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SPORT1-Redakteur Mathias Frohnapfel im Gespräch mit Bundestrainerin Silvia Neid © getty

Bundestrainerin Silvia Neid kennt die Erwartungshaltung vor der WM. Bei SPORT1 schildert sie, wie sie das Team darauf vorbereitet.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Herzogenaurach - Falls da ein Fünkchen Anspannung ist, so lässt sich Silvia Neid das im Moment nicht anmerken.

Im Plauderton berichtet die Bundestrainerin von der selbst gewählten Aufgabe, die größer nicht sein könnte: Deutschland will als erstes Land in der Geschichte des Frauenfußballs den WM-Titel zum dritten Mal in Folge holen.

Und das im eigenen Land - unterstützt von zig tausend feierfreudigen Fans.

Doch bis zum WM-Start am 26. Juni (DATENCENTER: Der WM-Spielplan) muss Neid wie eine präzise Architektin immer wieder die Statik ihres Teams überprüfen.

Bei der Auswahl ihres Kaders hat die frühere Spielmacherin daher ganz genau auf die richtige Balance aus jung und alt, Kämpfertypen und Kreativspielerinnen geachtet 366780(DIASHOW: Der endgültige WM-Kader)

Im SPORT1-Interview spricht sie über die psychologische Komponente in der Vorbereitung, Unterschiede zu Jogi Löws Turnier-Endspurt und erklärt, warum die schwierigsten Gegner für ihre Frauen jetzt die besten sind.

SPORT1: Frau Neid, in Deutschland erwartet jeder wie selbstverständlich den WM-Titel. Würden Sie da nicht gerne bremsen und darauf hinweisen, dass die anderen Nationen aufgeholt haben?

Silvia Neid: Ich denke, dass die Menschen in Deutschland Frauenfußball vor allem bei einem Highlight sehen, etwa bei der WM 2003 oder 2007 oder der EM 2009. Und sie sehen, dass wir gewonnen haben, dass wir die Ersten sind. Die Zuschauer sagen dann: "Ach ja, die sind so gut, die gewinnen eh wieder."

SPORT1: Jetzt kommt ein Aber, richtig?

Neid: Ja, es ist sehr schwer, das zu wiederholen und am Ende ganz oben zu stehen. Dazu gehört viel Arbeit. Nehmen Sie das Finale 2009 gegen England. Wir haben 6:2 gewonnen, doch die Partie war bis zur 60. Minute total ausgeglichen. Erst als wir das 4:2 erzielt haben, kippte das Spiel. Wir waren danach überlegen - kein Wunder, die Engländerinnen mussten immer dem Rückstand hinterher laufen. Das hat was mit Psychologie zu tun. Das blanke Ergebnis spiegelt nicht wider, wie groß der Aufwand war. Das ist aber den Menschen, die sich nicht täglich mit dem Thema Frauenfußball befassen, nicht so leicht zu vermitteln.

SPORT1: Sie haben für die Testspiele schwere Gegner ausgesucht. Und vor dem Spiel gegen Nordkorea gab es für die Spielerinnen im Training keine Schonung. Mögen Sie es eigentlich, Ihrem Team besonders hohe Hürden aufzustellen?

Neid: Das ist auch wichtig. Was nützt es uns, wenn wir gegen einen leichten Gegner spielen und sowieso die bessere Mannschaft sind? Wir wollen an unsere Grenzen gehen und sie ein wenig nach oben verschieben. Es kann auch sein, dass wir mal verlieren. Wir haben in den Tests mit Italien und den Niederlanden richtig starke Gegner, die sehr unangenehm sein können. Italien hat ein sehr gutes Abwehrverhalten, die Niederländerinnen sind sehr robust im Zweikampf. Auch Norwegen wird uns extrem fordern und uns weiterbringen.

SPORT1: Haben Sie keine Angst vor einer Testpleite und den anschließenden öffentlichen Fragen?

Neid: Das wäre mir egal. Wir ziehen unsere Schlüsse aus den Leistungen. Man kann aus einer Niederlage lernen. Wir werden die Fehler analysieren und abstellen für die Partien, in denen es zählt.

SPORT1: Lira Bajramaj hat gesagt, sie würde sich vor der WM bei Süßigkeiten einschränken. Verzichten Sie für das große Ziel selbst auf irgendetwas?

Neid: Ich verzichte auf nichts, mache alles so wie immer. Bei dem guten Essen derzeit in den Hotels muss man aber mal den Nachtisch weg lassen (lacht), das mache ich aber sonst auch.

SPORT1: Sie wurden Anfang des Jahres als weltbeste Trainerin ausgezeichnet. Glauben Sie, dass die nächste weltbeste Spielerin aus Deutschland kommen kann?

Neid: Die Brasilianerin Marta ist im Moment die Beste, das beweist sie auch in den Länderspielen. Mir wäre es aber am allerliebsten, wenn bei der nächsten Wahl fünf deutsche Spielerinnen zur Auswahl stehen würden. Das würde bedeuten, wir hätten eine super WM gespielt.

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SPORT1: Nerven Sie eigentlich die ständigen Verweise auf die quasi paradiesischen Verhältnisse und die lange Vorbereitung, von der Bundestrainer Joachim Löw nur träumen könnte?

Neid: Ja, aber wir leben von dieser Vorbereitung. Jogi Löw hätte das sicher auch gern, doch er braucht es nicht unbedingt. Außerdem ist die Männer-Bundesliga nicht mit der Frauen-Bundesliga zu vergleichen. Die Männer-Bundesliga ist eine Vollprofi-Liga, die der Frauen nicht. Da gibt es Spielerinnen, die acht Stunden am Tag arbeiten und danach abends ins Training gehen.

SPORT1: Also war es richtig, schon im April in die Vorbereitung einzusteigen?

Neid: Wir brauchen die Vorbereitung, um die Spielerinnen auf das Turnier-Niveau zu bringen. Wir werden alle vier Tage ein Spiel haben, wenn wir ins Finale kommen sechs Spiele spielen. Ich mache das ja nicht, weil ich nicht weiß, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Ich kann eben nicht sagen: "Wir treffen uns eine Woche vor der WM und hauen sie dann alle weg."

SPORT1: Im Team stehen einige junge Spielerinnen wie Kim Kulig oder Alexandra Popp. Weshalb denken Sie, dass sie während der WM dem Druck standhalten können?

Neid: Der Druck ist für mich erst mal nicht die wichtigste Frage, sondern die Frage nach der Qualität der einzelnen Spielerinnen. Auch die jungen Spielerinnen gehören dazu, Kim Kulig ist nicht zum ersten Mal dabei, war 2009 eine der besten. 2010 hat sie auch die U-20-WM vor großen Zuschauerkulissen gespielt.

SPORT1: Kulig hat sich gegen Nordkorea den fälligen Elfmeter geschnappt und verwandelt. Ist das ein Zeichen für ihr gewachsenes Selbstvertrauen?

Neid: Es war wohl so, dass keiner so richtig wollte, dann hat sie gesagt: Gib mir den Ball, ich haue ihn rein. Das ist schön, dass sie die Verantwortung übernimmt, auch wenn sie noch so jung ist. Sie hat ja auch bis dahin ein gutes Spiel gemacht. Wir haben keine speziellen Elfmeterschützin. Die Spielerin, die sich am besten fühlt, schießt.

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