1: Nach der WM könnte ein Riesen-Boom für den Mädchenfußball folgen. Ist der Frauenfußball vorbereitet? Gibt es genug Trainerinnen und Trainer?

Jones: Der Frauenfußball ist auf jeden Fall vorbereitet. Trainerinnen gibt es aber noch zu wenig. Daran wollen wir in Zukunft arbeiten. Nur sehr wenige Spielerinnen werden nach ihrer Zeit Trainerinnen. Kaum eine kann das hauptberuflich machen. Wir müssen daran arbeiten, dass sie Spaß haben, das zurückzugeben, was sie selbst als positiv erlebt haben.

SPORT1: Und wenn es im Sommer drei Wochen regnet, Deutschland schwach spielt, scheitert dann die WM?

Jones: Das Ding kann gar nicht floppen. Und ich gehe davon aus, dass die Sonne ab dem ersten Tag scheint, ich bin ja auch ein Sonnenschein (lacht).

SPORT1: Wie sehen Sie die Rolle von Bundestrainerin Silvia Neid? Wie stark steht Sie unter Druck?

Jones: Sie ist zu beneiden, sie hat eine sehr starke Mannschaft und kann daher variabel agieren. Sie hat Druck, den hat auch die Mannschaft. Sie war selbst Spielführerin, lange Co-Trainerin und wurde Weltmeisterin 2007. Sie weiß genau, wie sie die Spielerinnen einstellen muss. Sie wird das gut machen, da habe ich keine Sorge. Sie hat junge und erfahrene Spielerinnen, dafür braucht sie viel Fingerspitzengefühl, wenn noch drei, vier Spielerinnen raus müssen. Das wird sie meistern.

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